Mittwoch, 26. November 2014

Weisheiten von Zen-Meistern II: Foxin Bencai und Man-an

Aktuell: Thien Son meint wohl, er sei der neue Thay, noch ehe der alte verbrannt ist, trägt jetzt ein Totenhemd und macht einen auf Dzogchen. Inwiefern Gebete helfen - wie auf der Startseite von Buddhas Weg empfohlen - werde ich bald noch erörtern. Ich zitiere einstweilen einen Autokinobetreiber: "Da hilft kein Mobilat mehr."

Ich finde, dieses Orange stünde ihm besser, wie sie es in amerikanischen Knästen tragen. Dann wäre er auch optisch dem Punnaratana näher.

***

"Was bedeutet Erwachen? - Den Geist zu verstehen, wie er ist."

Meister Foxin Bencai (11. Jh.):

"Nun kannst du die Dinge wenden, ohne dich von Sinnesorganen und Objekten entfremdet zu fühlen. Du nimmst auf, was zur Hand ist, und wechselst die Rollen von Gastgeber und Gast. Das Auge des Universums ist klar, Gegenwart und Vergangenheit sind erneuert. Die spirituelle Fähigkeit direkter Wahrnehmung wird erlangt. Darum sagte Vimalakirti: 'Ein aktives Leben zu führen, ohne aus dem Versenktsein im Erlöschen [des wertenden Denkens] aufzutauchen, dies wird stilles Sitzen genannt.'"


Meister Man-an (17. Jh.):

"Selbst wenn du spirituelles Licht erzeugen und die Atmosphäre verändern kannst, selbst wenn du Geister und wilde Tiere bezähmst und im Sitzen oder Stehen sterben kannst, ja selbst wenn du tugendhaft genug bist,  Königen und Fürsten ein Lehrer zu sein und ein wiedergeborener Buddha genannt wirst - solange du nicht Reichtum, Wollust, Ruhmsucht und Gewinnstreben aufgibst, kannst du kaum als einer betrachtet werden, der die wahre Achtsamkeit aufrechterhält."

"Diese rechte Achtsamkeit bedeutet, an nichts zu denken. Konzentration heißt, keine geistigen Bilder zu ersinnen. Zen-Meister Dôgen sagte: 'An das zu denken, was nicht denkt, ist die wesentliche Art der Sitzmeditation.'"

"Du solltest am Wundersamen nicht anhaften."

"Was immer du tust, stelle mit ganzem Herzen den inneren Meister in Frage, der wahrnimmt, begreift und fühlt."

"Die Konzentration der rechten Achtsamkeit sollte inmitten von Aktivitäten geübt werden. Es ist nicht nötig, die Stille vorzuziehen. Es gibt eine Neigung, die Zenübung unter Bedingungen der Zurückgezogenheit für effektiver zu erachten, doch die Kraft, die daraus erwächst, ist ungewiss in Bezug auf Alltagssituationen; es steckt etwas Feiges und Schwaches darin. Wie kann man dies Ermächtigung nennen?
   Die Konzentration rechter Achtsamkeit ist ein Zustand des Verschmelzens, rund um die Uhr, ohne dass sich einer dessen bewusst ist. Die Arbeit erschöpft dich nicht, und auch wenn du alleine bist, wird dir nicht langweilig. (...)
   Darum sollen die Schüler des Mystischen den Weg inmitten der materiellen Welt praktizieren. 
   Der dritte Patriarch sagte: 'Wenn du den Weg der Einheit gehen willst, wende dich nicht von den Objekten der sechs Sinnesorgane ab.' (...) - d.h. die Sinnesobjekte im Alltag weder ergreifen noch ablehnen, wie eine Ente, die ins Wasser geht, ohne sich die Federn nass zu machen.
   Wenn du klar die Essenz erkennst, dann sind die Sinnesobjekte selbst Meditation, sinnliche Begierden sind selbst der Weg der Einheit und alle Dinge sind Manifestationen der Wirklichkeit. Die große Zen-Festigkeit erlangend, die weder von Bewegung noch von Stille geteilt ist, sind Körper und Geist befreit und erleichtert."

"Der dritte Zen-Patriarch sagte: 'Wenn du versuchst, die Bewegung anzuhalten und in der Stille zu verweilen, dann wird dieses Anhalten noch mehr Bewegung erzeugen.' Wenn du versuchst, wahre Soheit durch das Auslöschen zufälliger Gedanken zu erlangen, dann schlägst du nur auf deinen Lebensgeist ein, minderst deine geistige Kraft und wirst krank - du wirst abgelenkt und in eine Grube von Verwirrung fallen.
   Die beiden Methoden des Erlöschens und Beobachtens ("cessation and observation") solltest du zur Disziplin, Konzentration und Einsicht anwenden. Erlöschen ist Zen-Konzentration, Beobachen ist Einsicht. Beim Erlöschen sind Geist, Intellekt, Bewusstsein inaktiv, verhindern jedes Fehlverhalten und schneiden die Wurzel unbewusster Zwänge ab - da gibt es kein Übertreten der Regeln, ob großer oder kleiner. Beim Beobachten besteht kein Anhaften an Verhaltensweisen, alle Gedanken vom Selbst und den Dingen sind entleert, Hindernisse durch Gewohnheiten sind beseitigt, das spirituelle Licht des essentiellen Selbst scheint überall, innen wie außen.
   Es gibt kein Erlöschen ohne Beobachten und kein Beobachten ohne Erlöschen. Indem die beiden Wahrheiten der Leere und des bedingten Entstehens verbunden sind, ist die tiefe Wahrheit des Mittleren Weges begründet."

"Wenn wir die Welt betrachten, so gehen mehr Menschen an irrigen Gedanken zugrunde als an Krankheiten."

"Wenn du einfach furchtlos mit konzentrierter Achtsamkeit ins Leben eintauchst, dann wandeln sich Schmerz und irrige Ansichten zu einer Masse an tatkräftigem Geist und werden zur einheitlichen Arbeit auf dem Weg."

"Selbst wenn großes Erwachen geschehen und der Körper der Wirklichkeit begriffen ist, wird der Buddha-Weg nicht manifest, solange du von Übung und Erleuchtung beschmutzt bist. Du solltest verstehen, dass es etwas gibt, was jenseits des Jenseitigen ist."

"Es ist wichtig zu wissen, dass es jenseits des Erlangens noch Übung gibt und der Weg des lebendigen Zen durch versteckte Praxis und geheimes Anwenden zu erhalten ist."


(Mönchsprozession in Pattaya, Foto: Keller)

Mittwoch, 19. November 2014

Best of Pai-chang (Hui-hai)

 (Aktueller Hinweis: Ajanta - älteste buddhistische Gemälde restauriert)

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Pai-chang Hui-hai (720-814), dem man nach seinem Tod den Ruf als Reformer des Klosterlebens andichtete, glaubte einige seltsame Dinge, z. B. dass die Verachtung anderer, die man erntet, die karmischen Wirkungen eigenen Fehlverhaltens aufheben könne. Auch auf Jäger und Fischer sah er ein wenig herab. Dies und die Tatsache, dass sich im Laufe meiner Übersetzungen viele Themen in den Schriften von verstorbenen Zenmeistern der vergangenen Jahrhunderte wiederholten, führte dazu, dass ich zuletzt einige nur noch selektiv ins Deutsche übertrug. Hier also nun bemerkenswerte Einsichten von Pai-chang, dessen Klassiker "Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen" von mir vor 16 Jahren über die Todesanzeige meines Vaters gesetzt wurde, der ebenfalls ein Schaffer war.

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"Was Gier und Abneigung genannt wird, wenn einer noch nicht erwacht und nicht befreit ist, das heißt erleuchtete Weisheit nach dem Erwachen. Darum sagt man: 'Er ist von dem Mensch, der er vorher war, nicht verschieden, doch sein Handeln ist anders ausgerichtet.'"

"Wenn der Geist nicht getrübt ist, dann gibt es keinen Grund, Buddha, Erleuchtung oder das Verlöschen des Leidens zu suchen."

"Das Nirwana-Sutra spricht von drei üblen Begierden: die erste ist die Begierde, von Mönchen, Nonnen und anderen Anhängern umgeben zu sein; die zweite die Begierde, jeden Menschen zu seinem Anhänger machen zu wollen; die dritte die Begierde, bei jedermann als Weiser und Heiliger bekannt zu sein."

"Wenn du den Buddha oder Erleuchtung suchst, ja, irgendetwas Existentes oder Nicht-Existentes, dann nennt man das: Scheiße hinein- und nicht hinaustragen!"

"Andere retten heißt: weder Buddhas noch Bodhisattvas lieben noch von der Gier nach irgendetwas Existentem oder Nicht-Existentem getrieben werden."

"Wenn man tief in sich überhaupt nichts sucht und überhaupt nichts erlangt, dann kann man ein großer Spender genannt werden."

"Am wichtigsten ist, zwei Augen zu haben und die Angelegenheiten beider Seiten zu durchleuchten. Die Göttin des Reichtums und das Mädchen der Dunkelheit begleiten einander, ein weiser Gastgeber lässt keine von beiden ein."

"Manjushri sagte: 'Der Geist ist wie leerer Raum, darum kann respektvoller Gehorsam sich auf nichts beziehen, die tiefgründigste Schrift weder gehört noch angenommen noch erhalten werden.'"

"Ein Buddha ist von fühlenden Wesen nur insofern verschieden, als er frei ist, zu gehen oder zu bleiben. Von Buddha-Feld zu Buddha-Feld zu gehen ist die ständige Übung der Erwachten."

"All die zahlreichen Dinge haben nie von sich aus von Leere gesprochen, von Form, von richtig und falsch, Beschmutzung oder Reinheit."

"Ein Buddha ist einer, der nicht sucht. Suche dies, und du wendest dich ab. Das Prinzip ist das des Nicht-Suchens. Suche es, und du verlierst es. Wenn du aber am Nicht-Suchen hängst, ist das genau wie Suchen; hängst du am Nicht-Tun, ist das wie Tun."

"Frage: 'Die Asketen von heute, die die Gebote empfingen, sind rein in Körper und Rede. Erlangen sie Befreiung oder nicht?'
   Pai-chang sagte: 'Ein klein wenig Befreiung. Doch sie haben noch nicht die Befreiung des Geistes und die Befreiung an allen Orten erlangt.'
   Frage: 'Was ist diese Befreiung des Geistes und an allen Orten?'
   Pai-chang erwiderte: 'Suche nicht nach Buddha, suche nicht nach Dhamma, suche nicht nach der Sangha. Suche keine Tugend, kein Wissen, kein intellektuelles Verständnis usw. Wenn die Gefühle von Beschmutzung und Reinheit beendet sind, hänge dich dennoch nicht ans Nicht-Suchen, halte dich nicht an einem Endpunkt auf, sehne dich nicht nach dem Paradies und fürchte die Hölle nicht. Wenn du sowohl von Fesselung wie Freiheit unbehindert bist, dann wird das die Befreiung von Körper und Geist an allen Orten genannt. 
   Du solltest nicht behaupten, ein wenig Disziplin zu haben, oder Reinheit von Körper, Rede und Geist, und das für hinreichend halten. Weißt du nicht, dass die unzähligen Tore von Disziplin, Konzentration, Weisheit und unnachgiebiger Befreiung nie auch nur mit einem einzigen Haar in Verbindung gebracht wurden?"

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"Weise suchen beim Geist, nicht beim Buddha. Narren suchen beim Buddha, nicht beim Geist."

"Frage: 'Mit welchen Mitteln kann man das Tor unserer Schule durchschreiten?'
   Pai-chang: "Durch dana paramita; dana bedeutet Verzicht: Verzicht auf den Dualismus der Gegenteile.'"

"Frage: 'Das Mahaparinirvana-Sutra sagt: 'Ein Übermaß an Versenkung (dhyana/ting) über Weisheit (hui) verschafft keinen Ausweg aus ursprünglicher Unwissenheit (avidya), während ein Übermaß an Weisheit über Versenkung dazu führt, dass man falsche Ansichten anhäuft. Wenn Meditation und Weisheit ausgewogen sind, sprechen wir von 'Befreiung'. Was ist damit gemeint?'
   Pai-chang: 'Weisheit meint die Fähigkeit, alle Arten von Gut und Böse zu unterscheiden. Versenkung bedeutet, in diesem Unterscheiden gänzlich unberührt von Zu- oder Abneigung zu sein. (...) Leer zu sein heißt frei von Anhaften zu sein, und diese Losgelöstheit macht das gleichzeitige Wirken von Weisheit und Versenkung möglich.'" 

"Die Buddha-Gebote beinhalten die vollständige Reinheit des Geistes. Wenn jemand diese Übung der Reinheit unternimmt und völlig unbewegt von sinnlichen Eindrücken bleibt, dann ist er ein Mensch, der die Buddha-Gebote einhält."

"Frage: 'Was ist die Meisterschaft im Lehren, aber nicht in der Übertragung?'
   Pai-chang: 'Sie bezieht sich auf Worte, die nicht mit Taten übereinstimmen.'
   Frage: 'Und was ist die Meisterschaft in der Übertragung und im Lehren?'
   Pai-chang: 'Sie beschreibt Menschen, deren Worte von ihren Taten bestätigt werden.'"

"Frage: 'Was ist mit dem Erreichbaren, das noch nicht erreicht wurde, gemeint, und was mit dem 'erreichten Unerreichbaren'?'
   Pai-chang: 'Mit dem Erreihbaren, das noch nicht erreicht wurde, ist die Rede gemeint, die nicht von Taten gestützt wird. Mit dem 'erreichten Unerreichbaren' sind Taten gemeint, die die Rede nicht wiedergeben kann. Erlangen Rede und Taten das Ziel, ist dies 'vollständiges Erreichen' oder 'doppeltes Erreichen'."

"Frage: 'Was bedeutet 'Der Buddha-Dharma löscht weder das Weltliche (yu wei) aus noch versinkt er im Morast des Transzendenten (wu wei)?'
   Pai-chang: 'Der erste Ausdruck bedeutet, dass der Buddha nie ein Phänomen ablehnte, vom Anfang seiner Suche bis zum Erwachen unter dem Bodhi-Baum und seinem Eintritt ins Parinirwana unter den Sala-Bäumen. Dies ist das 'Nichtauslöschen des Weltlichen'. Der zweite Ausdruck besagt, dass er trotz der Abwesenheit von Gedanken dies nie als Erlangen ansah, dass er trotz des Erreichens immaterieller und nichtaktiver Weisheit und des Nirwana diese Zustände nie als Errungenschaft betrachtete. Das ist gemeint mit 'nicht im Morast des Transzendenten versinken'."

"Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren sind die fünf Stadien des Bewusstseins, die vervollkommnende Weisheit darstellen. Der Intellekt ist das sechste Stadium des Bewusstseins und wird zu tiefgründiger beobachtender Weisheit. Unterscheidende Achtsamkeit, das siebte Stadium des Bewusstseins, wird zu universeller Weisheit. Das Speicherbewusstsein (alaya) als achtes Bewusstsein wird zur großen Spiegelweisheit."

"Reinheit gilt für einen Geist, der bei nichts verweilt. Dies ohne das Auftauchen irgendeines Gedankens an Reinheit zu erlangen, wird 'Abwesenheit von Reinheit' genannt. Gleichzeitig bedeutet dieses Erlangen ohne einen Gedanken daran, frei von dieser Abwesenheit von Reinheit zu sein."

"Wie kann Parinirwana erreicht werden? Indem man alle samsarischen Handlungen meidet. Welche sind das? Zum Beispiel nach Nirwana zu suchen oder sich an Reinheit zu hängen, seine Erleuchtung und Erweise davon zu hegen und Regeln wie Gebote nicht abwerfen zu können."

"Wir sind noch nicht gestorben, was macht es da für einen Sinn, Wiedergeburt zu diskutieren?"

"In einem Sutra heißt es, der wahre Dharmakaya der Buddhas ist wie Leere: Er offenbart sich in
Antwort auf die Bedürfnisse der Lebewesen, wie der Mond im Wasser gespiegelt wird. (...) Wer seine eigene Natur erfahren hat, wird richtig liegen, ob er solche Dinge nun als Weisheit oder Dharmakaya bezeichnet oder nicht, denn er wird dessen Wirkung entsprechend den Umständen entfalten, ohne von dualistischen Konzepten von richtig und falsch behindert zu werden."

"Frage: 'Glaubst du, dass unbelebte Dinge Buddhas sind?'
   Pai-chang: 'Nein. Wären unbelebte Dinge Buddhas, dann könnte ein lebender Mensch einem toten unterlegen sein.'"

"Buddhaschaft kann nur durch den Geist verwirklicht werden."

"Das, was wahrnimmt, ist unsere eigene Natur. Ohne sie könnte keine Wahrnehmung geschehen."

"Frage: 'Enthält unsere eigene Natur Böses?'
   Pai-chang: 'Sie enthält nicht einmal Gutes.'
   Frage: 'Wenn das so ist, wie sollten wir sie ausrichten, wenn wir sie anwenden?'
   Pai-chang: 'Sich einzubilden, sie anwenden zu können, ist ein großer Irrtum.'
   Frage: 'Was sollen wir dann tun, um recht zu handeln?'
   Pai-chang: 'Es gibt nichts zu tun und nichts, was recht genannt werden kann.'"

"Sutren sind Schriften in einer bestimmten Anordnung. Wenn ich spreche, dann benutze ich bedeutungsvolle Worte, die keine Schriften sind. Die meisten Menschen verwenden beim Sprechen Worte aus den Schriften, doch die sind bedeutungslos. Um wirkliche Bedeutung zu erlangen, sollten wir über unstetige Worte hinausgehen. Der Dharma ist jenseits von Worten, Reden und Schriften. Darum vergessen all diejenigen, die nach Erleuchtung streben, das Benennen, sobald sie die wahre Bedeutung erfasst haben. Zur Wirklichkeit erwacht, werfen sie die Doktrin fort, so wie ein Fischer seinem Netz keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, sobald er Fische gefangen hat, oder ein Jäger seine Falle vergisst, nachdem der Hase sich darin verfangen hat."

[Literaturempfehlungen] 
John Blofeld: Zen Teaching of Instantaneous Awakening (Buddhist Publishing Group 1995)
Thomas Cleary: Sayings and Doings of Pai-chang (Zen Center of Los Angeles 1978).

[Abb. Pai-chang: studysutra.org]

Mittwoch, 12. November 2014

Die kriminellen Aktivitäten von [Hilfs-]Organisationen (II): The Circle

--- AKTUELL: Bitte esst eine Weile so viel Fleisch wie möglich und sendet dessen ganze Heilkraft Richtung Bordeaux! ---
Ich erkläre in Kürze, warum ...


In den vergangenen Monaten wurde allüberall ein Roman von Dave Eggers rezensiert, das Feuilleton der F.A.Z. widmete sich in einer Wochenendausgabe sogar fast ausschließlich The Circle. Ich bin auf Eggers durch seinen interessanten und zeitkritischen Roman Zeitoun aufmerksam geworden, wo im Zuge der Panik nach den historischen Verwüstungen des Wirbelsturms Katrina in New Orleans ein hilfsbereiter Muslim in die paranoiden Fänge der US-Ordnungshüter gerät. Einen Kurzgeschichtenband von Eggers fand ich dagegen überraschend schwach. Der Autor ist sehr umtriebig, u. a. Verleger und Initiator mehrerer sozial engagierter Einrichtungen und lässt z. B. in Tondokumenten die Zeugenaussagen Gefolterter archivieren.

   In The Circle denkt sich Eggers nun ein paar interessante Dinge aus, die teils gar keine Zukunftsmusik mehr sind, etwa einen implantierten Chip "child tracker", damit keine Kinder mehr verloren gehen, einen "anger detector", um häusliche Gewalt im Frühstadium unterbinden zu können, oder Umfragen mittels digitaler Medien, bei denen über den Einsatz von Drohnen gegen Terroristen zu entscheiden wäre. In einem Interview erweist sich Eggers dann jedoch weniger als Realsatiriker denn als konservativer Furchtengel. Seine Forderung nach Regeln für unsere digitale Welt klingt nämlich nicht nur nach einer Kritik an der zunehmenden Macht datenmonopolisierender Unternehmen wie Google und Facebook, sondern auch nach einer unterstellten Unfähigkeit des Einzelnen, mit diesen Entwicklungen frei genug umgehen zu können.
   Ich vermute: Noch ein paar Skandale in der Art psychologischer Experimente, wie sie Facebook heimlich mit Usern veranstaltete, und der Laden kann dicht machen, ganz zu schweigen von der zu erwartenden Entwicklung neuer und besserer Plattformen zur Kommunikation. Übersehen wird von den Kritikern, das sie den Hype um eigentlich inhaltsleere Unternehmen, die außer potentiellen Werbekunden, unzuverlässigen persönlichen Daten, einer Menge Karteileichen und ein bisschen Software nicht viel Greifbares an Waren- und Sachbestand haben, noch fördern, wenn sie etwas voraussetzen, was es gar nicht gibt: Nämlich die totale Vernetzung des Einzelnen. Ich habe kürzlich bei Google + reingeschaut, wo ich lange nur angemeldet war, sonst nichts, und festgestellt, dass über die Personensuche nach ehemaligen Klassenkameraden - auch nach solchen, die leitende Positionen bei großen Unternehmen begleiten (wie ich aus Klassentreffen weiß) - nicht einmal 5 % der Gesuchten dort zu finden sind. Bei Facebook sind es nur ein paar mehr. Es ist also peinlich, wenn Kritiker wie Eggers auf die Marketinglügen der Zuckerbergs und Co. hereinfallen und so noch deren übertriebene Börsenbewertungen stützen.
   Auch wenn das grundsätzliche Problem des Ausspionierens privater Angelegenheiten bestehen bleibt, wie sie etwa Google durch Scannen von an emails angehängten Dateien praktiziert und damit die staatliche Gewaltenteilung untergräbt - also Polizei spielt und die Errungenschaften der Demokratie aushöhlt -, so gibt es doch die andere Seite all derer, die frohgemut aller Welt mitteilen wollen, wo sie sich jeweils gerade aufhalten, wie ihre Kinder sich prächtig entwickeln und was sie so auf dem Teller haben (ich habe kürzlich entgeistert Chinesen beim Fotografieren ihres Essens in einem Restaurant beobachtet, es vergingen Minuten, bis sie endlich anfingen, sich dem Essen mit ihrem Mund zu widmen, und dann ließen sie noch die Hälfte stehen). Eggers unterstreicht nicht genug, dass wir unsere Profile im Netz selbst manipulieren und Tschüss sagen können, so dass die von uns gelieferten Daten nur noch Vergangenheit abbilden. Hat man erst eine Menge Arbeit in ein Projekt gesteckt, wie ich hier in diesen Google-Blog, ist die Trennung nicht so einfach. Yahoo verwende ich ebenfalls, das schon vor knapp zehn Jahren chinesische Journalisten ans Messer lieferte. Dazu kommen andere zu den Großkonzernen gehörende Produkte und Seiten wie der Chrome-Browser, Youtube, Daily Deal oder Google Earth.  Mit Vergnügen und Interesse sehe ich Googles Engagement in den Bereichen Hybridauto und Künstliche Intelligenz entgegen. Noch ist der Nutzen größer als der Schaden.
   Es ist nicht damit getan zu sagen, man habe nichts zu verbergen. Ich halte jedwede Form von Stalkerei und Schnüffelei für einen Vertrauens- und ggf. auch Rechtsbruch (die Verletzung des Briefgeheimnisses ist bei uns sicher einer). Die Quittung werden Unternehmen wie Google m. E. schon bald in Form von Schadensersatzklagen und Strafverfahren zumindest derjenigen User bekommen, die zu Unrecht in Schwierigkeiten gebracht wurden. Eine email zu viel und falsch gescannt kann dann in den USA gleich bedeuten, dass ein paar Millionen fällig werden und der Aktienkurs schwächelt. Als Gegenbewegung werden Mitarbeiter der Datenmonopolisten für die "andere Seite" arbeiten und die Unternehmen unterwandern, wir werden noch mehr Whistleblower sehen, das wird vielleicht der Job der Zukunft.

Ich hatte diesen Beitrag ursprünglich mit dem Namen Eggers und seinem Buchtitel überschrieben. Da fiel mir ein, dass ich einst als Nachschlag über die unmoralische Stalkerei von Hilfsorganisationen - die derjenigen der Datenmonopolisten sehr ähnlich ist und zugleich den Eindruck erwecken will, sie würde Regelbrüchen im Netz Einhalt gebieten wollen - noch ein paar Worte über eine jüngere Aktion von terre des hommes verlieren wollte. Denn auch diese NGO spielt gern Polizei, Big Brother und Gesinnungsschnüffler und hat sich hierzu ein Gebiet auserkoren, bei dem ihr der Beifall der Massen sicher ist. So erfand sie, unter der Rädelsführerschaft ihres Projektleiters Hans Guyt, das virtuelle Mädchen "Sweetie", das sich im Internet Usern für sexuelle Spielchen anbot. Guyt soll dann stolz die Daten von eintausend mutmaßlichen Pädosexuellen, die darauf ansprangen, der Staatsanwaltschaft übergeben haben. Inzwischen ist klar, dass die Sache schon deshalb ein Schuss in den Ofen wird, weil jeder der Betroffenen sich darauf herausreden kann, sich bewusst und nur im Spaß mit einer ganz offensichtlich virtuellen Figur eingelassen zu haben. Die Aktion war also dümmer, als die Polizei erlaubt, sollte man meinen.
   Guyt hat wie so viele selbst ernannte Kinderschützer hier wohl seinen Wunsch zum Vater der Gedanken werden lassen, dass auch jede nur scheinbare oder nicht-reale sexuell-erotische Verwicklung mit einer Kindgleichen strafbar sein müsse. Entsprechende Bemühungen gibt es von den einschlägigen Hilfsorganisationen natürlich seit Jahren weltweit, sie gehen inzwischen sogar so weit, dass der Sex mit mündigen und erwachsenen Frauen, die wie Kinder aussehen oder sich so zurechtmachen, bestraft werden soll. Auf der Microstock-Plattform des Foto-Anbieters Shutterstock steht in den Bedingungen für erotische Modell-Aufnahmen, dass die Abgebildeten mindestens wie 25 Jahre (!) aussehen (!!) müssten. Dort zieht die US-Sexualparanoia weiter ihre Kreise.
   Wie besessen ein Hans Guyt ist, zeigt sich ab der 34. Minute in folgendem Video, wenn man seine Gestik und Mimik nach kritischen Fragen studiert. Es sollte bedacht werden, dass man nicht zufällig "Sweetie" wie ein philippinisches Mädchen gestaltete, nicht etwa wie eine Deutsche, da die Hilfsorganisationen selbst ja immer wieder die Gefahr des Online-Sexes in unterentwickelten Ländern aufbauschen. Sie bedienen hier also ihre eigene Strategie, denn die Zahlen ihrer Opfer sind seit jeher so virtuell (unrealistisch) wie "Sweetie" selbst. Psychologisch handelt es sich für mich auch um Abwehrhandlungen einiger der Aktivisten gegenüber eigenen unbewältigten sexuellen Gelüsten.
   Ich habe als Jugendlicher einmal für terre des hommes gespendet, dann in den Folgejahren so viele farbige Prospekte bekommen, dass meine Spende allein dafür draufgegangen sein dürfte. Heute sehe ich mich darin bestätigt, mein überzähliges Geld lieber Menschen anzuvertrauen, die ich persönlich kenne. Wenn Dave Eggers sich Regeln wünscht, um die Macht der Großkonzerne einzudämmen, dann wünsche ich mir, dass auch die "Kleinen" - wie verwirrte Kinderaktivisten - gemäßigt und für ihre Heucheleien zur Rechenschaft gezogen werden. Ich bin davon überzeugt, dass selbst ernannte und stalkende Sittenwächter nicht nur für Google und Facebook arbeiten.
    Leider hat diese Hysterie ein Ausmaß erreicht, in dem sich auch Politiker wie Bundesjustizminister Heiko Maas zu einem "Plantschbecken-Gesetz" herabwürdigen, um sich unliebsamer Genossen wie Edathy zu entledigen und der pöbelnden Masse Stimmen abzuringen. Nur ein kleiner Teil des Gesetzes macht Sinn, für den anderen gilt: "Das ist Prüderie in Paragrafenform", wie es Professor Prantl in der SZ ausdrückte. Menschen, die ihrer eigenen Dämonen nicht Herr werden und keinen klaren Kopf bewahren, wenn es um die Einschätzung menschlicher Sexualität geht, haben schon häufig mit ihren Wahnfantasien Gesellschaften infiziert. Das Maas aller Dinge scheint nun zu sein, vorbeugend ins Denken der Bürger einzugreifen und durch den Entzug kindlicher Nacktheit potentiell "bösem" Gedankengut den Nährboden zu entziehen. [...]

[Maas musste zwischenzeitlich seinen Gesetzesentwurf entscheidend abschwächen, der diese Woche noch vom Bundestag zu beschließen ist. Ich habe darum die bereits vor Wochen verfassten zynischen Anwürfe an ihn gelöscht, werde ihm aber künftig misstrauen.]

Schon Laotse wusste: "Je mehr Tabus es gibt, desto ärmer wird der Geist der Menschen." Oder noch klarer: "Will die Regierung alles kontrollieren, werden die Menschen verschlagen."





Mittwoch, 5. November 2014

Sam Harris oder:
Warum man sich dem "Bösen" in sich stellen muss

"Menschen, die nicht inmitten des Bösen das Anhalten und Sehen praktizieren können, 
empfiehlt der Buddha die Tugend als den Weg." (Chih-i)

Theravada-Spezialist Hans Gruber beschäftigte sich kürzlich recht begeistert mit Sam Harris, einem Vertreter des "Neuen Atheismus", der seine Kritik besonders am Islam festmacht und mit mir einige Ansichten teilt, etwa die, dass man keine Religion benötigt, um moralisch gefestigt leben zu können. Harris ist einer, der sich nicht durch Denkverbote einschränken lässt, und so kommt er darauf, dass die Folter eines Menschen, von dem man Informationen zum Schutze vieler bekommen könnte, nicht unmoralischer sein kann als das Auslöschen von Massen durch eine Bombe. Harris' Sprache ist klar, seine Logik überzeugend. Da seine Positionen aber im Einzelfall reaktionärer Politik dienen können, wird er von den (linken) "Spekulativen Non-Buddhisten" nur ungern herangezogen. Dabei teilen sie die Forderung, auch Spiritualität und Meditation radikal wissenschaftlicher Untersuchung zu unterziehen. Harris selbst praktiziert und empfiehlt Vipassana. In seinem Blog findet man Veranstaltungstitel wie "Aufwachen mit Sam Harris", was ja nicht weit von "Erwachen mit Buddha" entfernt ist. Wenn einer allerdings zu aalglatt sein Programm runterspult, werde ich skeptisch. Im Folgenden meine [hier leicht ergänzten] Kommentare an Gruber, die bei ihm nicht veröffentlicht wurden.

"Auch ich möchte an eine Neubesinnung des Buddhismus glauben, aber nicht ans Vipassana. Es wurde doch viele Jahrhunderte in Ländern praktiziert, in denen es den diktatorischen Regimen (wie in Myanmar) nicht viel entgegenzusetzen hatte. Vipassana ist zu selbstbezogen. Wir sollten uns eher die Mahaparinibbana-Sutta anschauen, wo Buddha nicht konkret zur Frage des Angriffskrieges ablehnend Stellung bezieht. Daraus könnten wir folgern, dass wir unsere eigene Antwort bitteschön zu finden haben, und vielleicht lautet die hier: Terroristen angreifen.

Eine Meditationsmethode, die modernen Konflikten dieser Art gewachsen sein will, die müsste vor allem eins erreichen – dass ich mich möglichst gut in den anderen hineinversetzen kann. Ich vermag mir dann vorzustellen, WARUM er jemanden vierteilt. Ich kann das nachempfinden. Ich beginne ihn zu verstehen. Dann erst suche ich nach angemessenen Lösungen. Es genügt nur dann, mich selbst zu verstehen, wenn ich in mir wirklich diese Anteile einer “Bösartigkeit” annehme, wenn ich sie mit dem Terroristen teile, wenn ich weiß: "Du bist auch ich. Ich bin auch Du." Wenn ich das von mir weise, dann werde ich wohl die rechten oder geschickten Mittel nicht finden, mit ihm klarzukommen bzw. ihn in Schranken zu verweisen. Es muss zuerst eine Ehrlichkeit herrschen, die ich bei vielen Buddhisten nicht sehe: "Auch ich habe Grausamkeit in mir!" Und dann frage ich: Warum kann ich sie beherrschen und der andere nicht? Und aus dieser Erkenntnis muss ein unmittelbarer und effektiver Handlungswille entstehen, wie er sich in manchen Vipassana-Hoheitsgebieten in Revolten hätte ausdrücken müssen, die aber gar zu spärlich blieben.

Ihrem Text “Dharma gegenüber Buddhismus” kann ich leider so auch nicht zustimmen. Sie reden vom Gewaltpotential mancher Textstellen im Neuen Testament, übersehen aber die Höllen- und niederen Reinkarnationsdrohungen Buddhas im Palikanon. Ich könnte ihnen am Duktus einiger Lehrer aufzeigen, dass diese übernommen werden, um so Schüler zu gängeln und zu manipulieren. Dazu zählt ja gerade auch der Hinweis auf einen Moralkodex, dessen Verletzung zu gewissen Folgen führe. Insofern verstehe ich nicht, wie Sam Harris aus dieser Nummer herauskommen will. Nicht nur ist die Vipassana-Meditation in einen buddhistischen Kontext eingebettet, ob er das will oder nicht. Voraussetzung ist z.B. bei Goenka die Vorstellung, dass etwas komme und gehe und als Kommendes und Gehendes beobachtet wird. Tatsächlich könnte man aber behaupten, das dieses Beobachtete gar nicht vergänglich ist, so lange man es selbst beobachtet und so lange man lebt, inbesondere die Atmung und der Herzschlag - wäre es in seiner Natur "wahrheitsgemäß" als vergänglich erfasst, müsste man zur Bestätigung erst mal tot sein! Im Grunde wird also eine falsche Sicht auf die Dinge - die von ihrer reinen Gegenwärtigkeit getrennt ist und die zeitliche Abfolge betont - zur Grundlage einer Übung gemacht, die "rechtes" Erkennen bewirken soll. Es gibt hier folglich gedankliche Prämissen, und die werden noch akzentuierter, wenn man, wie Harris, die Harmonie mit einer ethischen Motivation sucht. Schon die Grundannahme, es ginge darum, das Leiden zu überwinden, könnte ja falsch sein und müsste von einem redlichen Intellektuellen eigentlich auf den Prüfstand gestellt werden.

Man sollte die Sache einmal pragmatischer angehen. Im Moment ist nicht zu erkennen, dass das Christentum als Monotheismus weltweit mehr Gewalt anwendet als der Buddhismus (siehe den Umgang mit Rohingya). Es geht eher darum, ob der Monotheismus eine Aufklärung durchmachte oder nicht, und das Gleiche gilt für den Buddhismus. Der tibetische Buddhismus hat sie noch nicht bewältigt, da der Dalai Lama sich noch immer politisch einspannen lässt und die Trennung von Religion und Staat nicht überzeugend vollzogen ist, vor allem in der Volkserwartung nicht. Noch in der jüngeren Vergangenheit wurden in Tibet teils grausame Strafen verhängt. Die Tatsache, dass sich Tibeter selbst verbrennen und nicht andere in die Luft jagen, ist ihrer Textinterpretation und -treue zu verdanken, sie wollen nicht in Widerspruch zum Gelehrten geraten. Für muslimische Attentäter ist es möglich, den Dschihad im Koran [faschistisch auszulegen, Buddhisten müssten dafür schon die wenigen Textstellen zum icchantica manipulieren, um sich in Kriegsstimmung zu rechtfertigen.] Die Tibeter wollen ja auch keinen weltweiten tibetischen Staat, der nach ihrem Rechtsssystem funktioniert, es fehlt die Motivation der Scharia-Anhänger."

Interessanter ist, sich mit Harris' zentraler Arbeit als Neurologe auseinanderzusetzen. Auch Harris kam durch die Untersuchung neuronaler Entsprechungen von Überzeugungen - mithilfe der Magnetresonanztomografie - zum Schluss, dass Entscheidungen schon Nanosekunden vor dem Zeitpunkt gefallen sind, wo wir uns deren bewusst werden. Aus dieser Entdeckung in der Hirnforschung wurde in der jüngeren Vergangenheit oft abgeleitet, dass unsere Freiheit nur eingebildet sei, und es wurde neu verhandelt, inwiefern wir eigentlich für unser Verhalten verantwortlich gemacht werden können. Ich erinnere mich, dass ich einmal von einer jüngeren Verlagsmitarbeiterin darauf angesprochen wurde, die offensichtlich von dieser Erkenntnis etwas irritiert war. Mir fiel es schwer, das nachzuvollziehen. In der Folge wurde mir klar, warum.

"Was ist ein Wort, bevor es ausgesprochen wurde?" - 
"Ich habe dir in dem Augenblick, bevor du die Frage stelltest, geantwortet." 

(Hsiang-yen Chih-hsien, gest. 898)

Durch die Zenübung ist es m.E. möglich, dieses Wissen, dass vor Eintritt ins übliche Bewusstsein ein Impuls bereits gesendet ist, zu erwerben. Mich überrascht es nicht, dass ich nur eine bestimmte Entscheidung wahrnehme, da sie vorher aus einer breiten Palette von Möglichkeiten entstand. Im Augenblick des Bewusstwerdens ist auch klar, dass der Rest der Palette liegengelassen wurde. Ein Wissenschaftler sollte sich um das Auffinden dieser Palette bemühen, also nicht nur feststellen, wo das neuronale Korrelat einer bestimmten Entscheidung oder Handlung ist, sondern auch, wo die Korrelate der Nicht-Entscheidung und des Nicht-Handelns verbleiben. Dieses "Vor-"Bewusstsein ist dem Buddhismus schon lange bekannt, darum habe ich auch kein Problem damit, mich als frei anzusehen, wenn mein gewöhnliches Bewusstsein erkenntnismäßig hinterherhinkt. In der meditativen Einsichtsübung des Buddhismus ist dieses Bewusstsein skandha, es ist nicht ich, und ich mache mich gewissermaßen auf die Suche (selbst wenn ich das gar nicht plane) nach einem Urbewusstsein, aus dem sich die neuronalen Korrelate speisen könnten. Ist mein Hirn tot, gibt es keine neuronalen Korrelate mehr, dann geschieht auch kein Handeln von "Gui Do" mehr. Von daher bleibt, unabhängig von der Trägheit meines gewöhnlichen Bewusstseins, alles, was ich denke und handle, in meiner individuellen Verantwortung und mir als Person zuschreibbar. 
   Eine wesentliche Schrift, die uns verdeutlicht, worauf buddhistische Übung abzielen kann, wenn sie mehr als Vipassana leisten möchte, ist das Mo-ho Chih-kuan ("Großes Anhalten und Sehen") von Chih-i (538-597), die überraschend komplexe Meditationsabhandlung eines Lehrers, der sowohl das Zen (Chan) wie auch den Tientai-Buddhismus und den des Reinen Landes beeinflusste. Schauen wir uns an, was Chih-i unserem Uncle Sam zu sagen hat:

"Frage: Sowohl vor als auch nach dem Gedanken ist kein Geist (Bewusstsein). Wenn diese Zustände keine Zeichen tragen, wie kann man sie überhaupt beobachten?

Antwort: Obwohl der Geist vor einem Gedanken noch nicht angeregt wurde, ist er nicht nicht-existent. Es ist wie mit einem, der zunächst nichts tut, dann aber handelt - du kannst nicht behaupten, dass es die Person nicht schon vor ihrem Handeln gab. Wenn es keine Person gäbe, wer würde dann in der Folge handeln? Gerade weil da einer ist, der noch nicht gehandelt hat, kann dann Handeln geschehen. So ist es auch mit dem Geist: Wegen des Nochnichtdenkens kann da die Schwelle eines Gedankens auftauchen. Gäbe es keinen vorgedanklichen Zustand, wie könnte es einen aufkommenden Gedanken gäben? Selbst vor einem Gedanken kann es also nicht sein, dass da kein Gedanke ist, selbst wenn dieser selbst noch nicht als solcher [bewusst] existiert. Und auch nach einem Gedanken, der bereits vergangen ist, kann dieser noch beobachtet werden." (S. 76/Cleary)

Aus einer solchen Meditationsweise folgt, im Gegensatz zum Vipassana, das in den Kontext des Theravada mit seinen strengen Moralvorstellungen eingebettet ist, eine andere Einstellung zur Moral, wie sie Sam Harris vertritt. Er leitet z.B. aus der starken Leistung von Entwicklungshilfe durch skandinavische Länder, die überwiegend säkularer Natur seien, ab, dass moralisches Handeln keiner spirituellen Untermauerung bedürfe. Mit der Einordnung dieser Leistung als "gut" (statt Entwicklungshilfe in ihrer Zwiespältigkeit zu sehen), vereinfacht Harris die Moral genau so, wie es der Theravada tut. Bei Chih-i heißt es dagegen: "Weder praktiziert man den Weg, noch praktiziert man ihn nicht. Man verweilt einfach im Reich der Bedrängnis. (...) Die fünf Sünden sind nichts anderes als Erwachen, die fünf Sünden und das Erwachen sind nicht-dualitischer Art." (S. 53) "Im kleinen Fahrzeug wird das Durchbrechen von Ansichten 'Abschneiden' genannt, doch [erst] das Durchbrechen der Gedanken bedeutet 'Unterwerfen'." (S. 47)
   An einer Stelle (S. 41f./Cleary) zitiert Chih-i eine buddhistische Schrift, laut der sogar nach Begehen solcher "Todsünden" wie dem Mord an den eigenen gutherzigen Eltern "keine Übertretung" vorlege, sofern der Geist sich vom Anhaften an derartige Gedanken befreie und erkenne, dass die bedingten Phänomene von ihrer Natur her rein seien und nicht Geburt und Tod unterworfen. Chih-i verwendet hier eine Metapher: "Dunkelheit kann keine Rechte über einen Raum herleiten und sich nicht gegen ihr Vertreiben wehren, nur weil sie schon so lange existiert hat: Sobald eine Lampe angezündet wird, ist es vorbei mit ihr."
   Das Ablehnen dieser Erkenntnis, die von Anfang an auch die Zentradition durchzog und nur moralisch unsichere Menschen wirklich irritieren kann, ist im Übrigen auch der Grund für typische Fehlentwicklungen des westlichen Buddhismus, wie sie sich kürzlich wieder bei der Diskussion um Kriegsbeteiligungen japanischer Zenlehrer entzündete.

(Foto: Keller)

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Best of Joshu Sasaki

Vom kürzlich verstorbenen Joshu Sasaki ist offenbar nicht viel Schriftliches überliefert, aber vielleicht kommt das noch, die Aufzeichnungen einiger Teisho aus den 70er-Jahren sind bereits eine kleine Fundgrube dessen, was mir am japanischen Zen schmeckt. Noch vor einigen Monaten war ich darauf vorbereitet, eine ähnliche Analyse des Sasaki-Archivs zu machen wie bei Eido Shimano, dessen sexuelles Fehlverhalten allerdings im Verhältnis bedeutsamer erscheint. Mit Sasakis Tod dürfte er als Projektionsfläche "Sexmonster" kaum noch eine Rolle spielen. Obwohl sich beim Zen-Lehrer Doraku-an (Dr. Jörg Bernsdorfer) die seltsame Ansicht findet, man müsse jemandem, der eine Gefängnisstrafe wegen eines Finanzdeliktes abgesessen habe, diese noch Jahrzehnte später vorhalten und mit seinen Übergriffen auf Schülerinnen in Verbindung bringen. Doraku-an erfindet dafür - in eigenen Worten - sogar die Regel "not fooling around with female [sic]" also nicht mit Frau(en) rummachen, die es so gar nicht gibt und die im Übrigen einer, der wie Doraku-an offensichtlich eine Ehefrau hat, kaum selbst befolgen könnte. Wie ich anderswo schrieb, bezieht sich die ursprüngliche Regel des Palikanon allein auf Ehebruch, und da Sasaki nicht nach dem Vinaya ordinierte, kann man ihn bestenfalls in dieser Hinsicht auf die sila verweisen.
   Offenbar kann sich Doraku-an auch nicht vorstellen, dass die Würdigung der Erkenntnis eines Menschen nicht bedeutet, dass man sein sonstiges Verhalten per se gutheißt. Auf der anderen Seite ist die Vorstellung, man bekäme irgendwo einen moralisch einwandfreien Zen-Lehrer, geradezu naiv. Wenn wir uns das von den alten Meistern ausmalen, dann doch nur, weil wir sie a) nicht kannten und b) in der beschönigenden Überlieferung alles Störende weggelassen worden sein dürfte. Heute geht das nicht mehr so einfach. Wer verstehen will, wie sich Doraku-an über Sasaki täuscht, der lese also die unteren Textauszüge. Wer so denkt wie ich, aber im Gegensatz zu mir meint, dass man diese Lehrer in jedem Fall persönlich aufsuchen muss, der/die sage einem Typen wie Sasaki: "Zazen - but no Sanzen!" Oder klebe ihm eine. Recht viele Zeugen beschrieben, dass Sasaki seine Attacken bleiben ließ, wenn ihm deutlich Grenzen gesetzt wurden. Ansonsten geht man eben weg, oder übernimmt die Verantwortung dafür, dass man geblieben ist.
   Vergleiche mit begabten Schullehrern, wie sie Doraku-an formuliert, habe ich hier selbst gebracht. Wenn jemand ein guter Lehrer ist, aber "sein Fleisch schwach", dann entzieht man ihm nach Möglichkeit nicht seine Lehrerlaubnis, sondern stellt sicher, dass er mit denen keinen Umgang mehr pflegen kann, die er begehrt. Mich hat Sasaki nie begrapscht, darum bleibt er für mich ein Mann mit tieferen und interssanten Erkenntnissen. Änderte sich dieses Urteil wegen Begrapschens, dann zeigte sich darin meine Unfähigkeit zur Unterscheidung und meine falsche Zen-Übung. Natürlich geht es im Zen wesentlich um das Umsetzen der Erkenntnis in den Alltag, aber die befreiende Einsicht (kensho, satori) stellt ja gerade die eigentliche Herausforderung dar: Wie gehe ich nun mit der so gewonnen Freiheit um? Und nicht: Wie halte ich nun besonders penibel uralte Regeln ein? Man kann an dieser Freiheit scheitern, aber nicht zu erkennen, wenn sie einer erworben hat, führt zu reaktionärem Schubladendenken: Der Grapscher könne nichts begriffen haben (so als ginge es bei der Zen-Übung darum, zu verstehen, dass der Palikanon oder das Brahmajala-Sutra nichts als die reine Wahrheit verkündeten, mit all ihren Vorschriften und Maßregeln).
   Brad Warner schrieb in seinem Blog davon, wie ihn Sasakis Teisho einst beeindruckten. Ich las sie jetzt zum ersten Mal und kann das nachvollziehen. Im Lichte der Enthüllungen über Sasakis Übergriffe auf Frauen bei den Sanzen-Sitzungen, wo der Lehrer ggf. mit jeweils einem Schüler oder einer Schülerin allein sein kann, stellte ich mir vor allem bei den Passagen, die von Mann und Frau handeln (s.u.), die Frage, warum Sasaki dann nicht auch die Männer mit Avancen überraschte, wenn das Ganze ein Teil von Zenübung gewesen sein soll, dem Sprengen von Erwartungen, Vorurteilen, Hemmungen, Begrenzungen. Die Ausreden in diesem Bereich sind sich doch sehr ähnlich. Damit kommt Sasaki also auch bei mir nicht davon. Ganz anders ist es mit den Teisho.
    Es wäre interessant zu erfahren, ob Sasaki in den Jahrzehnten danach trotz seines persönlichen Fehlverhaltens diese Qualität in seinen Lehren aufrechterhalten konnte. Vielleicht schaffen es enge Schüler von ihm, weiteres Material zu veröffentlichen, wie es etwa noch immer die Gefolgschaft von Shunryu Suzuki tut. Hier also das m. E. Beste aus jenen Sasaki-Reden (in Klammern die Seitenzahl des PDF-Dokumentes) "Buddha is the Center of Gravity" (Lama Foundation 1974):

***
Die erste Stufe der Zenübung ist, dich als Nichts zu manifestieren. [Du manifestierst dich als Nichts und zugleich etwa als Mann oder Frau (23).] Die zweite Stufe ist, dich völlig in Leben und Tod, Gut und Böse, Schön und Hässlich zu werfen. … Zen lehrt dich, Gott und den Teufel auf einmal zu schlucken. … Du wirst fähig, dich vollständig zu geben und in einer schönen Frau genauso heimisch zu fühlen wie in einer Laus oder einem Kerl mit gebogener Nase. (16)

Du magst eine schöne Frau und lehnst eine hässliche ab: Das ist nicht dein wahres Selbst. Dein wahres Selbst ist frei von Schönem und Hässlichem. (21)

Der Weg des Zen ist nicht der von Heiligen oder Sündern. … Wenn du Gott, Buddha oder die Quelle von allem erfährst, dann weißt du nicht, was du tust - so wie du, wenn du mit einem geliebten Menschen ganz eins bist, nicht weißt, ob du etwas Gutes oder Schlechtes tust. (21)

Daizazen, großes Zen, bedeutet, dich selbst zur Quelle des Universums zu machen und gleichzeitig diese Erfahrung als Objekt betrachten zu können. (22)

Wenn du erkannt hast, dass die Quelle von dir und von Gott ein und dieselbe ist, dann kannst du Verantwortung als Gott in der Welt übernehmen. (23) … Ihr müsst Verantwortung für diese menschliche Welt von Ursache und Wirkung übernehmen, sonst habt ihr kein Zen erlangt. (24)

Wenn du mir als Frau mit dem Gedanken zuhörst: „Das ist ein kleiner Mann mit einer kleinen Nase. Was, wenn ich ihn zum Ehemann hätte?“, dann hörst du mir nicht wirklich zu. Männer lauschen mir mit dem Gedanken: „Wie groß wohl sein Nabel ist?“ So zuzuhören ist, als würde man Augencreme ins Arschloch schmieren. (33)

Zen-Meister sind sehr unfreundlich. (37)

Ein Zen-Meister muss in jedem Augenblick in der Lage sein, zu töten oder getötet zu werden, sonst kann er kein Zen lehren. Töten bedeutet hier das Selbst töten. … Auch Liebe bedeutet, mit dem Geliebten jederzeit sterben zu können. (38)

Die Menschen entwickelten ihren Intellekt und missverstanden Zeit und Raum als Objekte, sie halluzinierten die Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.  Wenn ihr eine solch irrige Auffassung von Zeit habt, könnt ihr sie nie verstehen. (38) … Was ist Zeit? … Der Raum dieses Universums ist angefüllt mit Zeit. (33)

Ihr müsst mutig genug sein, eure Ohren zu verschließen, wenn dieser Roshi etwas Dummes sagt. Dann seid ihr wahre Schüler. (40)

Hyakujo lehrte fumae inga: Sei einfach, der du bist. (41)

Hyakujo ist der erste Zen-Meister, der davon sprach, dass Zen daishigyo ist: nicht nur Zazen-Meditation, sondern gyo, also Übung oder Arbeit, um Selbst zu manifestieren. (44)

Werdet zu Rauch! (45)

Wenn du deine Frau umarmst, musst du das mit deinem ganzen Wesen tun. … Dies wird gotaitochi genannt, das Darbieten des ganzen Körpers. (48)

Wenn du Rinzai-Zen machst, solltest du von niemandem abhängen, sondern allein voranstreben. (49)

Zu Zeiten Buddhas gab es keine Physik, also nannte er es „Buddha-Natur“. Heutzutage nennen es Physiker: Gravitationszentrum. … Zu existieren bedeutet, solch einen Schwerpunkt zu haben. … Die Religion des Buddhismus lehrt die Beziehung zwischen dem Menschen und diesem Schwerpunkt. Zen bedeutet, diese anzuwenden. … Für Zen-Mönche sind die Worte Zen und Buddhismus austauschbar. (54)

Zen ist für Kranke. Dieses Zendo ist ein Krankenhaus. (56)

Wenn du wirkliches Zazen übst, dann kannst du Zazen vergessen und dich deiner wirklichen Arbeit widmen. (56f.)

Form und Regeln sind wichtig. Wir wollen euch nicht darin gefangen halten, sondern damit euer Ego abschneiden. … Wenn ihr ohne diese Regeln üben könnt, müsst ihr nicht in einem Kloster sein. (59)

Wenn du erkennst, dass dein Gravitationszentrum mit dem des Universums identisch ist, wird dieses Bewusstsein bodaishin, der Bodhi-Geist. (62)

Buddha-Natur verwirklichen ist das Wissen und Gefühl, dass alles in der Welt eigene Kinder sind. (63)

Im Zen gibt es keine Wunder. (64)

Selbst ein Narr kann ein Zen-Meister sein. Ein Zen-Meister zu sein ist der einfachste Job der Welt. (74)

Ihr solltet niemanden kopieren. Hängt auch nicht an meine Erläuterungen. (77)

Wahre Freiheit ist, alles zu umarmen und zur gleichen Zeit in allem zu verweilen. (77)

Vollständiges Wissen, also die Wahrheit zu erkennen, bedeutet die Erfahrung, dass du die objektive Welt nicht vollständig verstehen musst, denn sie ist grenzenlos. Wenn du die objektive Welt als dich selbst erfährst, dann erkennst du, dass du sie nicht vollständig verstehen musst. (80)

Satori ist die Erkenntnis, dass dein Selbst alles vereint und von allem vereint wird. (81)

Ein Koan wird dir nicht als Objekt gegeben, das du verstehen sollst. Es wird dir gegeben, damit du dein eigenes Problem löst. (82)

Was ist das schlimmste Übel in der Welt? Zu töten? Zu stehlen? Zu lügen? Die Harmonie zu zerstören? Sich selbst zu belügen? … Im Buddhismus ist die schwerste Sünde, Gott oder das Gravitationszentrum [die Buddha-Natur] als Objekt anzusehen. (85)

Ihr esst hier kein Fleisch, aber auch Pflanzen sind lebendige Wesen. Ihr tötet sie. Wie könnt ihr es verhindern, eine Sünde zu begehen, wenn ihr eine Pflanze oder einen Moskito tötet? Zu töten bedeutet das Selbst zu töten. Andere zu töten, aber nicht das Selbst, ist Sünde. Wenn ihr anderes Leben tötet, müsst ihr selbst sterben. Mit dem Moskito zu sterben und wiedergeboren zu werden ist Zen. (85)

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Der Y-Buddhismus der Nicht-Buddhisten oder:
Warum auch Laruelle nichts Neues bringt

Einst warf ich Matthias Steingass auf dem Unbuddhisten Faulheit vor. Das nehme ich zurück. Inzwischen hat er eine Art Gebrauchslexikon für den "Spekulativen Non-Buddhismus" (SNB), den ich Y-Buddhismus nenne, übersetzt. Wenn man darauf reagiert wie ich gleich hier, kommen jedoch nach wie vor die Anwürfe, man habe nicht gelesen oder nicht verstanden. Im Grunde könnte man darauf antworten: "Ihr ja auch nicht, wie kommt ihr z.B. darauf, dass es in der Buddhalehre keinen atman gebe?" Lieber will ich einräumen, dass ich das "Querlesen" gewöhnt bin, ich verschaffe mir also einen schnellen Überblick über das Gesagte und bewerte, ob es die Mühe vertiefter Lektüre lohnt. So habe ich etliche Werke von Jack Kornfield auf Anregen einer Userin in einer Buchhandlung durchgesehen. Einige wenige Stellen genügten, um mir klarzumachen, dass diese Werke das Althergebrachte erzählen und die alten Klischees transportieren (z.B., dass jeder bekommt, was er [sich] verdient). 
   Mit den Y-Buddhisten ist es ähnlich, die Beschäftigung mit ihnen dauert zwar schon länger an, aber je mehr dabei herauskommt, desto deutlicher kristalliert sich heraus, wie sie - ähnlich Sam Harris - für ihre eigene Ideologie, ihr eigenes Gedankengebäude begeistern wollen. Glen Wallis hält so viel von seinem Ansatz, dass er meint, im Grunde könnten alle  (X-) Buddhisten sich damit von ihrer innerbuddhistischen Verblendung befreien: "Wobei unter Berücksichtigung des X-Buddhismus und der Heuristik, der aufmerksame Leser auf Schlussfolgerungen und Erkenntnissen kommen wird, die seine Beziehung zum X-Buddhismus radikal verändern werden." Das sehe ich mit einem Lächeln, hat doch Steingass auch diesen Blogger zuweilen unter "X-Buddhismus" eingeordnet, und hätte damit der X-Buddhismus bereits den Beweis erbracht, dass er das auch selbst leisten kann (schließlich schreiben mir hier oder per email Leser, dass und wie ihnen durch Information und die Darstellung von Zusammenhängen die Augen geöffnet wurden). 
   Leider ist der SNB zu kompliziert für ein solches Unterfangen - und zudem unglaubwürdig. Immer wieder lässt sich zeigen, dass er selbst tut, was er den anderen vorwirft, z. B. eine "Entscheidung" trifft, d. h. "die Festlegung, (...) eine grundsätzliche Wahrheit zu verkünden" (s.o.), und dabei von seinem "Charisma" abhängt, das in diesem Fall etwa Laruelle oder Althusser heißt. Klammheimlich werden Begriffe entscheidend anders übersetzt, aus anicca wird "Verschwinden" statt "Vergänglichkeit" oder "Unbeständigkeit", und es gibt unverrückbare Prämissen wie diese: "Die kognitive Entscheidung des Buddhismus besteht aus dem Postulat der raumzeitlichen Wechselhaftigkeit (samsara) als bedingt Gegebenem und aus demjenigen der Kontingenz (paticcasamuppada) als dessen bedingender Tatsache." (Bitte ggf. für eine Kritik hier im Blog nach Y-Buddhismus googeln).

Dies sind die erklärten Ziele des SNB:

"1) Aufdecken der syntaktischen Struktur des Buddhismus (die vom Buddhismus selbst nicht gesehen wird); 2) Untersuchung der Bedeutung und Tauglichkeit buddhistischer Sätze; 3) Prüfung aller zeitgenössischen Formen des Buddhismus in Bezug auf ihre Tendenz zum ideologischen Exzess."

Alle diese Aussagen gelten nur für einen Teilbereich des Buddhismus. Sowohl in der buddhistischen Akademie sowie in Blogs wie diesem hier als auch in praktischer Schulung (etwa mit Koan) werden z. B. syntaktische Strukturen reflektiert und die Bedeutung von Dogmen oder "buddhistischen Sätzen" in Frage gestellt. Das ist ein wesentliches Charakteristikum des Zen. Und ich tue das auch mit der Syntax und den "Sätzen" der Y-Buddhisten und ihrem "ideologischen Exzess". Hierzu hatte ich zunächst Matthias geschrieben, dass sich die führenden Y- oder Nicht-Buddhisten freiwillig weiter an den Buddhismus binden, und zwar überwiegend durch die Meditation oder speziell das Vipassana. Im Einzelfall ist das für die Gegenwart nicht immer nachweisbar, da sich die Y-Strategen verständlicherweise ein wenig bedeckter halten, was ihre Meditationspraxis angeht, als andere. Hier meine Ergebnisse:

a) Glen Wallis auf der Seite seiner Meditationsgruppe
"We sit in stillness, silence, and attentiveness. Attentive to what? Wallace Stevens has an answer: 
For the listener, who listens in the sitting, 
And, nothing himself, beholds  
Nothing that is not there and the nothing that is."

Diese Sprache ist uns geläufig. Bei Chih-i heißt das schon im 6. Jh.: "Da gibt es keinen Wissenden, keinen Sprecher. Wenn es kein Wissen und kein Sprechen gibt, ist es weder existent noch nicht-existent. Man ist weder Wissender noch Nicht-Wissender. Abgesehen von diesen Extremen verweilt einer da, wo es nichts zu verweilen gibt ... im stillen Reich der Wirklichkeit."

Wesentlicher Bestandteil der Vipassana-Meditation ist die Schulung der Achtsamkeit (attentiveness), die Parallele ist sofort deutlich.

Um es zu pointieren - eine gänzlich andere Meditation könnte etwa so aussehen: "Wir meditieren in der Bewegung, im Lärm und in der Zerstreutheit, indem wir dem Gedankenchaos freien Lauf lassen."

Weiter O-Ton Wallis: "My first practice was vipassana [insight meditation]. Later, I practiced with the Soka Gakkai, which provided the tight discipline and structure that I needed at that time. After that, I practiced with both Soto Zen and traditional Theravada communities in Berlin ..."

Es folgt dann das übliche biographische Durcheinander, das von Dogen über Seung Sahn bis Dzogchen reicht. Wallis ist aber seiner Vorliebe fürs Dhammapada treu geblieben, das er übersetzt hat. Dazu fällt mir ein:


"Plötzlich entsteht in euch ein starker Wille, ihr greift die Tasche mit euren Schalen und wandert an tausend verschiedene Orte. Ich frage euch: Was fehlt euch? Alle Menschen haben die Buddha-Natur, doch ihr würdet sie selbst dann nicht erkennen, wenn sie direkt vor euren Augen wäre." (Yün-men)

b) Tom Pepper: Verlinkt sich auf seiner Facebook-Seite mit der "Buddhist Faith Fellowship of Connecticut", die dem Shin-Buddhismus zugehört, sowie einer marxistischen Gruppe in Großbritannien, die meint, ein guter Buddhist sei ein guter Marxist. Dem Wallis-Blog entnahm ich, dass Pepper ebenfalls vom Vipassana kommt:  "My original understanding of Vipassana meditation", "
and we can begin, also in 'sati' meditation, to examine the causes and the effects of this particular construction of conventional self", "Vipassana as I’ve encountered it over the last couple of years" etc. 


c) Der von Steingass gern zitierte Philosophie-Professor Thomas Metzinger meditiert täglich und forderte: "Die Mindestausstattung [bei der Erziehung von Kindern] sollte aus zwei Meditationstechniken bestehen."

d) Sam Harris (den ich hier zu den "Nicht-Buddhisten" zähle, ohne ihn mit den "Spekulativen" in einen Topf zu werfen, später mehr zu ihm): "For beginners, I always recommend a technique called vipassana."



Im Grunde liest sich daher vieles, was die Y-Buddhisten tun, als ein Versuch, mit den eigenen biographischen Verirrungen abzuschließen (man schaue sich an, was insbesondere Wallis und Pepper da an Irrfahrten durchmachen oder durchgemacht haben müssen). Ob ihnen dabei hinreichend bewusst ist, dass sie sich selbst bei ihrer Kritik Erkenntnissen aus dem Buddhismus selbst bedienen? Mit den X-Buddhisten haben sie überwiegend eine Anhaftung gemein, nämlich die, meditieren zu wollen. Ich stelle das einfach fest, ich kritisiere das noch nicht. Was ich kritisiere ist die Blindheit für die Tatsache, damit automatisch auch in einem buddhistischen Referenzkontext zu landen. Am deutlichsten wird das, wenn man mal verstanden hat, dass Laruelle, ob er das nun wusste oder nicht, eine Parallele im Zen hat, nämlich in Tozans "Fünf Rängen". Nehmen wir diese Kernaussage der Y-Buddhisten:

"Non-Philosophie arbeitet typischer Weise folgendermaßen: Alles wird dem Verfahren einer Dualität (von Problemen) unterworfen, die weder eine Zwei noch ein Paar konstituiert, und dem einer Identität (von Problemen, und daher einer Lösung), die keine Einheit oder Synthese konstituiert. (François Laruelle, A Summary of Non-Philosophie, 2.1.2)"

Weder zwei noch ein Paar ist bei Tozan "die Erscheinung inmitten des Wirklichen" und "das Wirkliche inmitten der Erscheinung". Die "Identität" (Lösung) heißt bei Tozan:  "Die Ankunft bei gegenseitiger Integration", wo sich "zwei Klingen kreuzen, ohne dass Rückzug nötig wäre" (d. h., dass keine Einheit oder Synthese konstituiert wird). Das was in Tozans letztem Rang "Einheit" genannt wird, könnte leicht den Eindruck erwecken, es müsse sich ums Gegenteil der Larueschen Forderung handeln. Doch Tozan fragt: "wer fällt in weder-sein-noch-nicht-sein" und erfüllt damit, was Wallis unter "Leere Realität" subsumierte: "Die leere Realität ist im 'einfach so' des Alltags gegeben." 

Eine erneute Prämisse: "Allerdings ist es keinem X-Buddhist möglich, diese Annullierung tatsächlich durchzuführen. Das wäre unmöglich. Daher: Non-Buddhismus." ist aus meiner Sicht zu formulieren: "Es ist einem Zen-Übenden möglich, diese Annulierung durchzuführen, darum: Zen!" Das könnte freilich aufs Gleiche hinauslaufen, da Zen so verstanden kein X-Buddhismus ist (allerdings auch kein Y-Buddhismus, da er für die "Meditation" keine Stille und Aufmerksameit einfordert). 

Wie Annulierung in meinen Augen aussehen kann, will ich gegen Jahresende noch einmal am Thema "Karma" verdeutlichen. Etliche Beispiele habe ich im Lauf der Zeit bereits beim "Unbuddhisten" genannt, zuletzt, wie die Annulierung des Dalai Lama funktionieren würde, nämlich durch Selbstverbrennung. Das andere "einfach so" des Alltags zeigt sich etwa im konkreten Loslassen von immateriellem (Beziehungen) und materiellem Besitz. Es ist wirklich nicht nötig, dafür ein Lexikon zu entwerfen, ganz simple Beispiele genügen: Wenn Warren Buffett oder Bill Gates 90 Prozent ihres Einkommens und Besitzes spenden und damit Milliarden über Milliarden, ist das nicht "einfach so", da sie erst dann losgelassen hätten, wenn sie sich des rechtfertigenden Restbesitzes entzögen, den sie auf Kosten anderer erwarben und den sie für die Sicherheit und das Wohlergehen der ihren für nötig halten. Annulierung bedeutet, dass ich dies und das nicht wirklich brauche, selbst die Meditation nicht. Das Ausmaß der eigenen Anhaftungen erweist den Mangel an vollzogener Annulierung. Das erkennt der Non-Buddhismus nur unscharf, da sein erklärter Feind die "Transzendenz" ist (womöglich sogar bedingt durch eine selektive Lesart Laruelles). Die Transzendenz jedoch ist gerade das non-buddhistische am Buddhismus; seine historisch frühen Erkenntnisse eines Nicht-Selbst, der Unbeständigkeit und einer meditativen Einsichtsmöglichkeit sind es nicht. 
   Wie sich der Buddhismus selbst zum Non-Buddhismus macht, das soll zum Schluss noch einmal Chih-i (538-597) ausdrücken: "Sieht einer Buddha, dann sieht er ihn nicht als Buddha an; es gibt da keinen Buddha, der Buddha wäre, und es gibt auch kein Buddha-Wissen, um ihn zu verstehen."


[Das ganze Shimano-Interview findet sich auf soulsessions.org (Registrierung erforderlich); 
Foto unten: Keller/Blick auf Bangkoks Zentrum; bitte anklicken zum Vergrößern]

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Weitere Torheiten von Thich Nhat Hanh

Ein Foto, das Thich Nhat Hanh (TNH) 1974 in informeller Kleidung zeigt: Ein angeblich nach dem Vinaya ordinierter Mönch, der sich nicht die Haare schnitt ...
   Nun fand ich noch das unten stehende Video von einer Frage-Antwort-Sitzung einer anderen TNH-Veranstaltung aus dem Jahre 2012. Diese hat es wirklich in sich. Man beachte zunächst das nach dem anfänglichen Singsang neben TNH auf einem Podest platzierte junge Mädchen, das er "beautiful flower" nennt und das später gegen eine andere ausgetauscht wird. Während der Sitzung verfällt TNH mehrmals in den Befehlston gegenüber Kindern, so wenn er ein Mädchen, dem er seine Pastillchen gegen Heiserkeit aus der eigenen Hand reichen ließ, auffordert, diese vollständig und sofort in den Mund zu tun. Solche Dinge berühren mich seltsam: Wie TNH plötzlich aus seinem gefühlvollen Duktus herausfällt. 
   Bitte schaut Euch das Video ab etwa Min. 32:30 an, wo ein Junge auf der Bühne die kurze und bündige Frage stellt:  "Warum ist es falsch zu töten, wenn es gar keinen Tod gibt?" An der Antwort TNHs lässt sich verdeutlichen, warum er allein von der Einsicht her kein Zen-Meister sein kann. 
   Die erste Antwort von TNH lautet: "Wenn du töten willst, hast du die falsche Perspektive." Sofort danach verfällt er auf ein völlig untaugliches Bild ("Stell dir vor, du wolltest eine Wolke töten?" - heh, wer will das?), um die Sinnlosigkeit des Unterfangens zu unterstreichen - die Wolke würde zu Schnee oder Regen. Dann behauptet er, die "Energie zum Töten" enstpränge der Unwissenheit, und führt die üblichen anderen Schlagworte an: Ärger als Motivation und die Tatsache, dass bereits die Absicht zu töten falsch sei. Schließlich führe das Töten zu viel Leiden. Und das bezieht TNH konkret in einer Ursache-Wirkungs-Kette auf den Tötenden, indem er die Mörder von Prominenten anführt, die von Martin Luther King, Mahatma Gandhi, John F. Kennedy und Jesus. Mit den großen Namen hat er es ja gerne, aber er muss sich nicht sorgen, ich glaube nicht, dass irgendjemand TNH umbringen will, und seine Bedeutung in der Geschichte ist verschwindend gering im Vergleich zu den anderen vier Genannten.
   Es lohnt eine genaue Betrachtung von deren Mörder Schicksal, denn was TNH macht, ähnelt dem, was der Ole Nydahl tut, und man findet eine solche Ausdrucksweise und Denke dann auch immer wieder bei deren Schülern, sie entlarven sich regelmäßig auf diese Weise in anonymen Foren: Es wird auf simple Weise propapiert, dass jeder, der etwas im buddhistischen Sinn Übles tut, dafür schwer leiden und seine Strafe bekommen wird. Das kann man leicht tun, da viele Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später sowieso erkranken oder in irgendwelche persönlichen oder beruflichen Schwierigkeiten geraten; eine solche Prognose hat also den Wert eines Horoskops.
   Der Mörder von King hieß James Earl Ray. Er wurde 70 Jahre alt und starb im Gefängnis an Hepatitis C. Schon wenige Tage nach seinem Geständnis, dass er auf Anraten seines damaligen Anwaltes ablegte, um der Todesstrafe zu entgehen, widerrief er. Bis heute gibt es Menschen, die daran glauben, dass ein anderer den Mord selbst begangen hat. Hinsichtlich der Mörder von Kennedy ist dies ähnlich.
   Der mutmaßliche Mörder von John F. Kennedy, Lee Harvey Oswald, wurde tatsächlich zwei Tage nach der Tat selbst erschossen, vom ehemaligen Nachtklubbesitzer Jack Ruby, der nur ein paar Jahre später im Gefängnis den Folgen seines Lungenkrebses erlag. Auch um diese Morde ranken sich Ungereimtheiten und Verschwörungstheorien.
   Der Mörder Mahatma Gandhis ist nun ein besonders pikanter Fall in Hinsicht auf TNHs simple Vergeltungsthesen. Er hieß Nathuram Godse und handelte wohl aus nationalistischen Motiven (Gandhi war in einen Hungerstreik getreten, weil seine Regierung eine Riesensumme nicht an Pakistan auszahlen wollte). Nathuram Godse wurde zum Tode verurteilt und knapp zwei Jahre nach seiner Tat gehängt. 
   Es ist schwer möglich, das Schicksal all dieser Mörder in einem Atemzug gleichzuschalten. Ray wurde im Gefängnis alt, ein möglicherweise geisteskranker Mörder (Oswald) von einem anderen Geisteskranken (Ruby) vielleicht aufgrund eines Geheimdienstkomplottes getötet, wobei Letzterer wohl sowieso an Lungenkrebs gestorben wäre. Gandhis Mörder jedoch wurde offiziell hingerichtet, und da sich TNHs These ja gegen jedes Töten richtet, hätte er in diesem Fall eigentlich weiterdenken und -fragen müssen: Was passierte denn mit Godses Henkern? Führten sie womöglich ein angenehmes Leben in Saus und Braus? Und was ist aus Pakistan geworden? Hat Godse vielleicht mehr Weitsicht besessen als Gandhi? Handelte er tatsächlich aus Unwissenheit (ignorance)?

Hunderte von Jahren an Tradition stecken in der ostasiatischen Kampfkunstlehre, die ein System entwarf, ein notwendiges Töten (aus Notwehr oder Nothilfe, wie wir es gerade bei der Bekämpfung der ISIS-Rebellen benötigen) so zu erlernen, dass es gerade nicht aus Ärger oder Hass geschieht. Dies ist auch eine der Voraussetzungen, um spätere Kriegstraumata zu vermeiden. TNH kommt natürlich nicht aus der japanischen Zen-Tradition, wie wir schon daran erkennen, dass er auch noch anmerkt, heutzutage würden viele sogar versuchen, den Buddha zu töten (was wir ja nach Meinung Linjis sogar tun sollten). Doch kann man auf der Basis der Gleichsetzung eines Menschenlebens mit einer Wolke keinen brauchbaren Humanismus bauen. Stattdessen postuliert TNH wie üblich Dualismen: Das eine (töten) sei nun mal nicht ohne das andere (Leiden) zu haben. Obgleich wir doch wissen, dass Nicht-Töten (von Aggressoren) in der Folge ebenso Leiden auslösen kann.
   Was TNH nie erkannt hat ist, dass es - wie ich übernächste Woche beispielhaft aus Joshu Sasakis Nachlass zitieren werde - beim Töten um das Bewusstsein geht, dass ich damit auch mich (mein Selbst) töte. Dies fängt damit an, dass wir Pflanzen zum Essen töten (ein peinliches Problem, dass selbst von buddhistischen Veganern oder Vegetariern gern ausgespart wird) und hin und wieder Ungeziefer beseitigen. Wir sollten zunächst verstehen, was wir da tun und wie wir das "richtig" tun können, damit wir erkennen, dass es auch eine Notwendigkeit geben kann, das Töten auf Menschen auszuweiten. Die Folgen des Leidens, die TNH anspricht, sind Wohlstandsleiden, solche des Geistes, und in nebulösen (und sachlich teils falschen) Andeutungen macht er seinen Zuhörern natürlich noch Angst vor möglichen körperlichen Leiden. Dass genau diese etwa nun die Opfer in Syrien und im Irak erleiden, gerade weil es ihnen nicht gelang, die Aggressoren zu töten, das fällt ihm nicht ein. 
   Es gibt Leiden für TNH nur deshalb ausschließlich und zwangsläufig, weil ER SELBST nicht in der Lage ist, sein Selbst zu töten, wenn er z.B. ein Tier tötet. Darum lässt er es lieber. Dies sagt nichts über die Dimension unserer Zen-Übung aus, sondern nur, dass TNH an einem bestimmten Punkt stehengeblieben und am Zen gescheitert ist. Ich gehe davon aus, dass seine Antwort nicht mal den vorpubertären Jungen überzeugen konnte, der ihm die Frage stellte.

Der Moment, wo Martin Luther King tatsächlich lebte, kommt nach Min. 29, wo das Mädchen ihren Stuhl räumen und das schwarze Kleinkind Platz nehmen möchte. Doch TNH fordert sie scharf auf, sich wieder zu setzen.



[P.S.: Michael Trigilio geht in seinem Film "Bodhisattva Superstar" (2010) offenbar auch auf unangenehme Erfahrungen ein, die er als ein im Orden TNHs Ordinierter machte. Die DVD könnt Ihr hier bestellen. Ein etwas dröger längerer Auszug findet sich hier.]

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Mord an einem tibetischen Mönch:
Reinkarnation entdeckt

"Haha, der wahre Buddha ist irgendwo da draußen
die Welt der Zukunft
so beginnt sie.
Irgendwo, da ist sein Haus, sein Haus, das ist das Draußen.


Ho ho, einen langen, langen Tag fleht der Kuckuck Buddha an."

(Ko Un: Zen-Gedichte, was'n das?)

Als ich kürzlich mal nachschaute, was aus dem Prozess gegen die Mörder von Akong Rinpoche geworden ist, las ich, dass die Verhandlung gegen sie läuft. Unmittelbar nach dem Mord gab es diverse Thesen, etwa die Chinesen könnten ihn in Auftrag gegeben haben (Akong war tief in das tibetische Reinkarnationsgefüge involviert und hatte beim Auffinden des 17. Karmapa geholfen - wir erinnern uns, der 16. litt offenbar unter einer "Schizosubtilie", einer Spaltung seiner subtilsten Energien, weswegen er sich gleich zwei Mal reinkarnieren musste). Andererseits waren Akong oft seine tollen Kontakte nach China vorgeworfen worden, wo man ihm sogar den Titel "Living Buddha" verliehen hatte. Von Seiten des mutmaßlichen Mörders hieß es sogleich, Akong habe ihm Geld für seine Arbeit an Skulpturen geschuldet. Die Summe, knapp 280.000 Pfund für 5 Jahre Dienste, wirkt enorm. Die Gegenseite behauptet, der Künstler habe sich bereit erklärt, nur gegen Kost und Logis zu arbeiten. Nun kommt eine interessante Aussage des persönlichen Assistenten von Akong: "Ich bin ein Mönch, wir bekommen kein Gehalt." Schon in der Biografie von Akong können wir lesen, dass er sich einst, gesponsert nach England ausgewandert, als Krankenpfleger verdingen musste. Später lehrte er den Buddhismus, sammelte Geld und gründete mit Chögyam Trungpa in Schottland ein beachtliches Kloster mit allem Drum und Dran. Außerdem soll er mit "Rokpa" für die größte Hilfsorganisation, die sich um Tibet kümmert, verantwortlich gewesen sein. Offenbar mit einem Haufen Geld unterwegs, das angeblich zur Verteilung auf solche Hilfsprojekte gedacht war, stellte ihn dann sein Mörder in China. 
   Was befremdet an dieser Geschichte? Es gibt auffallende Parallelen zu einem hiesigen Lehrer. Nach der Klostergründung kommt die Hilfsorganisation. Mit einer solchen finanzieren sich Mönche, die gern behaupten, kein Gehalt zu bekommen, gern ihre Reisen, das lässt sich in der Regel ganz einfach und legal über die Satzung regeln. Warum nun Geld nicht auch an Künstler, die für diese Mönche arbeiten, verteilt werden soll, ist mir schleierhaft. Aber der Sinn der Gründung eigener Hilfsorganisationen ist ja meist auch, dass der Gründer selbst den Daumen drauf hat und die Gelderverteilung nach seinem Gutdünken betreibt. 
   Akong, eigentlich in tibetischer Medizin ausgebildet, entwickelte dann "Tara Rokpa" aus "Philosophie, Psychologie und Meditationserfahrung des Buddhismus" (Wiki), wozu man sich als "Therapeut" ausbilden lassen und bei den Erfindern für Umsatz sorgen kann, 4 Jahre lang. Erinnert euch das an was? In den Kursen wird dann z. B. gegenseitig massiert oder freies Malen geübt - nicht gerade besonders originell. Die vielen Standbeine zur Geldeintreibung sind jedenfalls bemerkenswert, während auch der Akong weiterhin als Mönch abgebildet und verehrt wurde. Für einen wie diesen Assistenten, der meint, Mönche würden kein Gehalt beziehen, könnte sein Boss bei seinem Tod eine ganze Menge davon in den Händen gehalten haben.
    Da ein Jahr seit dem Mord an Akong vergangen ist, machte ich mich auf die Suche nach seiner Reinkarnation. Ich fand sie schließlich an diesem Ort: 18_10_0.68_N_99_13_59.71_E_. 

Es war einmal ... Ein geistig und körperlich behindertes Kind, das ständig seine Arme nach mir ausgestreckt hatte, pickte bei seiner Prüfung aus meinem Fotoalbum mit 108 unterschiedlichen Aufnahmen die des Rinpoche heraus.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Neueste Torheiten von Thich Nhat Hanh

Der Economist kritisierte vor einem Jahr als "lächerlich", dass sich 300 Mitarbeiter der Weltbank, allen voran ihr Präsident und TNH-Fan Jim Kim, zu einem Tag achtsamer Meditation mit dem Thich zusammentaten. Der Thich erzählte ihnen was von der "Kraft der Ziellosigkeit" und von "gefräßigem" Wirtschaftswachstum. Einen Zusammenhang mit der zielgerichteten, weltweiten Aktivität von Parallax Press, die die zahlreichen unter seinem Namen erschienenen Bücher vermarkten, dabei ganze Regale in Buchhandlungen "fressen" und gleichzeitig Spendengelder für TNHs "Unified Buddhist Church, Inc." sammeln, stellte er offensichtlich nicht her. Das alles geschieht angeblich ja auch "non-profit", in einem kruden Mix aus bezahlten Arbeitsplätzen, Umsätzen und dem Bedürfnis nach "Freiwilligen", auf die man angewiesen wäre.
   Warum ich mich damit überhaupt beschäftige? Es ist immer wieder witzig, den Flachheiten bekannter buddhistischer Lehrer zu lauschen. Plumvillageonline stellte Videos von einem Retreat vom August 2014 auf Youtube ins Netz, mit dem Hinweis, dies sei nicht ohne Spenden möglich, und einem Link zu einer Spendenseite (dort wird neben den Währungen Euro, Dollar und Pfund interessanterweise auch der Singapur-Dollar angeboten - Singapur ist beliebte Zwischenstation für Geld, das in südostasiatische Länder geschleust wird). Keine Bange, es wird noch peinlicher. Da ich dieses Gerede, das dann auch noch zweisprachig das Tempo verschleppt, nur bedingt aushalte, nehme ich mal die Metapher vom Samenkorn aus diesem Video. Um seinen Zuhörern zu erläutern, dass das Leben nicht endlich sei, hält TNH ein Topfpflänzchen hoch und fragt, ob denn das Samenkorn, aus dem dieses erwuchs, etwa nicht mehr da sei.    
   Nun denken wir mal einen Augenblick nach. Hat das Samenkorn wirklich so viel mit uns zu tun? Denkt das Samenkorn vielleicht: "Oh Scheisse, wenn mich jetzt jemand in Salzsäure auflösen würde und ich mit der Salzsäure eins würde und auf diese Weise weiterexistieren müsste?" Wie auch immer, die Pflanze wird irgendwann verrecken, und so ist es auch mit uns. Die Produkte unserer Samenverteilung werden ebenfalls verrecken. Es würde uns auch nicht helfen, wenn man uns stattdessen in einem Topf einpflanzt. Das, was verreckt, sind natürlich nicht wir. Hier hätten wir dann eine buddhistische Lehre. Das, was da leidhaft verreckt, wäre die Illusion von uns. Aber dann wäre da - sobald wir das durchschauen - ja auch keine Notwendigkeit mehr, irgendeine andere Illusion nicht verrecken zu lassen (die Pflanze, ein anderer Zustand). Mit seinen Trostmetaphern wendet sich Thich Nhat Hanh also an den - buddhistisch gesprochen - verwirrten Geist, der nicht loslassen will, statt ihn in seiner Täuschung zu packen (die bei TNH darin besteht, die Zustände Samenkorn, Pflanze und Mensch zu verwechseln).

Ich habe mir lieber die Frage-Antworten-Sektion angeschaut. Da zeigt sich gleich bei der ersten Frage eines schüchternen Mädchens, wie unausgegoren noch immer Thichs Ansichten sind. Auf die Frage, warum Mönche und Nonnen keine Familie haben dürften, antwortet er zunächst, die Sangha sei eine solche, Brüder und Schwestern usf. Dann begründet er den Zölibat jedoch damit, man müsse sich in einer Ehe um die Familie kümmern und arbeiten. Um in der Analogie zu bleiben - was anderes bitteschön hat denn der Mönch mit seiner Dharma-Familie zu tun? "Und dann haben sie nicht mehr genug Zeit zu praktizieren." Hier ist er wieder, TNHs Dualismus, als gäbe es einen Widerspruch zwischen Alltags- und Familienleben und davon zu trennender Übung. 

Auf die zweite Frage, ob er unglücklich sei, nicht in Vietnam zu sein, antwortet TNH: Körperlich sei er nicht da, spirituell jedoch sehr. Dies ist womöglich eine Freudsche Metapher für seine ideologische Herkunft aus dem dortigen historischen Kommunismus, und es sagt auch etwas über die Art aus, wie er neben den oft zitierten Wohlfühlworten "Friede", "Glück" und "Freude" seinen eigenen Mystizismus pflegt. In Vietnam könnten die Menschen immer noch seine Bücher lesen, sagt TNH, aber wir wissen ja, dass da nichts drin steht, was den Kommunismus überwindet. 

Dem dritten Fragesteller will TNH weiß machen, dass Nonnen nach der Tonsur schöner aussehen. Nun verstehen wir wenigstens, warum er darauf besteht. TNH sieht das Abrasieren der Gesichts- und Kopfhaare als Botschaft an die anderen, man könne nicht mehr Ehemann oder Ehefrau werden. Mit keinem Wort erwähnt er, dass dies gar nicht für alle buddhistischen Traditionen gilt. Dagegen sollte man sich an seinen Rat halten: "Wir sind Mönche und Nonnen. Lauft uns nicht nach!"

(Vor den Fragen ertönt stets ein Gong. Haha! Das ist Showtalent!)

4. Fragesteller: Warum sollten wir Veganer und nicht Vegetarier sein. Antwort: "ICH will keine Eier, keinen Käse essen und keine Milch trinken, weil das Aufziehen der Tiere viel Leid hervorbringt." Stimmt nicht, habe kürzlich der Schafsmilchproduktion beigewohnt. Stimmt nicht, man kann sich auch direkt unter einen Euter legen. Stimmt nicht, man kann Vögeln auch Eier aus dem Nest klauen. Es ist halt alles eine Frage, wie man es anstellt. Man kann das alles genießen, ohne Teil der kommerziellen Verwertungskette zu sein, falls einen das stört. Es gibt daher keinen Grund, ein Dogma daraus zu machen. Dann springt TNH noch vom Fleisch zum Alkohol, ohne dass sich darin eine Logik erschließt. Es ginge jedenfalls darum, dass mangelndes Mitgefühl auch mangelndes Glücklichsein zur Folge habe. Interessant, das Mitgefühl wird hier also für die Glücksindustrie instrumentalisiert, im Sinne einer Ursache-Wirkungskette. Auch das ist kein Zen, weil das Individuum in diesem Fall nicht grund-los nach seiner tiefen Moral strebt, sondern im Sinne eines konventionellen Belohnungssystems.

(Ich unterbreche einen Augenblick. Muss meinem Atem folgen, ganz im Sinne TNHs. Ah, da ist sie ja, die Magensäure! Und nun wieder zurück, an der Rotze vorbei, raus!)

Es kommen noch die üblichen Klischees ("... dann wirst du alle Angst verlieren", "die vier edlen Wahrheiten, der achtfache Pfad", "ich lese keine Nachrichten mehr" usf.), schließlich wurde mir meine Zeit dafür zu schade. Bei einigen Fragen dachte ich mir noch selbst aus, was TNH wohl antworten würde, und dann kam es auch manchmal so. In geringfügiger Abwandlung seiner Ratschläge möchte ich Euch mit auf den Weg geben: "Es kann sehr hilfreich sein, die Tür zu schließen und nicht länger Thich Nhat Hanh zuzuhören. Auch ein Dharma-Vortrag kann Gift sein."

[P.S.: Die Preise dieses Retreats konnte ich gerade nicht finden, aber noch 2010 kostete eine knappe Woche in Waldbröl im Einzelzimmer incl. Vollpension ca. 500 Euro. Hochgerechnet auf einen Monat wären das 2.500 Euro, also mehr, als ein Bundesbürger im Schnitt von seinem Monatsgehalt übrig behält.  Hier ein kritischer Erfahrungsbericht aus Plum Village.]

 (Foto: Keller, Klo in Ayutthaya)