Mittwoch, 4. Mai 2016

Wie Erleuchtung das Hirn verändert, wie man sie erkennt - und wie man sie beschleunigen kann

Nun also zum brandneuen Augenöffner über die Erleuchtung: "How Enlightenment Changes Your Brain" (Hay House UK 2016). Die Autoren: Dr. Newberg forscht u.a. zu integrativer Medizin an der Thomas Jefferson Universität. Mark Waldman ist u.a. "NeuroCoach", wobei er hirnbasierte Strategien lehrt, die er aus Studien über Achtsamkeit und Bewusstseinstraining übernimmt. 
   Das momentan nur auf Englisch erhaltene Werk fasst auf gut verständnliche Weise zahlreiche, in Fußnoten erwähnte Studien zusammen, die sich insbesondere mit den Veränderungen im menschlichen Hirn beschäftigen, wenn jemand sich meditativen Praktiken widmet und/oder von Erleuchtungserfahrungen berichtet. Dabei werden verschiedene Religionen berücksichtigt wie auch agnostische Zugänge zum Erwachen. Die Erkenntnisse münden in praktischen Vorschlägen, wie der Übende und sein Hirn in einen Zustand versetzt werden können, der Erleuchtung hervorrufen kann. So tragen die Autoren auf erfrischende Weise zur Entmystifizierung und Entideologisierung dieses Prozesses bei.
   Die beiden Autoren hatten bereits in ihrem Werk "Born to Believe" gezeigt, dass wir uns zwar nützliche, aber unzutreffende Vorstellungen über uns und die Welt und Wirklichkeit machten, wobei wir aber davon ausgingen, dass wir diese korrekt wahrnähmen. Einer der Autoren berichtet von seinem intensivsten Erlebnis, bei dem er selbst sich "auf einem Ozean Unendlichen Zweifels treiben sah" und schließlich herausfand, "dass die einzige Gewissheit Zweifel sei." Alles, was er tun konnte, war, sich diesem Erlebnis hinzugeben, dass die Züge dessen annahm, was von zahlreichen Menschen als Erleuchtung beschrieben wurde: eine Schwächung des Selbst, das Gefühl des Einsseins und der Verbundenheit von allem, der Hingabe bei gleichzeitiger Klarheit, dass eine tiefere Einsicht oder Weisheit, also eine neue Sicht erlangt wurde, ein sehr emotionales, außerordentlich intensives, angenehmes und erhebendes Erlebnis. Die Autoren unterscheiden in kleine "e"-Einblicke und das große "E"-Erwachen. Da sich letztlich aber jedes dieser Erlebnisse etwas von den anderen unterscheide, trüge es immer auch einen persönlichen Zug. Die kleinen Erfahrungen, häufig im Gebet und der Meditation gemacht, würden unser Wohlbefinden und unsere Kooperationsfähigkeit mit anderen sowie unsere Empathie verbessern. Die bewusste Suche nach dem großen Erwachen könne nicht nur das eigene Leiden, sondern auch das der anderen in der Welt erleichtern; dabei würde man von einer Erfahrung des Erwachens zu einem Zustand des Erwachens übergehen. Es gäbe geschlechtsspezifische Unterschiede: Während Männer eher die Welt/das Universum und das Bewusstsein in den Fokus rücken, sind es bei Frauen Liebe, Beziehungen und die Kinder. Bei beiden Geschlechtern stieg nach dem Erwachen das Interesse an spirituellen Dingen, ließ aber an religiösen Belangen etwas nach. Die Erleuchtung würde zwar als wirklicher erlebt als andere Erfahrungen, unser Leiden bzw. die Gründe dafür würden jedoch in der Folge als weniger wirklich wahrgenommen. Für diesen Weg zur Erleuchtung hätten wir Menschen eine biologische Veranlagung.
   Die Hirnscans unterscheiden sich bei diesen Erfahrungen insofern, als zunächst eine Steigerung der Aktivität in den Regionen der Frontal- und Parietallappen vonstatten geht, beim großen Erwachen jedoch eine radikale Abnahme dieser Aktivität nachweisbar ist. Diese kann von einem Menschen bewusst herbeigeführt werden, etwa mithilfe von Gedanken und Absichten, Bewegung, Tönen und der Atmung. Selbstreflektive Beobachtung und Achtsamkeit könnten das Hirn auf die Erfahrung der Erleuchtung vorbereiten, der höchsten und lebensveränderndsten Bewusstseinsstufe (nach einem sechsstufigen Modell der Autoren). Die Folgen des Erwachens seien: größere Offenheit gegenüber anderen, kein Anhaften an vergangenen Fehlern, geringere Sorge bei der Lösung anstehender Probleme, stärkeres Gefühl von Frieden, Glück und Zufriedenheit. 
   Interessant ist, dass Studien zu Franziskanernonnen und Buddhisten ergaben, sie würden ca. eine Stunde benötigen, um die neurologischen Veränderungen der "kleinen" Erweckungserlebnisse zu bewirken, während etwa "Pfingstler" ("Pentecostals"), die z. B. in Ekstase in Zungen reden, und "Schreibmedien" (siehe Psychografie) dies schneller erreichten. Die Hirnareale, die durch intensives Gebet und kontemplative Mediation angeregt würden, seien die gleichen, die für das Unterscheiden von Gut und Schlecht, Güte und Gier, Liebe und Hass zuständig seien.
   Die Autoren fassen in diesem Zusammenhang auch andere esoterisch anmutende Praktiken wissenschaftlich zusammen, so habe sich zum Beispiel gezeigt, dass Menschen, die daran glauben, dass ihnen Gebete anderer helfen, schneller gesundeten. In weiteren Untersuchungen wurde die menschliche Fähigkeit zur Vorausahnung belegt. Überraschenderweise zeigte sich tendentiell bei Empfängern von aus der Ferne gegebenem "Segen" eine erhöhte Aktivität des Thalamus. Dieser Aspekt fasziniert mich selbst, wie ich hier schon schrieb, seit ich eine statistisch sehr unwahrscheinliche Häufung von Begegnungen mit einer geliebten Frau erlebte, auf die sich meine Gedanken lange Zeit in Liebe konzentriert hatten.* Erst vor ein paar Tagen kaufte ich in einem anderen Fall einen Schutzhelm für ein Kind, und als ich abends nach Hause kam, teilte mir die Bekannte, für dessen Kind ich ihn gekauft hatte und die ein paar Hundert Kilometer von mir entfernt war, mit, dass sie just zur gleichen Zeit mit ihrem jüngsten Kind und ihrer Mutter in einen Motorradunfall verwickelt war (der glimpflich ausging). Dieses spekulative Feld unserer Wahrnehmung, das auf der einen Seite zum Wahnsinn neigt und zuweilen auf quälende Weise nutzlos bleibt, erscheint mir als eines der viel versprechendsten Forschungsgebiete der Neurologie: Wie stark können wir über Distanzen hinweg mit geliebten Menschen verbunden sein, und wie sehr können wir deren Schicksal voraussehen und dies fruchtbar machen?
   Die Autoren geben praktische Hinweise und behaupten auch, dass sowohl sich wiederholende Bewegungen oder Töne wie auch eine spezielle Haltung - so lange sie angenehm seien ! - eine günstige rituelle Praxis darstellten. Sie berücksichtigen das Shaktipat der Hindus ebenso wie das Dikr der Sufis und die Meditation auf den Sound Om. Entscheidend sei, dass das "beobachtende Selbst" in einem Teil des Hirns stattfände, das nicht mit den sorgenvollen Gedanken im rechten Frontallappen verbunden sei, aber auch nicht mit den optimistischen des linken Frontallappens. Mehr "Achtsamkeit" im Alltag bedeute auch mehr Selbstvertrauen und eine verbesserte Fähigkeit, mit emotionalen Problemen fertig zu werden. Die "neurowissenschaftliche Wahrheit" der Autoren kommt uns bekannt vor: Unsere Wahrnehmung der Dinge sei nichts als eine Illusion, die im Parietallappen entstünde und in den Sprachzentren des Frontallappens einen Namen bekäme, unsere Gedanken und Gefühle seien also nur Gebilde in unserem Geist, Erinnerungen, die aus der Vergangenheit stammten und auf die Gegenwart projiziert würden. Darum müsse das gewöhnliche Bewusstsein, das vom Frontallappen regiert würde, unterbrochen werden, damit das eigene Glaubens- und Wertesystem zusammenbrechen und ein neues entstehen kann. 

Natürlich hat zumindest einer der Autoren auch ein kostenpflichtiges Programm aus diesen Erkenntnissen entwickelt. Man muss ihm aber seine umfassende Auswertung des wissenschaftlichen Materials zugestehen, das schließlich auch viele im Lauf der letzten Jahre hier und anderswo von mir geäußerte Empfehlungen untermauert.

- Es ist angebrachter, sich in rhythmischen Bewegungsmustern der Erleuchtung zu nähern, also etwa in spirituell betriebener Kampfkunst, als im regungslosen Sitzen, und/oder die "Achtsamkeit des beobachtenden Selbst" bei Alltagstätigkeiten einzuüben.

- Es ist viel versprechender, die Erleuchtung bewusst anzustreben und zu wollen, als sich diesem Anspruch zu verweigern.

- Es gibt sichtbare Veränderungen in der Lebensperspektive und Lebensführung von Menschen, die Erleuchtung erfahren haben (oder das von sich glauben).

Dies alles erklärt m. E. auch ganz gut, warum so viele User auf buddhistischen Plattformen keine Entwicklung in ihrer Praxis durchzumachen scheinen und keine Erleuchtung erfahren (es fehlt ihnen an bewusster Zielgerichtetheit und einer angemesseneren Methode) und sich eher vor Andersdenkenden abschotten und nicht im Reinen mit sich wirken.


[* "Die Freude, jemanden wiederzufinden, dem man schon einmal begegnet ist, dem man immer wieder begegnet ist, ewiglich, in einer unendlichen Zahl früherer Inkarnationen. Glaubt man nicht daran, ist es ein Mysterium." 
Michel Houllebecq: Gestalt des letzten Ufers. Dumont 2014]


  

Dienstag, 26. April 2016

Buddhaland-Bullshit: Ikkyu und die Moral

"... obwohl ich denke, dass es mehr oder weniger anerkannt ist, dass unterdrückte Sexualität sich in komplexen, häufig beängstigenden Glaubenssystemen äußert." *

"Religion ist ein ritualisierter gemeinschaftlicher Orgasmus." *

Ein User im "Buddhaland" trat eine Diskussion über "Amoralismus im Zen" los und warf dazu gleich mal als Stichwort Ikkyu ein. An der Deutung dieser Figur - und der möglichen Motive des Users - lässt sich gut aufzeigen, wie beschränkt die Denke mancher Zennies ist. Zunächst versucht es ein Anhänger von ausgedehntem Zazen mit dem Hinweis, dass auch Ikkyu viel Zazen machte und sich als moralisch zeigte, weil er sich über die amoralische Raffgier des Klerus erboste. Ikkyus Treiben versteht dieser User insgesamt als "Provokation". Wenn es provokativ war, zu den Huren zu gehen, dann war es offenbar auch provokativ, sich gegen den habsüchtigen Klerus zu stellen. Jedoch übersieht der User, dass beide Gruppen, Geistliche wie Prostituierte, vom schönen Schein leben und damit ihre finanziellen Vorteile erwirtschaften. Ein moralischer Ikkyu hätte demnach auch die Huren gleichermaßen kritisiert. Hat er aber nicht. Zwischen den Zeilen will dieser User offenbar zumindest unterstellen, es sei wesentlich für ein moralisches Aufbegehren gegen Besitzstreben, viel Zazen zu machen. Dagegen ist mir klar geworden, dass es unter den Zazennies etwa ebenso viele Raffgierige gibt wie unter denen, die kein Zazen machen, und auch ebenso viele, die der Hurerei frönen. 
   Umgekehrt wäre also ein tragbarer Schuh daraus geworden: Zazen hat nichts mit Moral zu tun, jedenfalls nichts mit einer simplen Schwarzweißmalerei, die sich gegen Auswüchse des Kapitalismus und für Provokation entscheidet. Zazen führt also, wie man an Ikkyu sieht, auch nicht dazu, dass man sich überhaupt nur Gedanken darüber machen muss, ob etwas Provokation ist, oder ob es zu rechtfertigen sei. Gelebtes Zen, wie es der User sogar selbst fordert, tut einfach. Wenn es sich so ergibt, dann verliebt sich Ikkyu eben in eine Blinde (was von der Warte der geistig Blinden eher unpraktisch wirken dürfte) oder fickt Freudenmädchen (was von der Warte der geistig Blinden etwas Besonderes und in der Regel Makelhaftes ist, da sie ja ihre eigenen Bemühungen um die Moral von irgendetwas abgrenzen müssen). Was diese Zennies also nicht begreifen - und auch der Ursprungsposter nicht - ist, dass im Sinne des Zen das Treiben Ikkyus gar nicht unmoralisch war. Weil es nicht unmoralisch war, gibt es auch bis heute eine Linie, in die Ikkyu eingereiht ist, und einen Tempel, der in dieser Tradition steht. Denn Ikkyu bekam seine Bestätigung (inka) nicht aufgrund seiner Anzahl von Zazenstunden, sondern aufgrund der geistigen Freiheit, die er erlangt hatte und die ihm das Leben ermöglicht haben dürfte, das er führte. Und es wurde ihm nichts streitig gemacht, obgleich er dieses Leben führte, weil es in keinem Widerspruch zu irgendeiner fiktiven Zenmoral stand.
   Eine Userin greift die Fehlsicht ihrer Vorredner auf. Zwar erkennt sie richtig, dass die Ort- und Zeitumstände von Ikkyus Dasein zu bedenken seien, um sein Handeln einzuordnen. Dann jedoch legt sie genau die "konditionierten Moralvorstellungen aus dem christlichen" an, auf die sie selbst hinwies, um ihrerseits von "Problemen mit der Begierde" und "Rechtfertigungen" von "Unangenehmen" zu schreiben. Dies ist genau die Sicht, die von der Ikkyus unterschieden werden sollte. Statt zu erkennen, dass alles Mögliche getan werden kann, wenn es in Freiheit und der Fähigkeit zum Loslassen getan wird, strebt der typische Zennie nach "Grenzen setzen" und meint, ein Poet wie Ikkyu, der Liebeshymnen dichtete, habe seinen Hunger nach dieser Liebe "gehasst". Das kommt davon, wenn man in Sachen Sexualleben in Schubladen denkt und Ikkyu in seiner umfassenden Persönlichkeit nicht mehr wahrnehmen kann. Oder wenn man von sich auf andere schließt.

Was mich als einem in der Tradition Ikkyus darauf bringt, an ganz konkreten Beispielen klar zu machen, wo hier der Unterschied von den Theoretikern zu den Praktikern liegt. Vor einer Woche hatte ich über eine Dating-App eine junge Frau kontaktiert, die einer anderen, mit der ich bereits verkehrt hatte, irgendwie ähnlich sah. Ich dachte zunächst, sie sei unter verschiedenen Profilen online, und noch während ich das zu klären suchte (übers Tippen auf dem Smartphone), stand sie plötzlich vor meiner Tür. Wie ich sie so sah, etwas übergewichtig und nicht gerade mein Typ, und aufgrund der etwas seltsamen Kommunikation zuvor, wollte ich ihr einfach das Taxigeld bezahlen und entschuldigte mich. Da spürte ich, dass sie Kummer hatte, und sprach sie darauf an. Sie entschuldigte sich, nicht geschminkt zu sein und etwas getrunken zu haben, sie wolle mein (Taxi-)Geld nicht, sie verstünde mich schon, sie sei einfach schlecht drauf, habe Zoff mit ihrem Freund gehabt (einem Mann, der älter ist als ich). Ich zog sie sanft ins Zimmer. Wir hatten dann stundenlang das, was ich als den intensivsten Sex seit Jahren bezeichnen kann, vor allem, was ihre Empfindungsfähigkeit und Teilnahme anging. Sie war nass, bebte, stöhnte, zitterte. Sie blieb viel länger als vereinbart. Wir küssten uns endlos Zunge. Wir verstanden intuitiv, was dem anderen gefiel. Ich denke nun wieder daran, wie nah man sich in kürzester Zeit über Sex kommen und wie vertraut man werden kann, und wie mir manche Paare davon erzählten, dass sie für so etwas Jahre gebraucht hatten. Ich erfuhr von ihrer Migräne, konnte ihr meine Erfahrungen mitteilen und einige Medikamente nennen, die sie noch nicht kannte. Sie zeigte mir die Dating-App, wie sie für Frauen aussieht: keinerlei zahlungspflichtige Kontakte (wie zum Teil für Männer), ein Ansturm von fast hundert Typen, die Kontakt zu ihr suchten (was erklärt, warum man als Mann von so vielen Frauen keine Antwort bekommt). 

Wenn man nicht von so etwas abhängt, dann genießt man den Moment und baut darauf keine weiteren Forderungen oder Illusionen auf. Man kann dann an den folgenden Tagen abstinent sein. Oder mit jemand anderem vögeln. Oder sich wiedersehen. Man kann es tun oder lassen.

Natürlich gibt es auch noch etwas anderes. Einst sprach ich eine Frau an ihrem Arbeitsplatz an, die mir schon ein paar Monate zuvor ins Auge gefallen war, und sie ging sofort wortlos einen Kollegen holen. Ich hatte sie gerade mal nach ihrem Namen gefragt. "Nanu?", dachte ich. Der Kollege erklärte mir, dass sie gehörlos sei. Weil ich die Gebärdensprache nicht beherrsche, brauchte ich noch einen Anlauf, dann hatte ich ihre Nummer und schlug vor, dass wir uns erst mal über Smilies anchatten und verständigen. Ich ging ins Freie an einen Brunnen, fuhr mir meine Ergotamintabletten ein und hielt mir die Ohren zu, um mir vorstellen zu können, was sie (nicht) hört.

All dies sind Facetten der Figur Ikkyu. Und im Geiste Ikkyus sind das keine Fragen von Moral mehr. Man kann sie natürlich jederzeit dazu machen. Aber man kommt nicht weit, wenn man meint, es ginge hier wie da um "Rechtfertigungen". Das glauben wohl Leute, die nicht tun (können), was Ikkyu tat. Die nicht auf den Markt zurückkehren, sondern nur auf einen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Sie werden zu Opfern ihres eigenen moralinsauren Zens, das in grauer Theorie verharrt.

"Ich denke, in Wirklichkeit ist der Glaube meist eher ein Weg, das alltägliche Leben begrifflich als das zu fassen, was es für viele Menschen tatsächlich ist, nämlich eine Folge bedeutungsvoller Niederlagen." *

[* Donald Antrim: Ein Ego kommt selten allein. Residenz 2001.]
 

Mittwoch, 20. April 2016

Händchenhalten und Kinderzeugen im Buddhismus

In allen Himmeln mit Ausnahme der Formfreien Sphäre ist Kleidung gebräuchlich, auch wenn Geschlecht [männlich/weiblich] nur in fünf von sechs Begierde-Himmeln vorhanden ist. Die fünf Wege der Befriedigung sexuellen Verlangens sind: (1) durch Kopulation; (2) durch Umarmen; (3) durch Hände-Halten; (4) durch einander zulächeln oder anlachen; und (5) durch einander anblicken. Da sie in Kontakt mit der Erde sind, vereinigen sich die Bewohner der Himmel der vier Groß-Könige sowie des Himmels der Dreiunddreißig Götter durch Kopulation. Im Yama-Himmel erzeugt eine einzige Umarmung ein neues Lebewesen. Im Tusita-Himmel ist das gegenseitige Halten der Hände ausreichend. Im Nirmanarati-Himmel ersetzt ein Lächeln die sexuelle Vereinigung, und im höchsten Begierde-Himmel reicht der Blickkontakt. Geburt (welche in allen Himmeln spontan ist) erfolgt in den Begierde-Himmeln wie folgt: Kurz bevor ein deva geboren wird, findet eine devi eine Blume in ihrer Hand. Sie weiß aufgrund dieses Ereignisses, das sie ein Kind gebären wird, und demgemäß erfolgt nach sieben Tagen die Geburt; häufig jedoch erscheint das Kind auf ihren Knien. Zur Zeit der Geburt ist das Kind zwischen 5 und 10 Jahren alt. Dann erscheint plötzlich ein kostbarer Kessel mit göttlicher Speise, von dem das Kind isst und auf die Größe der übrigen deva anwächst, während es durch magische Bäume mit der nötigen Kleidung versorgt wird. Die Bewohner der Feinkörperlichen und der Formfreien Sphäre werden vollständig ausgewachsen geboren und ohne jegliche Hilfe durch Eltern, und diejenigen der Feinkörperlichen Sphäre kommen vollständig bekleidet zur Welt. Wir lesen auch, dass die Götter aller drei Sphären nur die arische Sprache sprechen, eine Art himmlisches Sanskrit, welches sie genauer gesagt sprechen, ohne es lernen zu müssen.

[aus: William Mc Govern: Buddhistische Philosophie und Kosmologie. Angkor 2016]

                                   

Dienstag, 12. April 2016

Jan Böhmermann:
Die Rachsucht eines Mannes und einer Frau

Auf meine dailyTV-App wurde die vollständige Version der viel diskutierten ZDF Neo Royale Sendung geladen, in der Moderator Jan Böhmermann einige herablassende Verse über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan vorliest (hier ab Min. 13:15), die er als Beispiel einer Schmähkritik präsentiert, das so nicht veröffentlicht werden dürfe und strafbar wäre. Dieser Rahmen macht bereits deutlich, dass der nun eingetretene Effekt - die Diskussion um die Strafbarkeit seiner Worte (denn Böhmermann meinte in der darauf folgenden Sendung, dass er für alle Texte verantwortlich sei, obwohl dem natürlich nicht so ist) - bereits von ihm vorweggenommen wurde. Dies ist ein Kennzeichen einer gelungenen Satire, die dadurch genial wird, dass sie den Anlass - Erdogans Kritik an einer vorherigen Satire eines anderen Fernsehsenders - neu erschafft, damit er gegebenenfalls nun gerichtlich zur Auslotung der wahren Meinungs- und Kunstfreiheit in Deutschland führt (wie es etwa in der Zeit vorgeschlagen wird, sollte das Kanzleramt mit dem Justizministerium sich nicht gegen ein Strafverfahren aussprechen und somit in die Justiz eingreifen, wie man es gerade von Erdogan selbst gewöhnt ist).*
   Der Inhalt der rotzfrechen und beleidigenden Verse, in denen Worte wie "Ziegenficker" fallen, ist banal und vulgär. Böhmermanns wahre Freundin Anne Will hat in ihrer Talkshow davon gesprochen, es handele sich um eine Aneinanderreihung der schlimmsten Dinge, die man einem Türken sagen könne. Darum liegt in der Schlichtheit von Böhmermanns Worten ein weiteres Kennzeichen für die künstlerische Leistung seiner Satire. Gelegentlich bin ich in diesem Blog auf meinen ehemaligen Wohn-Block und meine persönlichen Erfahrungen mit Türken eingegangen und habe türkische Mitbürger als genau so empfindsam charakterisiert, wie sich Erdogan zeigt. Die Widerreden führten als Argument meist die Asozialität und die mangelnde Bildung meines Umfeldes an. Erdogan beweist nun, dass der humorlose Ehrbegriff und die Rachsucht vieler Türken keineswegs auf die unteren Bildungsschichten beschränkt sind. Wenn irgendjemand noch nicht begriffen hatte, dass die Türkei nicht in die EU gehört, weil sie einen Staatspräsidenten demokratisch legitimiert, der offensichtlich unreif ist, dann hat Böhmermann diesem Erkenntnisprozess Genüge getan. Und da unsere Kanzlerin Merkel nun keine "richtige" Entscheidung mehr treffen kann - ein Strafverfahren abzusegnen wirkt ebenso schwach wie es nicht zuzulassen -, aber bereits mit ihrer vorauseilenden "Entschuldigung" einen groben Fehler des Anbiederns beging, stellt sich uns sogar die Frage, ob wir nicht auch von einer Unreifen regiert werden. Die Situationen, die die jüngsten Satiren auf Erdogan im öffentlich-rechtlichen Fernsehen provozierten, erforderten, seinen Mann zu stehen. Und dafür taugt Merkel naturgemäß nicht. Auch wenn sie sogar viele Buddhisten auf ihrer Seite haben könnte, die rechte Rede fordern, aber nicht begreifen, wie man recht die Wahrheit sagen kann.
   Etwas Gutes kann auf jeden Fall aus dieser Farce erwachsen, nämlich zumindest die Umformulierung des Paragraphen 103 im Strafgesetzbuch hin auf seine eigentliche Absicht gegen die Majestätsbeleidigung (sofern man daran überhaupt noch festhalten will). Damit würde er übrigens einem Gesetz ähneln, das in Thailand für Gesprächsstoff sorgt, weil es das Königshaus vor Kritik schützt. Doch Erdogan ist keine "Majestät". Unter den Fällen, in denen eine Strafverfolgung in Deutschland unterbleiben kann, wird die wenigstens stillschweigende Einwilligung in den beleidigenden Ton genannt. Genau die kann man Erdogan unterstellen, da er mit seinen Hassreden jenes Klima schaffte, das eine Satire wie die Böhmermanns in jedem Fall rechtfertigt. Sollte dies der Bundesregierung und dem Justizministerium nicht klar sein, könnte ein satirisch-ätzender Generalangriff auf Erdogan den diplomatischen Vermittlungsdienst in Sachen Türkei zum Erliegen bringen, den gerade Didi Hallervorden mit "Erdogan, zeig mich an" einleitete.
   Die Entwicklung Jan Böhmermanns habe ich, chronologisch in umgekehrter Reihenfolge, erst in den letzten Wochen verfolgt, als ich meinen "Urlaub" vor allem den Late Night Shows der letzten Dekade widmete und mir dazu u. a. in der ZDF-Mediathek die noch verfügbaren Folgen von Neo Royale reinpfiff. Böhmermann hat nicht nur an politischer Treffsicherheit seinen angeblichen Mentor Harald Schmidt in den Schatten gestellt, sondern auch durch seine Vielseitigkeit (etwa die zahlreichen Musikvideos) mächtig gepunktet. Dass Merkel sich zunächst gegen ihn stellte, mag auch an seiner ehemaligen Satire auf deren Schwangerschaft und entsprechende Kitschromantik liegen. In den USA sind Stephen Colbert, Jon Stewart, Billy Maher und vor allem John Oliver die Exponenten treffender Sozialkritik im Late Night-Gewand. Etliche der beliebten US-Talkmaster wie Conan und David Letterman wurden von Harald Schmidt und Jan Böhmermann kopiert, bis hin zum Ideenklau einzelner Running Gags. In ihrer Mischung sind unsere deutschen Talkmeister dennoch originell und ein schützenswertes Kulturgut.

Bei aller vehementen Fürsprache für Böhmermann will ich nicht verhehlen, dass der größte Late Nighter für mich jedoch keiner der Genannten ist, sondern ein hierzulande beinahe Unbekannter, Craig Ferguson, den der folgende Ausschnitt aus seiner Late Late Show ebenso treffend charakterisiert wie seine selbstkritischen Worte zum Alkoholismus und Britney Spears. So  geht es natürlich auch.

(* Ein Strafantrag von Erdogan als Privatmann ist neben demjenigen wg. Beleidigung eines Staatsoberhauptes anhängig.)


   
Nachtrag (15.04.): Soeben erfuhr ich aus den Nachrichten, dass unsere Bundeskanzlerin die StA zu einem Verfahren nach § 103/104a StGB  ermächtigt hat. Damit hat sie, die Pastorentochter, alle widerlegt, die ihr Ja zu den Flüchtlingen als einen christlichen Herzensakt bezeichneten. Denn vor Jan Böhmermann, ihren Landsmann, den Polizistensohn, hat sie sich nicht schützend gestellt, und einen der möglichen persönlichen Gründe führte ich bereits oben an. Es ist gar nicht nötig, darüber zu spekulieren, ob sie hier eine politische Partnerschaft mit Erdogan nicht gefährden will. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass sie so eine unverhältnismäßige Bestrafung Böhmermanns möglich macht, der ansonsten ja nur auf dem Privatklageweg hätte belangt werden können - denn eine Verurteilung wegen Beleidigung ist nicht unmöglich, und es wäre kaum zu verstehen, wenn das Urteil nach dem einen Paragraphen ganz anders ausfällt als nach dem anderen.    
   Ich hoffe, dies verhindert endgültig die Wiederwahl von Merkel. Einem, wenn nicht dem wichtigsten deutschen Satiriker derart in den Rücken zu fallen, sollte selbst wiederum strafwürdig sein, denn es stellt eine Gefährdung der innerdeutschen Sicherheit dar. Jede Rückenstärkung Erdogans in dieser Angelegenheit befeuert die Rachewünsche derjenigen, die den Polizeischutz für Böhmermann und seiner Familie nötig machten. 

Vor den aktuellen Nachrichten sah ich eine Aufzeichnung der Talkrunde "Quadriga". Da meinte ausgerechnet der deutsch-britische Autor Alan Posener, der auch für die "Welt" schreibt, mit Verweis auf die USA und England, es sei doch sonderbar, dass man nichts von dortigen Satire-Skandalen höre. Doch das Gegenteil ist der Fall. So hat z. B. Jon Stewart ("The Daily Show") den ehemaligen US-Präsidenten Harry Truman wegen seines Einsatzes der Atombombe einmal als Kriegsverbrecher bezeichnet, was er später zwar zurücknahm (wenn man nicht so an seinem Job klebt, macht man es dagegen eher wie der deutsche Niels Ruf ...). Einen Skandal in England lösten die Moderatoren Jonathan Ross (der seine gleichnamige Show momentan auf ITV präsentiert) und Rusell Brand mit einem Anruf bei einem Schauspieler aus, dem sie auf seinem Anrufbeantworter Nachrichten über den Sex hinterließen, den Brand mit dessen Enkelin gehabt habe. Dies führte zu Protestschreiben im fünfstelligen Bereich an die BBC und hatte Konsequenzen für die Moderatoren, aber es zeigt, dass auch in der angelsächsischen Welt die selbsterklärte Aufgabe von Satirikern die Grenzüberschreitung umfasst. Gate, gate, paragate ...


Mittwoch, 6. April 2016

Wundersames aus der buddhistischen Kosmologie

Die Berechnung von Größe und Distanz

Die letzte bzw. kleinste Einheit für die Bemessung von Größen und Distanz war das paramanu oder Atom. Für die Kalkulation von Größen anhand dieses paramanu bis hin zum anguli (Finger oder buddhistischer Inch) finden wir häufig folgende kuriose Tabelle: 
7 paramanu = 1 anu
7 anu          = 1 loharaja oder Metall-Teilchen mit 49 paramanu
7 loharaja  = 1 abraja oder Wasser-Partikel mit 343 paramanu
7 abraja     = 1 sasaraja oder Hasen-Teilchen bzw. exakt eine Portion
                        Hasen-Dung, mit 2.401 paramanu
7 sasaraja  = 1 aviraja oder Schafs-Teilchen mit 16.807 paramanu
7 aviraja     = 1 goraja oder Kuh- bzw. Ochsen-Teilchen mit 111.649
                        paramanu
7 goraja     = 1 vatayanacchidraraja oder die Partikel eines
                         Sonnenstrahls (der durch ein Loch im Fenster einfällt),
                         mit 823.543 paramanu
7 vatayanacchidraraja = 1 liksa oder Nisse mit 5.764.801 paramanu
7 liksa         = 1 yuka oder Laus mit 40.353.607 paramanu
7 yuka        = 1 yava oder blankes Korn, mit 282.175.249 paramanu
7 yava        = 1 anguli oder Finger, mit 1.975.226.743 paramanu
                       (1 Finger entspricht etwa einem ¾ Inch)
Bis hierher sind die Einheiten v. a. von theoretischem Interesse. Die größeren Bilder, wie sie im täglichen Leben verwendet werden, führt das Abhidhamma-kosa (12-2a) wie folgt an:
3 anguli-parva       = 1 anguli oder Finger oder Fingergelenke
24 anguli                = 1 hasta, d. h. Unterarm oder Elle
4 hasta                   = 1 dhanu oder Bogen, ein Klafter oder sechs Fuß
5.000 dhanu           = 1 krosa, 500 Klafter oder 3.000 Fuß
8 krosa                   = 1 yojana, die buddhistische Meile
Dies ist zwar die orthodoxe Berechnung, war jedoch keineswegs universal. Vor allem das yojana hatte, wie das chinesische li (), einen sehr veränderlichen Wert. Manchmal wird es mit 4.650 Fuß angegeben, ein anderes Mal mit 4.5 oder 5 Meilen, was dem Bild des Abhidhamma-kosa am nächsten kommt; andere Autoritäten geben 6.5, 7, 7.25, 7²/³, 9, 12.5, oder 16 Meilen an. Die Verwendung des Ausdrucks bei den chinesischen Pilgern war inkonsistent und widersprüchlich.

[aus: William Mc Govern: Buddhistische Philosophie und Kosmologie. Angkor 2016]