Mittwoch, 20. August 2014

Weisheiten von Zen-Meistern I: Hongren, Chinul und Ejô

"Erwache zunächst durch dich selbst, dann suche andere auf."

Heute und nächste Woche fasse ich für mich interessante Erkenntnisse bekannter und weniger bekannter Zenmeister zusammen. Als Quelle diente u.a. Thomas Cleary (Hg.): Minding Mind. A course in basic meditation. (Boston 1995).


Meister Hongren (602-675, fünfter Patriarch):

"Erleuchtung wird verwirklicht, wenn man seinen Geist versteht. Verwirrung entsteht, wenn man den Kontakt zu seiner eigenen Natur verliert."

"Den eigenen Geist zu verstehen ist der wahre Geist, so verschwinden irrige Vorstellungen. Wenn irrige Vorstellungen schwinden, wird man achtsam. Durch Achtsamkeit entsteht leidenschaftslose Wahrnehmung, und so erkennt man die Natur der Wirklichkeit. Dies bedeutet, Nirwana zu erlangen."

"Weil sowohl das Selbst auch als Nirwana leer sind, gibt es keine zwei mehr, nicht einmal eins."

"Eine Schrift spricht davon, in der Hölle zu sein bedeute, sich in einem Vergnügungspark zu befinden."

"Die Schriften sprechen auch davon, dass Menschen sich selbst befreien, wenn sie ihren Geist verstehen. Buddhas können keine Menschen befreien."

"Arbeite! Arbeite! Ziehe alte Klamotten an, esse schlichte Nahrung und erhalte den wahren Geist der vollständigen Klarheit. Täusche Unwissenheit vor, wirke sprachlos."

"Die Besten brauchen nur einen Augenblick, andere zahllose Äonen."


Meister Chinul (1158-1210, der auch vom "Wissen, das keinen Lehrer hat" sprach und vom "Erwachen, ohne von jemand anderem abzuhängen"):

"Es heißt: 'Plötzlich erwacht, bist du wie Buddha, doch die Energie, die sich aus den Angewohnheiten deiner Leben angesammelt hat, sitzt tief. Der Wind ist still, doch es wogen noch Wellen; das Namenlose ist manifest, doch noch strömen Gedanken ein."

"Wenn du die Übung vor dem Erwachen kultivierst, dann wird selbst bei größter Anstrengung ein Zweifel nach dem anderen auf deinem Weg erscheinen, und es wird dir nicht möglich sein, das Hindernislose zu erlangen. Es wird sich anfühlen, als hättest du etwas in deiner Brust stecken, Zeichen des Unwohlseins werden gegenwärtig sein."

"Es heißt, wir sollten nicht das Auftauchen von Gedanken fürchten, sondern nur, sie nicht schnell genug zu erkennen. Wenn Gedanken auftauchen, erkennt sie sofort, denn wenn ihr euch ihrer bewusst werdet, verschwinden sie."

"Spontanes Erwachen und das Kultivieren der Übung finden nicht in der Stille statt. Hartnäckige Quietisten sind verwirrt."

"Für Übende ist das gleichzeitige Aufrechterhalten von Konzentration und Einsicht keine Frage der Anstrengung, es geschieht spontan und mühelos, ohne einen besonderen Zeitrahmen. (...) Was immer sie tun, Gehen, Stehen, Sitzen, Sichausruhen, Reden, Schweigen, Feiern, Wüten - immer und in allem sind sie dies, wie leere Boote auf den Wellen, die mit Ebbe und Flut treiben, wie ein Fluss, der durch die Berge fließt, sich in den Kurven windet und dann wieder gerade dahintreibt, ohne sich um irgendeinen Geisteszustand zu kümmern."

"Einst fragte ein König einen buddhistischen Heiligen: 'Was ist Buddhaschaft?' Der Heilige sagte: 'Die Essenz zu begreifen ist Buddhaschaft.' Der König fragte: 'Erkennst du diese Essenz?' Der Heilige antwortete: 'Ich erkenne die Essenz der Erleuchtung.' - 'Wo ist diese Essenz?' - 'Die Essenz ist in der Wirkung.' - 'Um welche Wirkung handelt es sich, wenn sie jetzt gerade gar nicht sichtbar ist?' - 'Sie wirkt gerade jetzt, nur seht Ihr sie nicht.' - 'Existiert sie auch in mir?' - 'Wann immer Ihr handelt, ist sie da. Wenn Ihr inaktiv seid, ist sie jedoch schwer zu erkennen.' - 'Wenn sie angewendet wird, an wie vielen Orten erscheint sie dann?' - 'Es müssen acht Orte sein.' - 'Bitte erklärt mir diese acht Manifestationen.' - 'Im Mutterschoß wird es Körper genannt, in der Gesellschaft Person, in den Augen Sehen, in den Ohren Hören, in der Nase Gerüche unterscheiden, in der Zunge Sprechen, in den Händen ergreifen und falten, in den Füßen Laufen und Rennen. Es manifestiert sich überall, zahllose Welten sind in einem einzigen Atom versammelt. Wer versteht, erkennt dies als Buddha-Natur, die Essenz der Erleuchtung. Wer nicht versteht, hält es für die Seele.'"

Meister Ejô (1198-1282):

"Der Wille zu erwachen ist die Ursache, großes Mitempfinden ist die Wurzel, geschickte Mittel sind das höchste."

"Dies wird offenbar in der Unangestrengtheit des einfachen Sitzens."

"So du es nicht mit deinen eigenen Augen untersuchen kannst, wirst du auch dann ein bedauernswertes Wesen sein, wenn du dir den Kopf scherst und dich in Schwarz kleidest. Selbst wenn du tausend Schriften und zehntausend Abhandlungen interpretieren kannst, 'zählst du nur die Schätze eines anderen Hauses', du bist ein 'Seefahrer, der weiß, dass da etwas Wertvolles ist, aber den Preis nicht kennt'."

"Wenn du diese mystische Botschaft annimmst, musst du keinen anderen mehr fragen, ob sie wahr oder falsch ist: Es wird so sein, als würdest du deinen eigenen Vater mitten in der Stadt treffen. Bitte nicht andere um ein Siegel der Bestätigung oder irgendeine Prophezeiung deines Erlangens."




(Mönchsprozession in Pattaya, Foto: Keller)

Mittwoch, 13. August 2014

Wie Jack Kornfield Ajahn Chah verrät

 "Nimm das Gute von dem, was dein Lehrer anbietet." (Ajahn Chah)

Über die Kommentarfunktion meines vorletzten Beitrages wurde ich gefragt, was ich vom Vipassana-Lehrer Jack Kornfield halte. Ich gebe zu, mich bisher nicht weiter mit ihm beschäftigt, aber irgendwie im Hintergrund einen sympathischen Eindruck behalten zu haben, wann immer er mir unterkam. Das hat sich nun geändert. 
   Laut seiner Website besitzt Kornfield einen Doktortitel in klinischer Psychologie, was ihm ein hinreichendes Auskommen bescheren dürfte. Er vergisst auch nicht seine Zeit beim hoch angesehenen thailändischen Waldklostermönch Ajahn Chah (1918-1992; dessen Wiki-Eintrag ist wohl von Ajahn Sumedho verfasst) zu erwähnen. Über diesen publizierte Kornfield ein Interview, das uns einen guten Einblick in Ajahn Chahs Erkenntnistiefe gibt. Obwohl er die Mönchsdisziplin und ihre zahrleichen Regeln verteidigt, weist er immer wieder darauf hin, worum es tatsächlich geht und wo unsere Erwartungen in die Irre führen: 

"Sie kommen - wie ihr - aus dem Westen und bitten, dass ich sie etwas lehre, als ob ihnen das weiterhelfen könnte ... Buddha erlangte Erleuchtung durch sich selbst, er hatte keinen Lehrer. Er tat es selbst. In dieser Hinsicht sind wir alle wie Buddha. Niemand kann diese Arbeit für uns tun. (...) Wir alle müssen uns selber erleuchten." (S. 20)

"Der Kern der Mönchsdisziplin ist die Betrachtung der eigenen Absicht, das Untersuchen des eigenen Geistes. Seid weise. Unterscheidet nicht." (S. 18)

"Du entwickelst deine Weisheit nicht, indem du andere beobachtest." (S. 13; man täusche sich also auch nicht beim Lesen dieses Blogs ...) 

"In Wirklichkeit gibt es weder atta noch anatta." (S. 15) 

"Sammlung (samatha) und Weisheit (vipassana) arbeiten Hand in Hand." (S. 10)

"Selbst Frieden muss als vergänglich angesehen werden. (...) Gib alles auf, selbst den Frieden." (S. 16)

"Hui-nengs Weisheit ist sehr tief. (...) Wenn du Nicht-Anhaften übst, wirst du sie schließlich verstehen." (S. 10)

"Wenn du weise bist, wirst du nicht an konzentrierten Geisteszuständen hängen bleiben. Es ist damit genauso wie mit dem Wunsch, lange zu sitzen. Das ist gut zur Übung. Aber in Wirklichkeit ist die Übung unabhängig von jeder Körperhaltung. Es ist eine Frage der unmittelbaren Betrachtung des Geistes. Das ist Weisheit."

Obwohl Ajahn Chah riet: "Wenn du nach den nächsten fünf Löffeln satt wärest, hör auf (zu essen)", starb er, unnötig lange, an den Folgen seiner Diabetes. Seinen Rat gegen Müdigkeit habe ich jedoch schon mit Freuden und zum Gelächter einiger Kinder befolgt: "Gehe rückwärts. Die Furcht, gegen Dinge zu stoßen, wird dich wachhalten."

Nun zurück zu Kornfield. Auf seiner Website finden sich überraschenderweise etliche kostenpflichtige Audio-Dateien zum Download, deren Inhalt sich vornehmlich an Anfänger richtet und die üblichen Themen behandelt. Und das, obwohl Kornfield allein durch den Verkauf seiner Bücher (er spricht von über einer Million Auflage) zum Millionär geworden sein müsste. Nur wenige Texte von ihm hingegen sind frei einsehbar, etwa in seinem Blog, und sie strotzen nur so von buddhistischem Friedefreude-Eierkuchen-Duktus, wie man ihn kennt. Kornfields Schreibertalent ist unverkennbar, seine Uneinsichtigkeit jedoch auch. Einmal faselt er von einer Nonne, die sich von metastasierendem Krebs durch Kräuter und einjährige Meditation "geheilt" hätte, ein anderes Mal wirbt er für eine Burma-Reise mit "Partner Asia", die für einen neuntägigen Fahrradexkurs eine Spende von 10.000 USD erwarten und für den "bike trip" selbst 1.600 USD in Rechnung stellen, mit dem Hinweis, andere Anbieter würden dafür 5.000 USD verlangen. (Ich garantiere hiermit, dass man für weniger als 1.000 USD mehr als 9 Tage lang durch Myanmar radeln kann.) Über die geschickte Reisefinanzierung von Mönchen und buddhistischen Lehrern könnte ich noch mehr schreiben. Als ich Kornfield auf einem Foto im Profil sah, musste ich an Jerry Seinfeld denken, der wenigstens aus seiner Kohle (die er u.a. in einen antiken Fuhrpark investierte) keinen Hehl macht, trotzdem einen einfachen Donut genießen kann und sich fragt, worum es eigentlich noch geht, wenn man ausgesorgt hat. Darüber kann ich wenigstens lachen.

Ein Retreat mit Kornfield und anderen kostet ca. 100 USD am Tag - ohne Verpflegung und Unterkunft. Würde man also einen Monat mit diesen Spezies verbringen wollen, würde das einen durchschnittlichen Zweimonatslohn auffressen.Vom Waldkloster übrig bleiben ein paar Phrasen und Einsichten, die jedermann zitieren könnte, der ein bisschen rhetorisches Geschick besitzt, und für die keiner bezahlen muss, weil man vom Original hinreichend kostenlos im Netz findet.

[Nachtrag:] Ich rechne Kornfield das Eingeständnis an, dass seine kleine Umfrage unter buddhistischen Lehrern ergeben habe, 34 von 39 hätten eine intime Beziehung zu ihren Schülern bzw. Schülerinnen (Quelle: Bringing Home the Dharma). Das schützt jedoch nicht vor Naivität oder Dogmenphrasen, so wenn er Ruth Denisons Credo übernimmt, Karma bedeute, dass man "mit nichts davonkäme" (A Path with Heart). Ein solcher Irrglaube beruht auf einer traditionellen Vorstellung von Karma, nach der die Absicht einer Handlung bereits entscheidend für die nachfolgenden Wirkungen sei. Es darf dann nicht verwundern, dass Kornfield buchstabengetreu dazu rät, bei der Meditation gelegentlich zu überprüfen, ob die "7 Faktoren der Erleuchtung" vorhanden seien (Seeking the Heart of Wisdom).  Im Gilana Sutta erfahren wir freilich, was es damit auf sich haben kann - dort wird der schwerkranke Buddha plötzlich geheilt, nachdem auf seine Aufforderung hin Cundo die sieben Erwachungsglieder aufgezählt hat. Die folgenden Abschnitte unterstreichen zudem, dass mit der "Leidversiegung" im Palikanon tatsächlich auch körperliches Leiden und Krankheit gemeint waren. Abgesehen davon, dass das übliche Verständnis der einzelnen Faktoren diese untereinander inkompatibel macht: Gerichtete Konzentration kann nicht mit dem Gewahrsein aller Phänomene und dem "Hinterfragen" (dhamma vicaya) solcher Konzepte wie "heilsam" und "unheilsam" einhergehen. Wer diesen Unsinn glaubt und die Gefahr der Wortgläubigkeit nicht erkennt, dem gehört eigentlich seine Fähigkeit als Psychologe überprüft. Jeder zweifelnde Leser dieses Blogs mag die Geschichte einfach mal an einem Siechenden ausprobieren.




Mittwoch, 6. August 2014

Vom Zen beeinflusste Künstler:
Christoph Peters und Jan Kollwitz

"Solange ihr von einem Japaner abhängt, wird euer Zen schwach bleiben." 

"Ohne Aktivität gibt es kein Zen."

"Es ist eine gute Zen-Übung, mit lauter Stimme den Klang von Tieren zu imitieren."

(Joshu Sasaki Roshi, im Jahre 1969)

(verstorben am 27. Juli 2014 um 16:25 PST, als ich jenen Traum hatte, in dem ich einem Tier auf die Welt half ...)

***

Heute möchte ich kurz und bündig auf einen Autor hinweisen, der mich in den 90er-Jahren vor einem meiner Flüge nach Südostasien auf dem Frankfurter Flughafen kontrolliert haben könnte (diesen Job hatte man mir vor Dekaden, als ich arbeitslos war und mein einziger Vorteil meine Englischkenntnisse, ebenfalls mal angeboten - aber ich wollte keine Uniform mehr tragen, was ich im Sicherheitsgewerbe während meines Studiums oft genug getan hatte). Christoph Peters (geb. 1966), der einst auf ein katholisches Internat ging und Malerei studierte, hat gleich mehrere Bücher mit Bezug zu Japan und in weiterem Sinne Zen verfasst. Aktuell wird von den Kritikern "Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln" geschätzt, in dem ein japanischer Ofenbaumeister einem deutschen Keramikkünstler helfen soll, das im Fernen Osten Gelernte angemessen umzusetzen. Dabei kommen humorvolle Seitenhiebe auf die asiatische Meisterverehrung nicht zu kurz. 
   Grundlage für den Roman sind die Recherchearbeiten zu einem früheren (Mitsukos Restaurant), die den Autor in Kontakt mit Jan Kollwitz, dem Urenkel von Käthe Kollwitz, brachten, der in Japan bei Yutaka Nakamura die Töpferkunst erlernte. 1988 wurde in dessen Werkstatt in Cismar ein traditioneller Anagama-Ofen errichtet. Kollwitz erschafft so Keramik mithilfe der Holzbrand-Technik und ohne weitere Glasur. Seine Arbeit ist vom Zen und der Tee-Zeremonie beeinflusst. Christoph Peters würdigt sie in "Japan beginnt an der Ostsee".
   Peters ist seit 2001 mit der Autorin Veronika Peters verheiratet, die bis 1999 dreizehn Jahre lang in einem Benediktinerorden gelebt und darüber ein Buch geschrieben hat, das mit allzu romantischen Vorstellungen des Klosterlebens aufräumen soll. Vielleicht war sie die Frau, die mir einst in Frankfurts Stadtteil Nied hinter den Bahngleisen aus einem besetzten und mit großen Transparenten geschmückten Haus zuwinkte.


(Mona Lisa in Pattaya, Foto: Keller)

Mittwoch, 30. Juli 2014

Ein Zen-Mönch hat kein Geld

"Je höher der Gipfel der Erleuchtung erklommen wurde, desto weiter wird die Aussicht auf die Möglichkeiten moralischen Handelns."

Kaiten Nukariya, einst Professor der Sotoshu-Universität in Tokio, versucht in "The Religion of the Samurai: A Study of Zen Philosophy and Discipline in China and Japan" (1913) die Sonderstellung des Zen herauszuarbeiten. Dabei gelingen ihm neben etwas seltsamen Passagen auch ein paar interessante Abschnitte. So erzählt er von der aufrichtigen Armut des Zen-Lehrers Fu-gai. Der hatte einen für die Essenszuteilung verantwortlichen Schüler. Eines Tages bat dieser den Meister, keine weiteren Schüler mehr aufzunehmen, weil er sonst nur noch minderwertige Nahrung an die immer zahlreicher werdende Anhängerschaft verteilen könnte. Fu-gai streckte ihm die Zunge heraus und fragte: "Schau nun mal in meinen Mund und sag mir, ob da noch immer eine Zunge drin ist." Das bestätigte der Schüler, woraufhin Fu-gai meinte: "Dann mach dir mal keine Sorgen, solange da eine Zunge ist, kann man jede Art von Nahrung schmecken." Von daher leitet der Autor auch den Spruch her: "Ein Zen-Mönch hat kein Geld." (Eine Darstellung aus Sicht verschiedener Traditionen zur Frage, ob man Geld fürs Lehren nehmen dürfe, findet sich im Non Duality Magazine.)

Die wohl taoistische Parabel vom Räuber Kih wird angeführt, um die allen Wesen gemeinsame Buddha-Natur zu unterstreichen. Sie ist ein Lehrstück der Zen-Moral, die sich aus eben jener Budda-Natur speist und jenseits der üblichen Kategorien von Gut und Böse anzusiedeln ist: "Die Anhänger des großen Räubers und Mörders Kih fragten ihn: 'Hat auch der Räuber moralische Prinzipien?' Er antwortete: 'Welcher Beruf hätte denn keine? Wenn ein Dieb zum Schluss kommt, dass es in einem Haus Wertsachen gibt, dann zeugt das von seiner Weisheit; teilt er die Beute gleichmäßig auf, dann zeugt das von seiner Gerechtigkeit; dass er seine Mitstreiter nicht betrügt, beweist seine Loyalität; betritt er als erster das Haus, dann zeugt das von seinem Mut; dass er seinen Anhängern gegenüber großzügig ist, unterstreicht seine Güte. Ohne diese Eigenschaften ist noch keiner ein großer Räuber geworden.' Der Autor schließt, dass der Räuber Kih außerhalb seiner Diebesgemeinschaft mit diesen Eigenschaften sogar als großer Weiser gelten könne.

Auch auf die "fünf Stufen des Verdienstes" geht Nukariya ein, von denen die fünfte (gu-ko) die interessante ist: verdienstloses Verdienst. Hier wird der Zustand des fortgeschrittenen Zen-Adepten beschrieben: "Auf dieser Stufe strebt der Übende nicht mehr danach, Gebote zu befolgen, doch seine Taten sind von selbst im Einklang damit. Er sucht nicht nach spiritueller Erhebung, sein Herz ist von selbst frei von materiellen Bedürfnissen. Er macht keinen Versuch, seine Leidenschaft zu bezwingen, doch keine Leidenschaft stört ihn. Eine Verpflichtung, anderen Gutes zu tun, empfindet er nicht, auf natürliche Weise ist er barmherzig. Er sitzt nicht länger in Meditation, sondern lebt allezeit im meditativen Zustand. Auf dieser Stufe identifiziert der Übende sein Selbst mit erleuchtetem Bewusstsein und verweilt in dieser vollkommenen Wonne."

*

[Es folgt der Hinweis auf ein groß angelegtes Übersetzungsprojekt des tibetischen Kanons]


Mittwoch, 23. Juli 2014

Juden nach Deutschland:
Eine Lösung für Palästina?

Wegen der jüngsten antisemitischen Ausschreitungen (die ein Teil der französischen Presse als gegen Juden UND Araber gerichtet ansah) ist der folgende Beitrag heikel. Anlass ist das überraschende Komplettzitat eines Ariel Sharon-Anhängers im Blog eines mir bekannten Buddhisten. Den dortigen "Fünf Irrtümern über den Israel-Hamas-Konflikt" hielt ich Fabian Köhlers lesenswerte Analyse im "Hintergrund" entgegen. Mir selbst stellt sich die Sache so dar, dass nach einseitigen Zusagen der Briten (der damaligen Besatzermacht) schließlich im Jahre 1947 - mit Berufung auf das Völkerbundmandat und die UN-Resolution 181 (II) - einseitig der Staat Israel ausgerufen wurde. Statt das Gleiche mit einem Staat Palästina zu tun, entschlossen sich sechs arabische Staaten damals sofort zum Angriff. In besagter Resolution waren zahlenmäßig halb so vielen Juden wie Arabern mehr als 50 % des Landes zugesprochen werden (die Araber besaßen zuvor 47 % des Landes, knapp die Hälfte, vor allem die unfruchtbare Negev-Wüste, gehörte keinem). Die Juden waren selbst in den ihnen zugesprochenen Teilen in der Minderheit. 
   Ganz abgesehen davon, dass es nach mancher Lesart einen "biblischen" Anspruch nicht geben kann, da ein Jude eigentlich nur ein Nachkomme desjenigen der zwölf Stämme sein kann, dessen Vater Jakob (Israel) war und der zugleich im Land Juda lebte, ist die Ablehnung der arabischen Mehrheit eines von westlichen Staaten aufgezwungenen Teilungsplanes nur allzu verständlich. Kurz nach dem 2. Weltkrieg waren sich ausnahmsweise die USA und Russland sogar mal einig in der militärischen Unterstützung Israels (die meisten Einwanderer waren bis dahin tatsächlich aus Russland gekommen), und die Angreifer wurden zurückgeschlagen. Bei den letzten Annäherungsversuchen der vergangenen Jahrzehnte erklärten sich PLO und sogar Hamas wiederholt bereit, die "Grenzen von 1967" zu akzeptieren. Israel hat unter fadenscheinigen Begründungen jedoch seine Besiedlungspolitik in palästinensischen Gebieten fortgesetzt und seine Grenzen noch immer nicht klar definiert. Das nenne ich Öl ins Feuer gießen. Umgekehrt sind die ständigen Raketenbeschüsse der von vielen als terroristisch eingestuften, aber demokratisch gewählten Hamas ein keineswegs besseres Zeichen der Hilflosigkeit. 
   Mit einem gehässigen Lächeln meinte ein Jude nach den Ausschreitungen in Paris zu einer jungen Araberin vor laufenden Kameras, es werde nie einen Staat Palästina geben. Diese Ansicht spiegelt also umgekehrt die vieler Muslime wieder, nachdem es keinen Staat Israel geben dürfte. Doch ist dieser bereits Realität. Es ändert auch nichts daran, dass Israel längst den Boden alltestamentarischer Ethik verlassen hat, denn wo scheinbar "Aug um Aug, Zahn um Zahn" gilt, werden durch die rechnerisch viel höhere Opferzahl auf Seiten der Palästinenser also für jedes verlorene Auge gleich ein Dutzend der anderen ausgeschlagen, und für einen verlorenen Zahn muss gleich ein ganzes Gebiss des Gegners dran glauben, um im Bild zu bleiben (laut einer Lesart der Thora bedeutet dieser Verstoß gegen die jüdische Maßhaltung bei der Vergeltung, dass man nicht mehr als Jude gilt). 

Was könnte eine internationale Staatengemeinschaft tun, um einen, wie mir scheint, auf weithin absehbare Zeit unlösbaren Konflikt weitgehend einzudämmen? 

1) Ein Weg wäre, aufgrund der Versäumnisse Israels, sich klare Grenzen zu geben und daran zu halten, der Enteignung von geflüchteten Arabern (denen dann sogar das Rückkehrrecht verweigert wurde) und anderen Rechtsbrüchen ihnen ihre rechtsstaatliche Anerkennung vorübergehend zu entziehen und das Land, wie einst vorgesehen, aufzuteilen ("Grenzen von 1967") und in die entsprechenden Grenzen zu zwingen. Dass sich an dem Unwillen, sich gegenseitig zu akzeptieren, nichts ändern wird, würde dann dazu führen, dass Israel weiter seine Grenzen und sich vor Terror schützen muss, während Palästina als souveräner Staat jedoch auch Grenzhoheit ausüben (und damit etwa den Handel verbessern) könnte und seine internationale Anerkennung nicht davon abhängig gemacht würde, ob es Israel vernichten will oder nicht. Tatsache ist, dass dies nicht möglich ist und ein solcher irrsinniger Traum damit belanglos. Man kann ihn schlichtweg bei der Frage übergehen, wie die Grenzen zu ziehen sind (so dass die Hamas zunächst Ruhe gibt) und ein Staat Palästina Fakt wird. Wenn den Palästinensern weltweit der nötige Respekt entgegengebracht wird, besteht womöglich eine Chance, dass ein wesentlicher Teil ihrer Bevölkerung den Hass auf Juden mit der Zeit ablegt und auch die nächste demokratische Wahl in Palästina anders ausgeht.

2) Die zweite Lösung würde einem wesentlichen Teil des Nahost-Terrors (auch des verbalen) die Grundlage entziehen und bestünde darin, den Staat Israel rückgängig zu machen, wobei ich voraussetze, dass es hierfür juristische Gründe geben kann. Den Juden, die in einem dann relativ homogenen Staat Palästina (der auch das heutige Israel umfassen würde) nicht bleiben wollten (was wohl für eine Mehrheit gälte) würde Deutschland ein Aufenhaltsrecht mit Arbeitsgenehmigung und allem drum und dran gewähren. Es gibt wahrscheinlich kein Land auf der Welt, wo Juden heute sicherer sind als hier, und keines, wo sie gefährdeter sind als in Israel. Die alternative Aufnahme von Palästinensern/Arabern würde eine sowohl soziologisch wie ökonomisch zu große Hürde darstellen. Die Tatsache, dass sich eine Mehrheit der sich als Juden bezeichnenden Menschen gar nicht in Israel niedergelassen hat, spricht zudem für die größere Assimilationsfähigkeit von Juden. Zu dieser Lösung fehlt es den Vereinten Nationen natürlich an Mumm, und es stehen die militärstrategischen Interessen des Westens im Weg. 
   Der Traum von einem gelobten Land, in dem man dem Antisemitismus entkommt, hat sich jedenfalls für die Juden nicht erfüllt, denn nirgendwohin projiziert sich dieser stärker als auf Israel - und wenn in Paris Juden angegriffen werden, dann vor allem wegen Israel. Der heutige Antisemitismus speist sich also vor allem aus der Abscheu, die Bilder wie die von einem bombardierten palästinensischen Krankenhauses hervorrufen können. Bei dieser zweiten Lösung geht es nicht darum, ein Existenzrecht Israels zu bestreiten, sondern seine Existenz bis auf Weiteres aus humanitären Gründen zu vertagen. Einige orthodoxe Juden kennen sogar eine religiöse Begründung dafür, da das Ende des Exils den Juden nur durch Gottes Gnade und ohne jede Waffengewalt verheißen und darum abzuwarten sei.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Tiere essen oder leben wie die Bishnoi?

"Oh, sie verwechselten Essen mit Geist, sie dachten, sie könnten sich zu besseren Menschen essen, ohne zu begreifen, dass essen eins ist, die Vorstellungen, die das Essen weckt, etwas anderes."

(Karl-Ove Knausgaard: Lieben. btb 2013) 
Auf ARTE sah ich kürzlich eine Doku über die kleine Gemeinschaft der Bishnoi, die nach fünfhundert Jahre alten 29 Regeln eines Guru lebt und nicht nur auf das Essen von Tieren verzichtet, sondern diese auch unter Einsatz des eigenen Lebens schützt. Ihre Naturverbundenheit dehnt sich sogar auf Planzen aus, das Fällen und Beschneiden von Bäumen ist untersagt und es sollen nur Kleiderfarben getragen werden, für deren Herstellung weder Tiere noch Pflanzen dran glauben müssen (von den genannten Regeln würde allerdings die gegen den Opium-Genuss vernachlässigt ...). 
  
                                     

Zu dieser Zeit las ich auch Jonathan Safran Foers "Eating Animals" (New York 2009, dt. "Tiere essen"), dessen Absicht es nach eigenem Bekunden keinesfalls war, die Leser zu Vegetariern zu bekehren, sondern investigativ unsere Massentierhaltung zu erforschen. Als jemand, der noch auf einem herkömmlichen Bauernhof groß wurde, wo die Hühner Auslauf hatten und die Bewirtschaftung der Felder ein ebenso großes Gewicht wie die Tierhaltung, kann ich der vehementen Kritik an der fabrikmäßigen Art, Tiere verwertbar zu machen, meist zustimmen. An dem Buch haben mich jedoch mehrere Argumente befremdet, so dass ich zum Schluss kam, dass der Autor letztlich doch den Leser manipulieren wollte, wofür auch sprechen kann, dass er inzwischen selbst Vegetarier ist (es könnte freilich bedeuten, dass er das Opfer seiner eigenen Analyse wurde).
   Am Anfang nämlich steht ein Zitat seiner Großmutter, das sich auf die jüdische Regel bezieht, kein Schweinefleisch zu essen. Bei einer Situation, wo es um Leben und Tod geht, wird in dieser Geschichte von der Oma geschlossen, dass nichts mehr Bedeutung hätte, wenn man bei einer solchen Frage klein beigeben würde. Diese dogmatische Einstellung kann schon an sich befremden. Leider beschließt Foer sein Buch dann noch damit, zu diesem Dogma zurückzukehren und es auch auf unseren Konsum von Tieren insgesamt anzuwenden. In der Zwischenzeit hat er seltsame Zahlenspiele aufgemacht, etwa dass 30 % der Schlachttiere einen langsamen Tod stürben (man frage sich hier, wie das aussähe, wenn sie auf natürliche Weise stürben). Er hat natürlich auf Antibiotika-Resistenzen verwiesen, aber nicht erwähnt, was eine Hauptursache einer solchen bei Menschen ist, nämlich die wahllose Verfügbarkeit von Antibiotika in vielen Ländern dieser Welt: In Südostasien z.B. werden zwar nicht nur von Apotheken, sondern auch von Privatkliniken und NGOs häufig immer die gleichen Medikamente für jeden Infekt verteilt, nämlich Amoxicillin und Paracetamol, aber man bekommt auch die meisten anderen rezeptfrei. Dort verdirbt man sich auch die Verdauung gerne mal mit nicht richtig gesäubertem Gemüse, während Infektionen durch Fleisch, vor denen Foer einen Horror entwickelt, seltener sind. Es ist darum auch ziemlich dämlich, zunächst die Spanische Grippe zu erwähnen, die noch vor jeder modernen Massentierhaltung Millionen dahinraffte, und heute eine ähnliche Gefahr durch dermaßen gehaltene Tiere als Überträger zu postulieren. (Ich weiß, wovon ich rede, da schon die x-te Tamiflu-Packung in meinem Besitz ihr Verfallsdatum überschritten hat.)
   Am Übelsten finde ich jedoch die Stelle, wo Foer das intelligente Schwein gegen den Eisbären ausspielt - nicht nur übersieht er, dass der Eisbär als gefährdet gilt, die Argumentation mit der Auffassungsfähigkeit (und letztlich Dressierbarkeit) eines Tieres erinnert peinlich an die rassisch motivierte Intelligenzforschung im Dritten Reich. Diese Parallele, zusammen mit dem religiösen Dogma des Judentums, das ihnen den Verzehr von Schweinefleisch (nicht aber Eisbärenfleisch) untersagt, lässt für mich den schalen Nachgeschmack eines letztlich religiös-rassistischen Pamphlets zurück, in dem ein Tier gegen ein anderes ausgespielt wird, damit auch der Glaube der Großmutter noch rechtfertigt ist. Es macht einen Unterschied, ob man, wie die Bishnoi, ein lebendes Tier vor Wilderern unter Einsatz des eigenen Lebens schützt oder sich aus Sturheit weigert, ein schon totes Schwein zu essen, weil einem der eigene Stolz wichtiger ist als das eigene Überleben.

"Tiere verbringen nur ihre Zeit mit dir, wenn du sie fütterst."

(Douglas Coupland: The Gum Thief)

Mittwoch, 9. Juli 2014

Pico Iyer: Singende Nonnen und Hannya-Dämonen

Pico Iyer ist ein hierzulande noch zu wenig übersetzter, wohl etwas eitler englisch-indischstämmiger Autor vor allem von Reiseberichten. Er verfasste u.a. Bücher über den Dalai Lama (den er recht naiv darstellt) und Kuba. In The Lady and the Monk (Vintage 1992) beschreibt er detaillreich und vor allem mit präziser Wiedergabe und Analyse der Sprachbarrieren seine sich entwickelnde Beziehung zu einer verheirateten Japanerin. Wie der Titel schon andeutet, kam Iyer bei seinem Japanaufenthalt auch mit dem Zen in Berührung und traf einige andere Westler, die dort ihr Heil suchten. Ich erlaube mir, einige der interessantesten Erkenntnisse seiner Figuren ins Deutsche zu übertragen.

"Professionelle Frauen waren lange als Daruma bekannt, weil sie wie die beinlosen Daruma-Puppen bei Berührung erst taumelten und dann zurückprallten. Und 'dunkle Weiden, leuchtende Blumen' - eine Zen-Metapher für die Buddha-Natur - war lange ein Euphemismus für die Vergnügungsviertel, wie ich ... von einer Schriftrolle des Zen-Mönchs Gakkô aus dem achtzehnten Jahrhundert lernte." (p. 16)

"Das Problem war: Der arme Kerl war nicht bereit für die Welt. Das Kloster hatte ihn auf alles vorbereitet, außer auf die Welt." (p. 42)

"Eines Tages bat ich meine Schüler, aufzulisten, was sie für notwendig, was für nützlich und was für nutzlos hielten. Hundert Prozent gaben Sport als notwendig an, und bis auf einen hielten alle religiöse Erziehung für nutzlos." (p. 68)

"Der Kern japanischer Ausgeglichenheit, dachte ich da: sich einer Illusion zu unterwerfen und doch irgendwo in sich zu wissen, dass es bloß eine Illusion ist." (p. 136)

"Die japanischen Troubadoure des achtzehnten Jahrhunderts besangen die Tugenden der Freudenmädchen in der Form buddhistischer Parabeln: Prostituierte wurden 'singende Nonnen' genannt, und der Ausdruck 'Shimabara-Nutte' - saihô jorô - konnte leicht in sein Gegenteil verwandelt werden, das buddhistische Reine Land des Westens - saihô jôdo." (p. 179)

"Indem sie [die Amerikaner] sich dem Zen mit den Gedanken näherten, stellten sie ihr Versagen in einer Disziplin sicher, deren Ziel es letztlich war, den Geist kurzzuschließen. 'Du sollst nicht über das Koan nachdenken', sagte der Zen-Meister, 'du sollst das Koan werden.'" (p. 271)

"Ich denke, weil wir japanischen Frauen nach außen hin so machtlos sind, müssen wir im Geiste stark sein. Das äußert sich auch auf gewaltsame und verdrehte Art, so wie in Hannya, einer wiederkehrenden Figur im -Drama, oder auch in Dôjôji: die Frau, die im Rausch ihrer Leidenschaft einen Mönch verzehrt. Der Ausdruck Hannya wurde zwar zuerst von einem Mönch geschaffen und ist das erste Wort eines berühmten Sutras. Doch wenn man ihn heute benutzt, denken die meisten Menschen sofort an ein Dämonenweib." (p. 303)