Mittwoch, 2. September 2015

Der Dalai Lama ruft zum Appell!

Im März diesen Jahres schoss der Dalai Lama (DL) einen Friedensappell ab, der offenbar verpuffte. Ich bekam davon erst jetzt mit. Es zeigte sich mal wieder, dass wir teils auf einer Wellenlänge liegen (böse Zungen behaupten sogar, der DL schriebe neuerdings vom "Asso-Blog" ab), und dann auch wieder nicht. Wie ich hier selbst schon sagte, müssten Religionen überwunden werden und es ginge der Erde im Grunde ohne uns Menschen besser. Allerdings braucht der Dalai Lama für solche Einsichten offenbar vier Stunden Meditation pro Tag und ich nur noch vier Minuten. Wo das doch Binsenweisheiten sind. Und davon ist auch sein Appell voll: Achtsamkeit, Gewaltfreiheit, Mitgefühl. Große Schlagworte des Populärbuddhismus. Es scheint ihm zu entgehen, dass andere Kulturen und Religionen, mit denen er die Versöhnung sucht, nicht unbedingt in diesem Vokabular denken. Was mich auch befremdet ist, warum sich der Dalai Lama überhaupt zu solch einem Appell berufen sieht. Daran an schließt sich ein Interview mit dem professionellen Schwarzseher Franz Alt, der den DL u. a. mit "Heiligkeit" anredet (ich glaube, wer so etwas tut, kann sich nicht auf gute Erziehung berufen, sondern hat schlicht ein Rad ab). Die Publikation des Interviews wurde offenbar von Red Bull gesponsert, die ansonsten zuweilen tödliche Abenteuersportarten promoten. Ob die beiden Gesprächspartner vorher mit der mancherorst schon mal verbotenen Brause abgefüllt wurden, ist nicht bekannt. Schauen wir doch mal, was sie sagten.
   Der DL meint, Frieden könne nur von Dauer sein, wenn man Menschenrechte achte, genug zu essen habe und der Einzelne und die Völker frei seien. Schon im nächsten Satz jedoch verweist er darauf, dass wir wahren Frieden zwischen uns nur durch inneren Frieden erreichen könnten. Was denn nun, möchte man da fragen (was seinem Interviewer nicht gelingt), wird der Friede nun durch äußere Bedingungen geschaffen oder durch innere? Der DL beantwortet es an anderer Stelle: Ohne den inneren Frieden könne der äußere nicht geschaffen werden.
   Der DL meint auch, dass die sieben Milliarden Menschen auf der Welt "mental, emotional und physisch gleich" seien (???). Er hält Ethik für "die Wissenschaft vom Glück" (sie ist jedoch das Philosophieren über Moral). Er glaubt auch, dass die Wissenschaft uns lehre, wir hätten von Geburt an ein Recht auf Glück (wer nun noch daran zweifelt, dass er mit den US-Amerikanern gemeinsame Sache macht, dem ist nicht mehr zu helfen). Der DL behauptet sogar, dass alle 1.000 Artikel, die von Chinesen in jüngerer Zeit über Tibet geschrieben wurden, den tibetischen "Ansatz" unterstützten (das ist noch die alte Rhetorik des Politikers und Staatsführers). Franz Alt meint dann noch begeistert, der DL habe freiwillig seine Macht aufgegeben, als er vor vier Jahren von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurücktrat (welche Macht, wo doch die Chinesen eingewandert sind und er im Exil lebt, und sich nichts an seinem Einfluss auf die Tibeter änderte, da er seinen Dalai Lama-Status nicht aufgegeben hat?).
   Die größte Heuchelei stellen nach wie vor die Ausführungen des DL zur Gewaltfreiheit dar. Nicht nur kennen wir Bilder, wo sich tibetische Mönche - verständlicherweise - immer wieder gewaltsam gegen die chinesischen Besatzer zur Wehr setzten. Wir wissen auch: Solange es irgendwo einen haltlosen Gewalttäter gibt, wird unser befriedeter Geist nicht ausreichen, um ihn gewaltlos von Schandtaten abzuhalten. Eine gegenteilige Einstellung wäre nicht nur naiv, sondern auch privilegiert, ein Luxus. Denn der Dalai Lama selbst reist oft in gepanzerten Fahrzeugen und mit Leibwächtern. Er tut also, wenn er sein Leben in Gefahr sieht, genau das, was die meisten anderen Menschen täten. Das Waffentragen überlässt er aber anderen. Das ist in etwa der gleiche Zynismus, mit dem Buddhisten traditionell das Metzger(- und Waffen)handwerk - auf Grundlage des Palikanon - schlecht reden, dann die Fleischspenden der Laien annehmen und verschlingen, um im nächsten Moment auf denen rumzuhacken, die unreine Berufe ausführten, von denen sie eben noch profitiert haben.

Den kostenlos in allen Weltsprachen downloadbaren Text gibt es auch in gebundener Ausgabe mit gerade mal 56 Seiten zu kaufen. Er schaffte es bis auf die Spiegel-Bestsellerliste. Ein Amazon-Rezensent fasst die Schrift treffend zusammen: Eine Sammlung von Kalendersprüchen.

Mittwoch, 26. August 2015

Zeitreise
(106 kg)


[Japanisch-indonesischer Ausweis mit Stempel aus dem Jahr 2605. 
Quelle: Japanische Wikipedia, Tropenmuseum, part of the National Museum of Word Cultures]

Neben unserem gregorianischen Kalender ist in Japan eine andere Zählart verbreitet, die die Jahreszahlen nach der Ära des jeweiligen Kaisers benennt. Seit der Meiji-Zeit sind das: Meiji 明治 1868-1912, Taishô 大正 1912-1926,  Shôwa 昭和 1926-1989,  Heisei 平成 1989 bis heute. Das Jahr Shôwa 1 entspricht also unserem Jahr 1926. Mein Geburtsjahr 1964 ist das Jahr 39 der Shôwa-Ära (Shôwa ist der postume Name des damaligen Kaisers Hirohito). Ich stamme also so gesehen aus einer anderen Ära.
   Nun übersetzte ich einen Roman, der von der japanischen Besetzung Indonesiens handelt. Er setzte das Jahr 1942 mit dem Jahr 2602 japanischer Zeitrechnung gleich. Hoppla, dachte ich, in Thailand, einem buddhistischen Land, das sich an einem (fiktiven) Geburtsjahr Shakyamuni Buddhas orientiert, wird gerade das Jahr 2558 geschrieben, Japan wäre dann heute ja bereits im Jahre 2675. Wie denn bitte das? 
   Die Grundlage ist der "kaiserliche" Kalender - auch "Kigen" oder "Kôki" genannt -, der mit der Thronbesteigung des (mystischen) ersten Kaisers Japans, Jimmu, im Jahre 660 vor Christus (umgerechnet) beginnt. Dieses Datierungssystem wurde mit der Einführung des Staatsgründungstages als Nationalfeiertag im Jahre 1872 (unserer Zeitrechnung) populär. Die damalige Regierung wollte so die Legitimität der kaiserlichen Linie stärken. Im Gründungsdokument der indonesischen Unabhängigkeit aus dem Jahre 1945 findet sich dann auch das Datum 17 8 05 - wobei die 05 für 2605 steht. Nach dem Abzug der möglicherweise gar nicht so unbeliebten Japaner folgte freilich noch ein Freiheitskampf gegen die schon vor den Japanern auf Indonesien aktiven holländischen Besatzer, der erst 1949 endete.
   Der Gedanke, dass ich nicht im Jahre 2015, sondern im Jahre 2675 lebe, faszinierte mich. War ein neues Jahr angebrochen, ist es mir in der Vergangenheit immer wieder passiert, dass ich in den ersten Wochen in Briefen und auf Rechnungen zunächst noch das Datum des vergangenen Jahres benutzte. Seit einigen Jahren muss ich manchmal auch nachdenken, wenn mich jemand nach meinem Alter fragt. Während die Mathematik eine unerschütterliche Wahrheit in sich zu tragen scheint, sind Zahlen also ein gutes Beispiel für die Manifestation von Leere. 
   Ich bin nun also 711 Jahre alt. Mein noch vor einigen Monaten gefasstes Vorhaben, wenn schon nicht mit 50, dann doch wenigstens mit 51 einiges mal ganz anders zu machen (also kurz vor dem 51. Geburtstag noch schnell - hechel, hechel! - diesen und jenen Ballast abzuwerfen und dies und das umzustellen, abzuschalten, zu kündigen, zu unsubscriben) wirkt nun besonders lächerlich. Vielmehr habe ich das Bedürfnis, mit meinem kleinen Geheimnis Methusalem gleich (aber bartlos) durch die Welt zu schreiten und mit der angemessenen Gelassenheit und Weisheit Geschehnisse und Dinge zu beobachten und zu kommentieren. (Wenn Kleider Leute machen, dann macht das Alter wohl den Weisen.) Ich male mir das Leben eines 711-Jährigen aus. 
   Als ich aufwache, spüre ich auf einmal all meine Knochen. Es ist, als wären sie auf meinen Gedankenzauber hereingefallen.


Mittwoch, 19. August 2015

Zwischenruf der Natur: Hairyu
(107 kg)

[Da sie von klassischen Haiku abweichen und Einflüsse der Senryu aufweisen, nannte ich diese Verse einst "Hairyu".]


Efeu erkletternd
Erdnuss essendes Eichhorn
etepetete.

Faulendes Fallobst.
Fantastisch-fidel feiern
frech-feiste Fliegen.

Nigelnagelneue
Narzissen naschend Nerze.
Na, nitschewo!  

Omas Oasen
orange Orchideen.
Opus ommm!

Unkende Uhus
urinieren unwissend
ultraviolett.

Yogis Yohimbin
yippieyaiyeeh:
Yetis Yamswurzel!




["Fai Yen" von Ream Daranoi; inoffizielles Video 
von Pongtawee Srilasuk.Was für eine Stimme! 
Sie singt von Lust und Liebe.]

Mittwoch, 12. August 2015

Krieg (*)

Wilfred Owen (1893-1918):  Anthem for Doomed Youth

Owen starb als englischer Soldat mit 25 Jahren eine Woche vor dem Ende des 1. Weltkrieges. Seine Gedichte, die sich meist mit Kriegsthemen auseinandersetzen, wurden postum von seinem Freund, dem Dichter Siegfried Sassoon, zusammengetragen.

What passing-bells for these who die as cattle?
   Only the monstrous anger of the guns.
   Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells,
   Nor any voice of mourning save the choirs, -
The shrill, demented choirs of wailing shells;
   And bugles calling for them  from sad shires.

What candles may be held to speed them all?
   Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of good-byes.
   The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing-down of blinds.

[aus: Philip Smith (ed.): 100 Best-Loved Poems (New York 1975)]


Hymne auf die verlorene Jugend

Welche Abschiedsglocken für jene, die wie Viehzeug sterben?
Bloß der monströse Zorn der Waffen.
Nur der keckernden Gewehre rasches Rattern
kann ihre hastigen Gebete niederprasseln.
Keine Spötteleien; kein Fürbitten, keine Glocken,
noch irgendeine Stimme der Trauer außer den Chören, -
die schrillen, wahnsinnigen Chöre wehklagender Kugeln;
und von traurigen Pferden rufen Signalhörner nach ihnen.

Welche Kerzen wohl gehalten werden, um sie alle zu verabschieden?
Nicht in den Händen der Jungen, sondern in ihren Augen
werden die heiligen Schimmer von Lebewohls leuchten.
Die Blässe der Mädchenstirne soll ihr Mantel sein;
ihre Blumen die Empfindsamkeit geduldiger Seelen,
und jede langsame Abenddämmerung wie das Fallen des Vorhangs.



[* Heute Sündentag: Pizza Chicken Deluxe und Spaghetti ...]

Donnerstag, 6. August 2015

Die Schande der Shaolin
(107 kg*)

Was gibt's Neues? Der Bergsteiger und Musiker Reinhard Seitz erzählt in einem Interview, dass er seit 16 Jahren Zen praktiziert und die Methode des "Kinhin" auf seinen Besteigungen anwendet: "Ich gehe Schritt für Schritt und ich denke nur daran, dass ich den einen Schritt gehen muss. Es zählt nur diese Bewegung, denn es gibt in diesem Moment nichts anderes."

Ein anderer hat es weniger mit dem Schrittezählen. Shi Yongxin, der feiste Abt des Shaolinklosters, dem man eigentlich schon ansah, dass er dem Motto der alten Meister: "Ein Shaolin-Mönch zu sein und kein Kung Fu zu können, ist eine Schande" nichts abgewinnen dürfte, wurde nun von einem ehemaligen Mönch der üblichen Schandtaten bezichtigt, die Äbte so gern begehen, als da wären: Unterschlagung, Sex (inclusive Abtreibung) sowie Luxusgier. Höhepunkte seiner Aktivitäten waren der Versuch, das Kloster an die Börse zu bringen, und der Plan für einen Ableger in Australien mit Luxushotel und - Achtung! - Golfplatz. Nun geht's ihm offenbar an den Kragen. 

Schon seit Wochen liegt mir angesichts der Busladungen voller Festlandchinesen, die in Thailand auftrampeln und sich gerne schreiend unterhalten und die Bürgersteige verstopfen, der Satz auf den Lippen: "Warum können die Chinesen nicht laufen? Können sie nicht von den Shaolin lernen?" Aber da denke ich natürlich an Meister Khan aus der alten TV-Serie Kung Fu ("First learn how to walk"), und selbst wenn ich das auf Chinesisch sagen könnte, würden die mich wohl nicht verstehen. Tatsache ist, dass man Chinesen häufig daran erkennt, wie rücksichtslos sie sich bewegen. In einem Land wie Thailand, wo es die Einheimischen anders machen (und selbst die (Ex-)Yakuza, die mit mir im gleichen Stockwerk wohnen), fällt das unangenehm auf. In dieser Hinsicht ähneln sie den Indern, die sogar gelegentlich die Mittelspur benutzen, um sich per pedes fortzubewegen. Auch bevorzugt in großen Gruppen. Kürzlich wollte die stramme Frau des Polizisten, der ebenfalls in meinem Stock wohnt, ein paar von ihnen wegen ihrer nächtlichen Laberei offenbar ganz gern vermöbeln, aber ihr Mann soll sie zurückgehalten haben. Seitdem habe ich das Gefühl, dass unser Stock japanischer wurde und die Inder mit den tieferen Gefilden vorlieb nehmen müssen. Sie knäulen sich nämlich gern auf wenigen Zimmern zusammen und reichen sich dann die ganze Nacht über ein, zwei Frauen lautstark über die Gänge. Die Frauen werden auf 200 bis 300 Baht pro Nummer runtergehandelt (statt der sonst mindestens üblichen 500), dafür stehen dann gleich ein halbes Dutzend und mehr Inder in der Warteschlange und sind schön brav nach ein paar Minuten jeweils fertig. Man kann sich einerseits vorstellen, mit welcher sexuellen Anspannung da etliche von ihnen ankommen und möglichst viel aus dem mühsam Ersparten machen wollen. Andererseits aber auch, warum das Leben für indische Frauen oft so erbärmlich zu sein scheint.

Eine Prise gepflegter Misanthropie darf doch wohl sein? Ein nettes Gespräch mit einem Zuckerrohrsaft-Verkäufer am Straßenrand brachte mir andererseits eine kostenlose Extraportion ein, obwohl der Saft nicht so gut schmeckte wie in Kambodscha. Das dachte ich zwar nur, und sprach es nicht aus. Dennoch lachte mich aus heiterem Himmel eine junge kambodschanische Bauarbeiterin an. Inzwischen erhöht sich der Anteil der Khmer, die in Thailand Häuser hochziehen, nach meinen Beobachtungen deutlich. An manchen Baustellen erfreulicherweise auch ihr Lohn. Heute hörte ich von Männern, sie bekämen 400 Baht. Das sind 100 Baht mehr als der Mindestlohn. Ihre Frauen und Kinder dagegen erhielten nur 250 Baht. 

Die Musik im folgenden Clip ist schräg, aber die Idee für dieses Projekt grandios. [Wenn die Clips in Deutschland nicht sichtbar sind: Unten auf das Wort "Auftritte" klicken und dort auf das Wort "Media" für weitere Hinweise, oder den offiziellen Youtube-Kanal versuchen.]

[Babymetal: Gimme Chocolate*]




[Auftritte in Deutschland im August 2015]