Mittwoch, 31. August 2016

Kôdô Sawaki: Zen ist für nix gut

Der Mönch fragte Gako Oshô: „Warum macht Ihr Zazen?“, und Gako erwiderte: „Du weißt bloß, dass es kein Zen in der Welt der Begierde gibt. Du weißt nicht, dass es im Zen keine Welt der Begierde gibt.“

Kôdô Sawakis Kommentare zum Shôdôka von Yôka Daishi sind nun unter dem Titel ZEN IST FÜR NIX GUT erhältlich. Das Buch hat 368 Seiten, kostet 19,90 € und dürfte inhaltlich wieder den ein oder anderen überraschen. Hier ein paar weitere Auszüge:

Ich begriff, dass das, was ich von der Astronomie verstanden hatte, wie man es Kindern erklärt, eine Täuschung war, eine willkürliche Vereinfachung, ein Konstrukt aus Konzepten und in der Summe Ketzerei. Sie hatten versucht, dem Grenzenlosen Grenzen zu geben. Es ist Ketzerei, nicht zu akzeptieren, dass das Grenzenlose unvergleichbar ist, ob es nun unendlich groß oder unendlich klein ist.

In unserer Tradition hat man von Anfang an gesagt: „Es gibt kein ewiges Verletzen der Gebote“, was bedeutet, dass es keine Gebote gibt, die wir je verletzen könnten. Wenn man sagte, wir sollten kein Leben töten, wurde das als rigide betrachtet, denn selbst ein Insekt zu töten wäre dann ein Verbrechen. Als die Zeit kam, saure Milch unter dem Mikroskop zu betrachten, entdeckte man mit Schrecken, dass die Flüssigkeit vor Bazillen wimmelte, und rief aus: „O, ich habe Lebewesen getrunken! Sie sind in meinem Magen gelandet. Ich habe eine Sünde begangen und werde die Strafe empfangen. Namu Amida Butsu …“ Man weigerte sich fortan, Milchprodukte zu sich zu nehmen, selbst wenn es einem guttat. Vom Standpunkt des Lebens ist unser gesamtes Universum ein lebender Organismus. Alles ist Leben. Selbst die Sonne und der Mond leben. Du und ich sterben in jedem Augenblick. Wer den Tod versteht, erwacht zum Ungeborenen.
   Wer zum Ungeborenen erwacht, hat nicht das Gefühl, geboren worden, und folglich auch nicht das Gefühl, am Leben zu sein. Wenn das Leben weder einen Anfangs- noch einen Endpunkt hat, wird es unmöglich, selbst wenn jemand es wollte, dem großen Leben des Universums Schaden zuzufügen.
   Die Gebote müssen aus unserer Tiefe hervorbrechen, denn dort lebt das Geheimnis Buddhas.
   … Wenn der Geist während des Zazen völlig in sich gesammelt ist, entdeckt er das Geheimnis … Buddhas, und dass darin das Verletzen oder Nicht-Verletzen der Gebote keine Bedeutung hat. 

Mittwoch, 24. August 2016

Wie ich eine Frau anrief, um mit ihr Sex zu haben,
und man mir sagte, sie sei tot

Thailand ist nach Studien nicht nur das asiatische Land, in dem am frühesten mit dem Sex begonnen wird, sondern auch das ehebrecherischste weltweit. Weit mehr als die Hälfte der Verheirateten gaben an, schon mindestens ein Mal fremd gegangen zu sein. Was letztere These angeht, so bekommt man eine Ahnung davon, wenn man weiß, wie viele der käuflich verfügbaren Frauen einen festen (meist einheimischen) Partner haben. Was die erste These angeht, so hat sie kürzlich eine Frau unterstrichen, die zur Abwechslung von ihrem Bar-Alltag nachts mal am Strand stand, mit mir aufs Zimmer ging und beim üblichen Smalltalk sagte, sie sei 22 und habe zwei Kinder im Alter von 9 und 3 Jahren. Sie hatte also spätestens mit 13 ihren ersten Sex und brachte in diesem Alter ihr erstes Kind zur Welt! Als ich das so laut vor mich hinformulierte, lachte sie und sagte, sie wolle das nicht vertiefen. Ich bereitete mich darauf vor, dass sie vielleicht keinen Spaß beim Sex haben würde, aber das Gegenteil war der Fall. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass ich eine solche Geschichte höre und erlebe, aber immer wieder besser, als davon nur auf Papier (oder meinem E-Reader) zu lesen.

Vor einigen Wochen rief ich Wan an, sie tauchte in diesem Blog auf einem handgeschriebenen Zettel schon einmal auf, wo ich meine Hauptgespielinnen aus ein, zwei Jahren aufgelistet hatte. Wenn ich zurückdenke an die Zeit seit 2008, als ich sie kennenlernte, ist sie wohl diejenige Frau, mit der ich am zweithäufigsten Sex in meinem Leben hätte, und das hätte sie noch getoppt, wenn ich sie nicht ein paar Jahre aus den Augen verloren hätte. Ich liebte insbesondere ihr langes schwarzes Haar, ihr süßes Gesicht, ihre Stimme, ihren zarten Körper. Ein paar Mal hatte ich versucht, sie auf kleinere Reisen mitzunehmen, an denen sie erst Interesse bekundete, dann aber stets absagte. So blieb es bei sexuellen Begegnungen und der obligatorischen Pizza zu ihrem Geburtstag. Einmal hatte sie ihren langjährigen Partner verlassen und war in einer anderen Wohnung untergekommen. Immer wieder mal sagte sie mir, dass sie sich trennen wolle. 
   Mitte Juni rief ich sie an, um einen Termin auszumachen. Ihr Freund war dran, und ich meinte zu verstehen: "Wan bai leo" (Wan ist schon fort.) Das konnte einiges bedeuten, da es aber schmerzvoll klang, vermutete ich, dass sie nicht zum Einkaufen fort war, sondern ihn - zumindest vorübergehend - verlassen hatte. Erst eine Woche später, als er wieder am Telefon war, verstand ich, was er mir wohl schon davor hatte sagen wollen: "Wan dai leo." Wan ist gestorben. 
   Ich war vor den Kopf gestoßen. Er sagte, er sei im Tempel, ob ich kommen wolle, sie sei dort im Sarg aufgebahrt und würde am folgenden Tag verbrannt. Ich bin sofort hin, mit meinem letzten schwarzen T-Shirt am Leib. Vor dem aufgebahrtem, verschlossenem Sarg stand ein Schwarzweißfoto, das sie so zeigte, wie ich sie gesehen hatte, mit einem Engelsgesicht. Sie starb nach einem einwöchigem Krankenhausaufenthalt infolge eines Darmverschlusses. Da ich offen mit ihrem Freund umging, der - wie sich herausstellte - seit seiner Kindheit mit ihr zusammen war, wurden wir in kurzer Zeit selbst schon fast Freunde, was seiner toleranten und entgegenkommenden Art zu verdanken ist. Natürlich gingen auf Wans Handy noch andere Anrufe ein, er wusste aber nur von mir und wenigen anderen Stammkunden, einen bat ich dann auf Englisch, auch zu kommen. Er fuhr in seinem Auto und in besseren Klamotten auf den Tempelhof, aber am nächsten Tag ließ er sich nicht mehr blicken, als die Einäscherung stattfand. Die ganze Zeit über hatte er so getan, Wan aus einem Restaurant gekannt zu haben. Als er weg war, sagte mir ihr Freund, er wisse doch genau, dass seine Beziehung zu ihr so wie meine abgelaufen war.
   Da stand ich, nun in meinem einzigen guten weißen Hemd (in Asien geht auch Weiß als Trauerfarbe durch), das ich für alle offiziellen Anlässe im Schrank hatte, sah, wie kurz bevor das Feuer per Knopfdruck in Gang gesetzt wurde, kleine Päckchen, in denen sich Klimpergeld befand, herabgeworfen und von herbeigeeilten Kindern aufgesammelt wurden, und all die anderen Dinge, die zum Ritual gehörten und weniger überraschend waren. 
   Vor der Einäscherung war der Sarg geöffnet worden. Sie lag dort mit offenem Mund, es sah nicht schön aus, die Haare wirkten kürzer geschnitten, alles etwas lieblos gemacht. Zu allem Überfluss musste aus irgendeinem Grund die Vorderseite des Sarges, die zuerst in den Ofen ging und an der ihr Kopf lag, abgerissen werden, und weil das nicht gelang, schlug jemand kurzerhand ein paar Mal mit der Axt zu. Meine Güte, was für Sitten! Im Ofen scheint sogar eine Kamera zu sein, mit der man das Ganze noch verfolgen kann. Nun gut, ich hatte sowas noch nie gesehen. 
   Statt einer Geldspende beschloss ich, eine Wandnische, die für die Asche der Toten in der Tempelmauer zur Verfügung steht, zu "kaufen", und mit der dazugehörigen Namenstafel (inklusive Foto) versiegeln zu lassen. Wans Freund, der ihre Asche ansonsten im Meer verstreut hätte, war von der Idee angetan, aber ihn hätte das ein Monatsgehalt gekostet (6000 Baht für die Nische, angeblich unbegrenzt, 2000 für die Platte, also zusammen rund 200 Euro). Die Platte war nach einer Woche nicht fertig, wie vom Abt Tamu versprochen, also wurde ich dort erneut vorstellig, begab mich artig in den Weibersitz mit untergeschlagenen Beinen, machte meinen Wai (die typische Verbeugung mit zusammengelegten Handflächen) und sprach ihn ohne Umschweife und die üblichen Floskeln mit "Tamu" an, woraufhin er mir sagte, er habe es vergessen. In der Woche drauf, als die Tafel fertig war, hatte Wans Schwester die Asche an sich genommen, und der Einbau der Gedenktafel in die Nische verzögerte sich erneut. Denn ohne (hinter der Gedenktafel unsichtbare) Asche kommt eine solche Andachtsnische den Thais sinnlos vor.
   Wans Gedenkstein macht für mich jedoch in jedem Fall Sinn. Sie hatte vor etwa 13-16 Jahren zwei Töchter zur Welt gebracht, die offenbar bei ihrem leiblichen Vater leben. Keiner von den dreien kam zur Einäscherung. Ich könnte mir vorstellen, dass sie das irgendwann bereuen, und dann gibt es wenigstens einen Platz, wo sie ihrer sinnvoll gedenken können.
   Nach der Einäscherung nahm mich Wans Freund auf seinem alten Motorrad mit in seine Siedlung. Sie hatten zu dritt in einem Zimmer für 1.700 Baht (knapp 45 Euro) Kaltmiete gelebt, gegenüber waren die Wohnungen der kambodschanischen Wanderarbeiter, nochmal 10 Euro günstiger. Er selbst arbeitet als Bademeister in einem Hotel. Ein Transsexueller, den ich am Tag zuvor noch für eine scharfe junge Frau gehalten hatte, zog den obligatorischen weißen Faden quer vor die Häusserreihen, auch ein paar Kambodschaner reihten sich ein, um sich ihren Faden ums Handgelenk machen zu lassen (für meinen musste die Mutter von Wans Freund ran, weil nur sie älter war als ich). Man brachte Barbecue-Spieße vom Straßenstand bei, die nur die Hälfte von dem kosteten, was sie auf der anderen Seite Pattayas, wo sich die Touristen tummeln, dafür verlangen. Mir war nicht klar, wie arm Wan gewesen war. Sie hat sich nie beklagt, offenbar auch in ihrer letzten Lebenswoche im Krankenhaus nicht, wo man es noch mit einem künstlichen Darmausgang versucht hatte.
   Wie es der Zufall so will, hatte ich eine Weile später eine Namensvetterin von Wan zu Besuch, die ich noch nicht lange kenne. Und als ich ihr die Geschichte brühwarm erzähle, sagt sie mir, dass sie im selben Tempel ein paar Tage vor Wans Totenfeier ihren Bruder eingeäschert hatte (ohne diese brutale Axtprozedur). Er war ebenfalls noch recht jung gestorben (Wan war erst 33), aber sehr langsam und elend an Krebs, der aus seinem Hals wucherte. Sie hatte ihn am Ende mit ihrer Schwester zu Hause gepflegt, sie fanden ihn in einer Blutlache. Ich fragte sie nach seiner Nische. Er hatte keine. Das machte mich etwas wütend. Denn diese Wan hatte mir erzählt, dass sie regelmäßig 70.000 Baht monatlich (mehr als ich zum Leben brauche) von zwei Verehrern aus dem Ausland  überwiesen bekäme. Für sie wäre also eine solche Andachtsnische auf gerade mal knapp ein Zehntel ihres momentanen (arbeitsfreien) Monatsgehaltes bekommen. Einen Grund konnte sie mir nicht nennen, aber ich meinte zu ihr, wäre das ein paar Tage später passiert, hätte ich seine Asche mit in die andere Nische getan und den Gedenkstein erweitert. Das ist natürlich Quatsch, die beiden Toten hatten ja gar nichts miteinander zu tun. Ich kann aber gar nicht sagen, wie mich all dieses widersprüchliche Getue anwidert, wo einerseits vor Geisterhäuschen geopfert wird (gerade hatte mir eine andere Frau Bilder von ihrer Geisteraustreibung in ihrem Heimatdorf geschickt, sie trug dabei ein weißes Stirnband und weiße Kleidung, "because I live with a ghost ..."), andererseits aber keine 10 % eines Monatseinkommens zum Gedenken an den eigenen Bruder ausgegeben werden können. Wenn man zynisch ist, könnte man sagen: Kein Wunder, dass die Geister (der Toten) dann mal jemanden heimsuchen wollen ...   



[Ich habe mir lange überlegt, ein Foto des Gedenksteins hier einzustellen. Schließlich kam es mir zu indiskret vor. Ich könnte auch etliche Facebook-Seiten von jungen Frauen verlinken, die sich hier zumindest durch Prostitution etwas dazuverdienen, wenn nicht ausschließlich davon leben. Doch auf diesen Seiten sind in der Mehrheit der Fälle keine Kunden präsent, sondern ihre thailändischen Lebenspartner oder Freunde und Freundinnen. Ihre Facebook-Seiten wollen einen gewissen Eindruck von "Normalität" vermitteln und können keine Bekenntnisse leisten, wie es zuweilen dieser Blog tut. Es gibt Ausnahmen. So fand ich vor einigen Monaten den überraschenden Hinweis eines Franzosen bei einer 19-Jährigen, die mir am Strand noch weiß machen wollte, sie sei nicht käuflich (bis sie kürzlich in meinem Hotel mit einem Ausländer für eine Nacht einlief). Dieser Hinweis lautete: "Meine angebliche Facebook-Freundin xx hat sich neulich in der Disco yy mein Smartphone geliehen und nicht mehr zurückgegeben. Ich lasse ihr 48 Stunden Zeit, dies zu tun, ehe ich zur Polizei gehe." Das war ein Hauch ungeschönter Realität, der dort mehrere Tage lang - wohlgemerkt auf ihrer eigenen Seite - zu lesen war. Nirgendwo wird deutlicher als hier, welches Wunschbild die Menschen gern von sich auf Facebook zeichnen, und wie leicht dieses zerstört werden kann. Ich würde dennoch zu gerne auf die ein oder andere Frau verlinken, wegen ihres Humors und der grotesken und witzigen Filmchen, die sie versammelt ...] 

Mittwoch, 17. August 2016

Die Jonangpa und der Bogd Khan
(Benkeis Gastbeitrag zum mongolischen Buddhismus)

Weil es aus meiner Sicht recht interessant ist und zeigt, dass der tibetische Buddhismus keineswegs immer so friedlich und tolerant war, wie er sich heute darstellt, heute ein kurzer Überblick zur Jonang-Schule des tibetischen Buddhismus und zum damit verbundenen Bogd Khan, dem höchsten Lama der Mongolei, dessen letzte Inkarnation  (seltsamerweise) ein Gelugpa-Lama war.

[Anmerkung: Ich sehe sie als eigenständige Schule an und nicht, wie der Wikipedia-Autor, als Sakyapa-Linie, da sie de facto auch eigenständig ist, mit eigener Philosophie, eigenen, speziellen Schutzgottheiten und Riten, und da sie auch nicht dem Sakya Trizing untersteht, dem Oberhaupt der Sakyapa-Tradition].

Die Jonangpa-Tradition geht auf den indischen Meister Somanatha zurück, der aus Kaschmir stammt und dem Tibeter Yumo Mikyö Dorje im 12. Jh. den Dharma übertrug. Benannt ist die Schule nach dem Kloster Jonang in Südtibet, welches von dem Lama Künpang Thugje Tsöndrü (*1243 +1313), einem Dharma-Ahnen von Yumo Mikyö Dorje, im Jahre 1293 gegründet wurde. Damit ist die Jonangpa-Schule nach der Gelugpa-Schule die zweitjüngste Tradition des tibetischen Buddhismus.

Richtig bekannt, angesehen und einflussreich wurde dieser Rotmützenbuddhismus aber erst durch den Jonangpa-Meister Taranatha (*1575 +1634). Dieser wurde als Reinkarnation eines berühmten Jonangpa-Abtes und -Meisters angesehen und erhielt Belehrungen und Dharma-Übertragungen nicht nur aus der Jonangpa-Linie, sondern auch von der Sakyapa-Linie und von dem indischen Meister Buddhanatha - einem der wenigen zu der Zeit noch lebenden indischstämmigen Verwirklichter. [Der Buddhismus war zu der Zeit auf dem Subkontinent schon fast vollständig verschwunden!]. Taranatha schrieb Zeit seines Lebens wichtige Belehrungen, unter anderem auch zur von der Jonangpa vertretenen „Nur-Geist-Philosophie“ und zum Kalachakra-Tantra („Rad des Lebens“ - das sind die Sandmandala-Rituale, für die heute speziell die Gelugpas und der Dalai Lama berühmt sind!), dessen Hauptlinienhalter er war. Um 1620 soll Taranatha in die Mongolei gegangen sein, wo er der Legende nach noch über ein Jahrzehnt bis zu seinem Tod wirkte.

Noch bevor die Mönche des Klosters Jonang damit beginnen konnten, seine Reinkarnation ausfindig zu machen, proklamierte der zu dieser Zeit inthronierte 5. Dalai Lama, das politische Oberhaupt der Gelugpa, man habe ihn bereits gefunden, nämlich in Gestalt des Mongolen Zanabazar (auch „Dsanabadsar“; *1635 +1723, in Beijing), dem Sohn eines damals mächtigen mongolischen Khan. Der Junge wurde von führenden mongolischen Lamas geprüft und als Inkarnation des Bodhisattva Manjushri und lebender Buddha bestätigt. In der Mongolei erhielt er  offenbar zunächst eine Ausbildung sowohl von Jonangpa- als auch von Gelugpa-Lamas. Da sein Vater, der Khan, auch in Tibet militärischen Einfluss hatte, und von der Anerkennung seines Sohnes natürlich mehr als begeistert war [lebender Buddha in der Familie!], mussten die tibetischen Jonangpa-Lamas und Klöster die Reinkarnations-Findung schlucken und ihrerseits anerkennen, um bei dem Khan nicht in Ungnade zu fallen. 1649 wurde Zanabazar nach Tibet geschickt, wo er nur noch von Gelugpa-Lamas, insbesondere dem 5. Dalai Lama und dem 4. Panchen Lama, unterrichtet wurde - er wurde also zu einem Lama der Gelugpa-Schule gemacht! Vom Dalai Lama erhielt er den Titel Jebtsundamba Khutukhtu - dritthöchster Lama der Gelugpa-Tradition und oberster geistiger Führer aller buddhistischen Mongolen. Nachdem Zanabazar als Gelugpa-Lama in die Mongolei zurückgekehrt war, etablierte er unter Protektion seines Vater, aber auch, weil er ein begnadeter Lehrer, Autor und Bildhauer war - tatsächlich ein Universalgenie - die ihm gelehrte Gelugpa-Tradition quasi als mongolische Staatsreligion. [Das von Zanabazar entwickelte Sojombo-Symbol, welches auch Grundlage der mongolischen Schrift ist, hat Eingang in die Nationalflagge der Mongolei gefunden.]

Während Zanabazars Patriarchat über die Mongolei geriet diese unter die Herrschaft der chinesischen Mandschu-Dynastie, welche besonders den Gelugpa-Buddhismus unterstützte. Nachdem sein Bruder, der dem Vater auf den Khan-Thron folgte, abgesetzt worden war, wurden Zanabazar und nach seinem Tod die folgenden Jebtsundamba Khutukhtu, zusammen mit den anderen Offiziellen des Mandschu-Regimes, die mächtigsten und einflussreichsten Personen des öffentlichen Lebens. Da bereits für Zanabazar das in der Gelugpa-Tradition ansonsten gültige Zölibat keine Anwendung fand (er war verheiratet, doch seine Frau starb schon im Alter von 18 Jahren), mussten auch die künftigen Jebtsundamba Khutukhtu nicht zölibatär leben. Der 8. Jebtsundamba Khutukhtu bekam nach dem Ende der Mandschu-Dynastie und dem Ende der Chinesischen Kaiserzeit den Titel Bogd Khan und wurde damit auch weltlicher Herrscher der Mongolei.

In Tibet nutzte nun der 5. Dalai Lama seinen klugen Schachzug - die „Übernahme der Taranatha-Inkarnation“ – für seine Zwecke. Er beschuldigte die Jonang-Schule, die nun ohne gewichtigen Lama dastand, der Häresie, wobei er als Begründung anführte, dass diese wegen ihrer „Nur-Geist-Philosophie“ dem ketzerischen Han-Chinesischen Chan (=Zen) nahe stände, und nicht der „indischen“ Lehre des Mittleren Weges des Großen Meisters Nagarjuna. Mit Unterstützung der mongolischen Truppen des Khans - Zanabazars Vater und später seines Bruders - gelang es ihm, fast alle Klöster der Jonang-Schule auf tibetischen Boden entweder zu zerstören oder in Gelugpa-Klöster umzuwandeln. Im Internet ist nicht genau zu lesen, was danach mit den Mönchen und Lamas der Jonang-Schule geschah, aber ich denke, es ist davon auszugehen, dass diese zwangskonvertiert, vertrieben oder gar getötet wurden.

Durch die vollkommene Zerschlagung ihrer vorher ärgsten Rivalin, der Jonangpa, wurde die Gelugpa die führende Kraft im tibetischen Buddhismus, und konnte sich nun ebenso gezielt gegen die Kagyüpa-Schule wenden, welcher sie in den folgenden Jahrhunderten ebenfalls ihren politischen Einfluss gänzlich abspenstig machte, auch wenn der geistige Einfluss dieser Schule bis heute erhalten blieb. Hierbei wurde die Gelugpa-Schule von den chinesischen Mandschu-Kaisern unterstützt, die Dalai Lamas verdanken folglich ihren Aufstieg zur weltlichen Macht einerseits den mongolischen Khans und andererseits dem chinesischen Kaiserhaus.

Die Jonang-Schule bestand allerdings fort. In den chinesischen Grenzgebieten zu Tibet, in denen bereits seit alters je nach Bezirk mehr tibetisch-stämmige Chinesen lebten als Han-Chinesen, hatte sie sich festsetzen und überleben können. Die dortigen tibetischen Chinesen standen nie unter dem Einfluss Tibets und seiner Hauptstadt Lhasa, und so konnte der Dalai Lama auf die über 30 Klöster dort keinen Einfluss geltend machen. Da das Gebiet vom Kaiserhof in Beijing sehr weit entfernt lag, geriet es auch nie in den Fokus der Mandschu-Dynastie.

Heute gibt es also allein in den urchinesischen Provinzen Sichuan und Qinghai noch um die 30 Klöster der tibetischen Jonang-Schule, aber auch welche im äußersten Osten Tibets. Insgesamt wird die Zahl der Jonang-Mönche und –Lamas, die heute ihren religiösen Dienst verrichten, auf vier- bis fünftausend geschätzt, und vor allem diejenigen Klöster, welche sich außerhalb Tibets befinden, haben offenbar nicht so sehr unter den Repressalien und der Kulturrevolution gelitten wie diejenigen in Tibet.

Nach einer Internet-Studie ist der Dalai Lama nun bemüht, auch die Jonang-Tradition unter den Exil-Tibetern zu etablieren; bisher in Gelugpa-Klöstern unter Verschluss gehaltene Texte der Jonangpa sollen wieder zugänglich gemacht werden. Angeblich wird sogar überlegt, den noch aufzufindenden 10. Jebtsundamba Khutukhtu (also den 10. Bogd Khan) nunmehr wieder zum Lama der Jonangpa-Tradition zu machen ...

Ob dies geschehen soll, um historisches Unrecht gut zu machen, oder aber - da die Suche nach der Inkarnation von mongolischen und tibetischen Getreuen des Dalai Lama unternommen wird - um auf diesem Weg auch religiösen Einfluss auf die Jonangpa-Klöster im chinesischen Kernland zu bekommen, ist mir nicht ganz klar.

Es ist ziemlich sicher, dass gerade die Institution des Dalai Lama bislang insbesondere in den Gebieten der Jonangpa-Klöster in Sichuan und Qinghai wenig Liebe findet und dort keinerlei Einfluss hat. Jetzt einen dem Dalai Lama wohlgesonnenen Jungen zu finden, ihn von Gelugpas und ein paar linientreuen Jonang-Lamas ausbilden zu lassen und als 10. Bogd Khan, Taranatha-Inkarnation und Jonang-Lama zu inthronisieren, damit er - als Freund der Dalai Lamas und der Gelugpas - später historische Ansprüche und Einflussnahmen auf die unabhängigen chinesischen Jonangpa-Klöster geltend machen kann, wäre ein neuer „Schachzug“ und sogar ein doppelter: offiziell historisches Unrecht rückgängig gemacht, inoffiziell de facto auch die letzten Jonangpa-Klöster „vereinnahmt“.

Vielleicht wäre es klüger, die Auffindung des 10. Bogd Khan ganz den Mongolen zu überlassen und sich da nicht einzumischen. Wenn die neue Taranatha-Inkarnation alt genug ist, kann sie ja selbst entscheiden, ob sie Gelugpa-Lama oder Jonang-Lama wird. Warum muss der Dalai Lama da überhaupt Einfluss nehmen? Es reicht doch, wenn er ihn - den „unabhängig-gefundenen Knaben“ - einfach als 10. Bogd Khan anerkennt.

Ich bin gespannt, wie sich dieser tibetische Lama-Krimi entwickeln wird. Bis zur Auffindung des 10. Bogd Khan wird es nicht mehr allzu lange dauern, denn der 9. ist bereits 2012, also vor etwa fünf Jahren, verstorben, und das ist eigentlich auch so die Zeit, in welcher die Knaben als Tulkus [Bodhisatta-Inkarnationen] „wiedererkannt“ werden. Vielleicht wird man schon an der „Wahl“ des Knaben (Familienherkunft, Einfluss nehmende Parteien) und am Anerkennungs- und Inthronisierungsverfahren sehen, wohin „dieser Hase laufen soll“.

[Nachtrag:] Eine weitere Recherche hat gerade ergeben, dass der Dalai Lama dem Jonang-Orden bereits ein Kloster übereignet hat. Dieses führt nun als höchsten geistigen Lehrer neben dem dort aktuellen Jonangpa-Rinpoche/-Abt des Klosters auch schon den verstorbenen 9. Bogd Khan [der ja noch gänzlich Gelugpa-Lama war!].

Demgegenüber werden auf chinesischen Seiten zwei Äbte/Rinpoches aus zwei Klöstern in Qinghai als derzeit höchste Würdenträger der  ununterbrochenen Jonang-Linie in Osttibet und Südwestchina geführt. Sie sind wohl auch von der chinesischen Religionsbehörde anerkannt.

Die ersten Jonang-Lamas flüchteten wohl erst in den 1990ern aus Osttibet ins indische und nepalesische Exil, so dass sich bis dahin niemand von der tibetischen Exilregierung über die „Jonang-Frage“ Gedanken machte; in Sichuan und Qinghai ging wohl alles seinen, seit Jahrhunderten eingespielten Gang.

Für mich beginnt die Sache nun bereits nach Einflussnahme zu riechen ... aber noch ist ja das letzte Wort nicht gesprochen! 

                                        

Mittwoch, 10. August 2016

Ikkyû Zenji und der Shuonan (Benkeis Reisebericht)


[Benkei, der hier seit Jahren mitliest, mitdenkt und kommentiert, hat mir den folgenden Beitrag seines Besuchs in Ikkyus Klause Shuonan im Mai 2016 inklusive einiger Fotos zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! Ein paar diakritische Zeichen habe ich der Einheitlichkeit wegen entfernt.]


Wenn mir jemand gestern gegen 22:00 Uhr gesagt hätte, dass es noch ein krasser Abend würde, ich hätte ihm nicht geglaubt! Osaka ist wirklich der krasseste Gegensatz zu Yoshino, den man sich vorstellen kann! Natürlich geht es mir heute extrem mies, und es waren nur zwei oder drei Stunden Schlaf!
   Ich wache nämlich gegen 6:00 Uhr auf, vollziehe wie im Traum die Morgenandacht (aber ohne Zazen!) und gehe zum Sanitär. Auf dem Rückweg rege ich mich tierisch darüber auf, dass ich den Tempel-Ryokan nun heute schon verlassen muss und hier nicht noch die fehlenden Übernachtungen bis zur Ankunft von Eltern & Co. bleiben kann ... doch halt, was ist das eigentlich für ein Schwachsinn? Du bist im Kapselhotel, hast noch eine ganze Nacht hier vor dir, und bis Eltern kommen sind es auch noch ein paar Tage, dämmert es mir erst, als ich meine Sachen komplett zusammengepackt habe. Das waren gestern doch ein paar „über den Durst“!
   Gegen 7:30 Uhr gehe ich zum Bahnhof und nehme einen Zug nach Kyotanabe, etwa eine Stunde von Osaka entfernt, Richtung Nara.
   Vom dortigen Bahnhof aus, an dem schon eine Statue von Ikkyu Sojun steht, wie er als kleiner Klosternovize fegt, gehe ich zum Shuonan.
   Ikkyu Zenji (*01.02.1394 bis +12.12.1481) ist eines meiner großen Idole, denn wie kaum ein zweiter hat er den Zen-Weg ins alltägliche profane Leben integriert und er war seinerzeit ein scharfer Kritiker der klösterlichen Statusjagd, in der es darum ging, ein Erleuchtungszertifikat zu ergattern, um seinerseits diese Zertifikate anderen ausstellen zu können (gegen einen hohen Obulus, versteht sich!). Die Klause Shuonan wurde ursprünglich von dem Rinzai-Meister Daio Kukushi (Nampo Jamyo) gegründet, sie verfiel aber während einer bürgerkriegsähnlichen Epoche. Ikkyu baute sie wieder auf und residierte hier auch noch, als ihm schon die Leitung des Daitokuji in Kyoto übertragen worden war. Sein eigenes Erleuchtungszertifikat hatte Ikkyu übrigens einfach dem Feuer überantwortet, und er ernannte selbst folglich auch keinen Nachfolger.
   Im Shuonan habe ich ein paar sehr rührselige Momente, während ich dort, auf der Terrasse am Steingarten, noch einmal, und zwar diesmal andächtig, meine Morgenandacht vollziehe und auch etwas Zazen übe. In dem vierteiligen Manga „Ikkyu“ ist die Schlüsselszene, wo Ikkyu und Rennyo mit einem Spinnendämon streiten, welcher den leidvollen Daseinskreislauf, „Samsara“, verkörpert. Während Rennyo die Rettung nur darin sieht, zu Amida-Buddha Zuflucht zu nehmen, hält Ikkyu dem Dämon seine Erleuchtungserfahrung entgegen. Der Dämon erkennt das zwar an, weist aber darauf hin, dass Ikkyu trotzdem weiterhin den Kreis der Geburten durchlaufen muss. Ikkyu weist diese Behauptung von sich, soweit ich mich erinnere, indem er sowohl die Erlösung als auch Samsara als Illusion enttarnt. Mir als Leser war das nicht genug, denn es hinterließ einen faden Beigeschmack bei mir ...
 
Nach einigen „Aha-Erlebnissen“, die mir teilweise keineswegs gefallen, gehe ich in die kleine Stube, wo es Tee geben soll. Die Bedienung hat mich aber nicht eintreten sehen, so dass ich etwa eine Viertelstunde einfach nur dasitze und grübele. Es kommen zwei andere Gäste, ein älteres japanisches Pärchen, und sie bestellen Tee. Ich bestelle auch Tee, aber bevor der gebracht wird, taucht ein Novize auf, bittet mich aufzustehen und führt mich aus dem Raum „Das Zimmer ist nur zum Essen und Trinken da!“ meint er begründend und weist auf den Ausgang (der Rundgang ist hier vollendet). Dass ich auch etwas bestellt habe, hatte er wohl nicht mitbekommen. Mir jetzt auch egal! Ich ziehe von dannen - soll er der Dame erklären, warum er mich trotz Bestellung rausgeworfen hat! Ikkyu hätte über so viel strikten Formalismus von Seiten des Rinzai-Novizen nur gelacht - diesbezüglich hat sich auch nach 600 Jahren scheinbar wenig geändert. Klar, sie wollen die Nachfolger des alten Meisters Ikkyu sein, von seinen ketzerischen Ausflüchten, Gelagen und Liebschaften freilich nichts wissen, aber faktisch sind sie eben nicht seine Nachfolger - er hatte keinen Nachfolger, da er ja genau auf dieses formale Nachfolge-System gar keinen Wert gelegt hat und drauf geschissen hat!
   Ich besuche noch den Friedhof, wo ein großer Stein wohl sein Grab markiert, und trete gegen 12:00 Uhr den Rückweg zum Bahnhof an. Dies war für mich definitiv einer der heiligsten Orte auf dieser Reise, bzw. wohl eher „Offene Weite - nichts von heilig!“ - und da kann auch der unverfrorene Rinzai-Novizen-Emporkömmling nix dran ändern! 

Copyright Fotos und Text: Benkei. Die Fotos zeigen Ikkyu als Novizen, als Mönch und sein Grab.

Mittwoch, 3. August 2016

Wie Bill Gates sein Geld verschwendet:
"Lucky Iron Fish"

Vor ein paar Wochen verdeutlichte ich noch einmal meine Einstellung zur Spendenwilligkeit an Organisationen. Ich habe hier im Blog auch schon behauptet, dass selbst Menschen wie ich, die nicht viel verdienen oder besitzen, einen ebenso großen Effekt im Leben von Armen erzielen können wie die reichsten Menschen dieser Welt. Damit wollte ich ermuntern, einen eigenen Beitrag zu leisten, aber möglichst im persönlichen Kontakt zu denen, die Hilfe brauchen, ohne Mittelsmänner und gern auch mit dem Wunsch verbunden, die Beschenkten mögen eine Gegenleistung bringen, die ihnen ihre Würde belässt oder zurückgibt. 
   Nun habe ich ein konkretes Beispiel gefunden, wie die Bill Gates Stiftung offenbar mit ihren Geldern umgeht. Zum "Lucky Iron Fish" habe ich ein bisschen recherchiert, nachdem ich einen in Cannes ausgezeichneten Promo-Clip für dieses Projekt gesehen hatte. Siehe da, ein Dr. Charles hat also (offenbar noch als Student) bei einem Kambodscha-Besuch die schöne Idee entwickelt, den Menschen Eisenbarren zu schenken, damit sie diese in ihren Kochtopf (bei Armen in der Regel aus Aluminium) legen und so Eisen in ihre Gerichte abgegeben wird, um ihrem diesbezüglichen Nährstoffmangel abzuhelfen. Da die Barren nicht angenommen wurden, entwickelte Charles einen Eisenfisch, der bei ihm zunächst "The Happy Fish" hieß und aus recyceltem Eisen bestand. Diese Art Fisch gilt als Glückssymbol in Kambodscha, und sie wanderte fortan tatsächlich in die Töpfe bzw. Woks. Im Gegensatz zum Ausgangsprodukt soll der heutige "Lucky Iron Fish" nur noch aus hochwertigem, bio-verfügbarem Eisen (nach ISO 22000) bestehen und nicht mehr aus recyceltem Material.
   Inzwischen hatten Studienkollegen dieses pfiffigen Kerlchens, inklusive ihres Professors, die Sache in die Hand genommen und schnell kommerzialisiert. Auch wenn man sich beim Webauftritt bemüht, wie eine Hilfsorganisation zu wirken, handelt es sich, wie ebenfalls nicht verschwiegen wird, um eine zwar auf wissenschaftlichen Studien beruhende Aktion, die aber weder die FDA-Zulassung (für Nahrungsergänzung etc.) noch gemeinnützigen Status hat. Liest man die Studien genau, so hat unser pfiffiges Kerlchen in einer ersten Studie die Langzeitwirkung des Eisenfisches bereits widerlegt, dafür aber die wahrscheinlichen Gründe Arsen- und Mangangehalt des Brunnenwassers angegeben, das die einheimische Probandengruppe getrunken hatte, was die Aufnahme von Eisen in ihrem Körper einschränkte. In einer zweiten Studie war die Maßnahme dann erfolgreich, weil man offensichtlich darauf achtete, dass kein solches Wasser getrunken wurde. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man in Kambodscha bei Armen immer damit rechnen muss, dass sie auf solches Wasser zurückgreifen, und mich auch die Aussage der Leute hinter dem Projekt, sie würden auf das Problem nun künftig bei Übergabe der Fische hinweisen, nicht überzeugt. Ich glaube einfach nicht, dass ohne hinreichende Kontrolle und Verbesserung der Wasserversorgung der Fisch seine Wirkung entfalten kann.
   Nun kamen in mir weitere Fragen auf, z. B., wieso denn nicht einfach Eisenpfannen, die dort kaum mehr kosten als den Spender ein Fisch (nämlich 5 kanadische Dollar, fortan: CAD) verteilt würden. Es wird darauf hingewiesen, dass Eisenpfannen unzuverlässige Mengen an Eisen abgäben und meist von Ölschichten bedeckt seien, die dies im Lauf der Zeit zunehmend verhinderten. Wieso das mit dem Fisch trotz Anleitung bei wenig Gebildeten anders laufen soll, da er ja im selben Sud liegt, ist mir ebenso schleierhaft.
   Was mich nun besonders stutzig machte, war die Tatsache, dass zunächst zu jedem online gekauftem Fisch für 5 CAD drei Fische gespendet wurden, seit einiger Zeit jedoch nur noch einer ("buy one, give one"). Als Grund gab man an, dass man nun - statt einfach Fische abzugeben - die Bevölkerung in sinnvollen Ernährungsmaßnahmen u. ä. schule und dies die Differenz ausmache. Da blieb mir dann nichts anderes übrig, als die Zahlen auf der englischen Wiki-Seite mal genauer unter die Lupe zu nehmen.
   
Dr. Charles Recycel-Fisch soll demnach 2011 noch 1,5 CAD in der Produktion gekostet haben, drei Jahre später wurden schon 5 CAD veranschlagt. Tatsächlich kann man die Kilopreise für Eisen unter Rohstoffen auf entsprechenden Börsenseiten nachschauen (1 Tonne Eisenerz kostet etwa 60 USD), und da der Fisch keine 300 Gramm wiegt, dürfte sein Materialpreis auch bei besonderer Bioverfügbarkeit allerhöchstens bei umgerechnet 1 CAD liegen, die Produktionskosten in Kanada kann ich mir nicht höher vorstellen, so dass an jedem Fisch schon mal 3 CAD verdient würden, Die "buy one, give one"-Option kostet aber knapp 30 CAD (ohne Porto), wenn zwei Fische also für 2 x 2 = 4 CAD hergestellt würden, entstünde bei jeder Bestellung ein Gewinn von ca. 26 CAD (ca. 18 Euro) oder über 85 % des Verkaufspreises. Als ich fragte, wie es denn mit den Kosten des in Kambodscha hergestellten Fisches aussähe und aus welchem Material denn dieser sei, antwortete man mir, dass entgegen der Aussagen auf ihrer Webseite momentan dort keiner hergestellt würde. Um ihnen das aus der Nase zu ziehen, musste ich drei emails verfassen.
   Von Wiki lernen wir nun, dass das Projekt fast eine Million CAD an Geldern eingeworben hatte und davon zunächst 60.000 Fische bei angeblichen Kosten von 5 CAD pro Fisch herstellte. Selbst dann wären noch mehrere Hunderttausend kanadische Dollar übrig geblieben. Trotzdem stiegen nun private Investoren mit einer weiteren guten Million CAD ein, darunter auch die Bill Gates Foundation.

Wie man sieht, geht es hier um ein Riesengeschäft, bei dem der Eisenmangel vieler Kambodschaner gerade recht kommt. Ich kann nur jeden investigativen Journalisten ermutigen, vor Ort zu schauen, ob tatsächlich die Wasserqualität dort regelmäßig überprüft wird, wo der Fisch verteilt wurde, und ob die Blutwerte der Beschenkten sich tatsächlich im gesunden Rahmen signifikant verbessern. Für mich stinkt das Ganze nach einem unglaubwürdigen Hype, der mit einer prämierten Werbekampagne und großen Unterstützernamen die Taschen von einigen Wissenschaftlern füllt, die eigentlich Besseres zu tun haben sollten. Eisenmangel ist natürlich auch anders zu beheben, insbesondere durch Fleisch und auch durch den gar nicht so problematischen Anbau verbreiteter Pflanzen. Das wäre der m. E. richtige Weg, der Bevölkerung zu helfen, und um sie damit hinreichend zu versorgen, muss natürlich auch die mit Hilfsgeldern überschüttete kambodschanische Regierung in die Pflicht genommen werden. So haben wir nur ein paar Profiteure mehr, die eine an sich gute Idee dazu verkommen ließen, sich die Taschen zu füllen.