Samstag, 28. Februar 2015

Sacks ohne Sex?
Wie man auf sein Leben zurückschauen kann

In der New York Times schrieb Oliver Sacks ("Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte") gerade von seinen Lebermetastasen und blickte auf sein Leben zurück. Ich verdanke dem Neurologen Einsichten in die (stets individuell zu betrachtende) Migräne, mit der ich mich schon mein halbes Leben herumschlage. Und die Erkenntnis, dass teure neue Triptane als Schmerzmittel oft den Schmerz wiederkehren lassen (ich nannte sie mal "die Zigarette der Migräne-Industrie"), den die kaum noch verschriebenen, alten Ergotamine (mit denen Sacks lange arbeitete) schlicht beendeten.
   Sacks zeigt sich dankbar für die neun Jahre nach seiner ersten Krebsdiagnose, auch für diejenigen Menschen, die seine Metastasen entdeckten. Dann geht er auf die Autobiografie von David Hume ein, die dieser angesichts seines nahenden Todes verfasste. Auch für die Jahre, die Sacks Hume überlebte, ist er dankbar, da sie mit hoher Produktivität gefüllt waren. Er stimmt mit ihm, trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere, in dieser Erkenntnis überein: "Es ist schwer, mehr vom Leben losgelöst zu sein als ich es im Moment bin." Sacks will nach Möglichkeit noch reisen, seine Einsichten und Freundschaften vertiefen, denen, die er liebt, Lebewohl sagen und viel schreiben. Was er nicht will, ist, seine Lieblingsnachrichtensendung im TV weiter verfolgen. Politische Fragen würden sich nicht mehr ihm, sondern den kommenden Generationen stellen. Er schließt damit, dass es ein enormes Privileg und Abenteuer gewesen sei, auf diesem "schönen Planeten" gelebt zu haben. Das klingt irgendwie buddhistisch. So fasst er es zusammen:

"Ich liebte und wurde geliebt. Mir wurde viel gegeben und ich habe etwas zurückgegeben. Ich habe gelesen, Reisen unternommen, nachgedacht und geschrieben. Ich hatte Verkehr ("intercourse") mit der Welt, den speziellen Verkehr zwischen Schriftstellern und Lesern."

Sacks, geboren 1933, machte einschneidende Erfahrungen mit Amphetaminen in seiner Studienzeit, hat gesund gelebt, ging täglich schwimmen, aß Bananenmüsli zum Frühstück und abends Reis mit Fisch. Trotzdem hatte ich bei der Lektüre seiner Worte kein gutes Gefühl. Irgend etwas stimmte da nicht. Ich nahm das zum Anlass, mir zu überlegen, was ich denn, mit 50 Jahren, bei einer solchen Diagnose sagen würde. Plötzlich erschien mir die Aufzählung all der Dinge, für die er dankbar war, als banal. Es fehlte mir auch eine gewisse Ehrlichkeit (z. B. die Frage, warum diese Dösel seine Metastasen nach erfolgreicher Behandlung eines Melanoms am Auge vor neun Jahren nicht früher erkannt haben, obwohl diese angeblich nur eine zweiprozentige Wahrscheinlichkeit hatten). Mir war das alles zu einfach. Natürlich habe auch ich geliebt und wurde geliebt. Auch mir wurde viel gegeben und ich habe etwas zurückgegeben. Auch ich habe gelesen, Reisen unternommen, nachgedacht und geschrieben. Allerdings war das auch schon vor 25 Jahren so. Sollte ich mich nun darüber freuen, dass ein finanziell sicher ganz anders als ich aufgestellter Sacks seine ökonomischen Verhältnisse mit keinem Wort als wichtig erwähnte? 
   Dann stolperte ich über den letzten Satz des obigen Zitates. "Intercourse", Verkehr mit der Welt, als Autor (gedanklich) mit Lesern. Warum hatte er hier keine Frau erwähnt, warum keine Familie?
   Die Antwort ist einfach. Sacks, der zeitweilig unter Gesichtsblindheit litt und sich als schüchtern sieht, lebte allein, heiratete nie und bezeichnet sich als zölibatär. Wie man es von zölibatären Mönchen und Nonnen erwarten würde, ersetzte auch er Hinweise auf die Fleischeslust metaphorisch durch nicht-sexuelle Kontakte mit der menschlichen Gemeinschaft.
   Meine Ausführungen hätten hingegen so geendet: "Ich hatte Geschlechtsverkehr mit der Welt, und oft noch lieber Oralverkehr, besonders den speziellen Verkehr zwischen Freier und Freudenmädchen."

Die Pointe hier ist also, dass ich das alles auch schon vor 25 Jahren hätte sagen können. Demzufolge hätten die genannten Charakteristika eines dankbaren Lebens nicht viel mit einer ausgedehnten Lebensdauer zu tun. Sacks sagt aber auch, zwischen den Zeilen, dass er am liebsten so weitermachen würde wie bisher. Solange sich diese Selbst-und-Andere-Befriedigung in Form von Lesen, Schreiben, Lieben und Kommunikation also nicht abnutzt und langweilig wird, kann man eigentlich schlecht einen Punkt bestimmen, an dem es "reicht". Im Grunde wäre eine ebenso angemessene Reaktion die vehemente Beschwerde: "Die Metastasen kommen zu früh!" Ich würde sofort zustimmen, denn Sacks ist einer der wenigen mir bekannten Zölibatären, denen die Enthaltsamkeit nicht zu Kopf gestiegen ist (d. h. die klar dabei blieben - oder wurden).

In einem tieferen Sinn müssen solche Konzepte jedoch, von einer buddhistischen Warte aus, als behelfsmäßig erscheinen. Nimmt man lieben, geben, denken, lesen, reisen und schreiben weg - was ist dann noch? Welche "Wahrheit" hat dann noch Bestand? Die genannten Kriterien von Sacks Glück mögen tröstlich sein, aber sie sind auch relativ. Ein kleiner Exkurs:

Einmal ging ich mit einem verheirateten einheimischen Reisebüroleiter in Thailand zu einem dämmrigen Karaoke-Schuppen. Es entsprach der thailändischen Gepflogenheit, dass die Ehefrau solche Ausflüge dulden darf (in China ist vielerorts noch heute die Konkubine akzeptiert, und viele Thais sind chinesischstämmig und haben mit ihren Nebenfrauen davon abgekupfert). Dennoch musste der Schuppen irgendwie dunkel sein, weil eine Restscham zu schützen war. Ein bisschen Fummeln vorab, und der Mann hatte seine Gespielin gefunden. Er wartete auf meine Wahl, und ich fragte, was er denn zahlen müsse. Es war doppelt so viel wie ich für gewöhnlich in diesem Land für Freischaffende hinblätterte. Ich lehnte ab und überließ ihn seinem Vergnügen. 
   Mit den Jahren habe ich zwei Dinge über diese Begegnungen gelernt: 
   1) Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen den Kosten für Sex und dessen Qualität. Teure Huren waren im Schnitt nicht besser als billige. Als mich kürzlich zwei Leute im Hotel in der gleichen Nacht ansprachen, dass sie sich nebenher was mit der Vermittlung von Edelhuren verdienten, staunte ich nicht schlecht, welche Summen manche Dösbaddel da bereit sind zu zahlen. Anlass war, dass zwei aufgedonnerte Frauen an mir und dem Security-Mann vorbei zu ihrem Auto gingen. Der Mann sagte, die könne ich kommen lassen, und ich sagte ihm, wie viel ich zahlen würde, woraufhin er erschüttert abwinkte. "Aber", sagte ich zu ihm, "die sehen doch überhaupt nicht besser aus als 'meine'." Woraufhin er sich auf den Standard-Irrglauben zurückzog, die billigen hätten Aids. Das aber wäre, wenn es überhaupt stimmte, eh nicht mein Problem, da ich schon immer Kondome verwende. Ich hatte in den knapp vierzig Jahren, seit ich geschlechtsreif bin, nicht eine Geschlechtskrankheit. 
   2) Es gibt keine Gewähr dafür, dass kostenloser Sex besser ist als köstlicher. Der Sex mit Professionellen war für mich, wie man aufgrund von deren Erfahrung erwarten kann, im Schnitt besser als der kostenlose Sex, der mir in einem halben Jahrhundert vergönnt war. In der Regel bekommen gewöhnliche Frauen einen Schrecken, wenn ich ihnen von meinen Erfahrungen berichte, weil sie fürchten, dass sie mich nicht befriedigen können. Sie wissen das also auch. In der Öffentlichkeit äußert sich dieser Frust der gewöhnlichen Frauen dann z. B. in Propaganda für den angeblichen Schutz von Huren, der in aller Regel von diesen selbst heftig abgelehnt wird. Tatsächlich wollen diese Frauenschützer den Huren schaden, weil sie Konkurrenz darstellen.

Etwas anderes ist die "Liebe". Wenn Sachs davon schreibt, geliebt zu haben und geliebt worden zu sein, dann stellt er das nicht in einen notwendigen Zusammenhang mit der (ausgelebten) Sexualität. Etwas von Liebe zu verstehen, ohne damit automatisch Sex zu verbinden, ist tatsächlich eine Freude. Sex unter Umständen zu betreiben, die dem Gegenüber seine Würde lassen, ist sogar eine Kunst. Wenn die Freude in eine Kunst übergehen will, entstehen die besten feuchten Orgasmen. Von Geld sind sie so wenig beeinflusst wie das Glück von Sacks. 

In vielen Gesellschaftssystemen, so auch in Thailand, stellt sich die Frage nach kostenlosem Sex im Grunde gar nicht. Kürzlich ging ich in eine Apotheke und verlangte für die Behandlung eines Bakeriums das vielfach billigere Antibiotikum statt dem Standardmedikament. Der junge studierte Apotheker, der mich bereits kannte, sagte lachend, in Thailand würde man Leute wie mich als "khii niau" (geizig) ansehen. Ich meinte, Sparen sei ein Talent. Woraufhin die PTA, die neben ihm saß, eine schöne Transsexuelle, die mich schon oft angelächelt hatte, das Gesicht verzog und fragte, ob ich denn wohl eine Freundin habe. Der Sinn der Frage war: Wie willst du denn eine Freundin bekommen, wenn du geizig bist - das heißt: nicht großzügig Geld dahingibst? Ich fragte sie ihrerseits, ob sie einen Freund habe, sie bejahte, ich machte das Geldzählzeichen zwischen den Fingern, und sie nickte. Ihr Typ hatte also Geld, und damit war alles für sie geregelt. Wären nicht Kunden in dieser Apotheke nachgerückt, ich hätte mir die Zeit genommen, ihr zu erklären, dass Männer wie ich nicht mit einer Frau zusammenleben, die auf Geld aus ist. Wir ficken mit solchen Frauen, so möglich, aber sie können sich aufgrund ihrer Käuflichkeit oder Geldgeilheit kein Recht erwerben, das Leben mit uns zu verbringen. Eine solche Vorstellung ist in vielen Ländern - und die PTA meinte, das müsse sogar in Deutschland so sein - völlig abwegig. Die Frauen verstehen größtenteils gar nicht, wovon da einer wie ich redet. Sie glauben, der Mann müsse sich das Recht erwerben, mit einer Frau (dauerhaft) zusammen zu sein, indem er (dauerhaft) Geld für sie ausgibt. Dies zieht sich durch die ganze Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft ist der Sprung in die Prostitution dann auch nur ein Hüpfer. Die Ehe und Partnerschaft ist ein Geschäft, und wer rechnen kann und GeschäftsMANN ist, wird sich kaum darauf einlassen. Ob das nun in euren Beziehungen auch so ist, liebe Leser dieses Blogs, möget ihr euch selbst fragen.

Ich lebe zwar nicht zölibatär wie Sacks, aber womöglich haben wir für unsere Entscheidungen ein ähnliches Motiv. Unsere relativ große Freiheit aufzugeben kommt nicht so einfach in Frage. Die Frau, die an unsere Seite passte, ist uns einfach nicht übern Weg gelaufen. Oder wir haben es nicht bemerkt. Für mich ist es ehrlicher, zu zahlen, als Frauen vollzulabern oder mir willige Dharma-Schülerinnen heranzuziehen und sie zu manipulieren, wie es etliche buddhistische Lehrer gezielt tun. Mir missfällt auch die diesbezügliche Auswahl.
   Es ist wirklich eine Frage des Alterns: Wie man sich daran gewöhnen kann und seine Freuden davon unabhängig genießt, das scheint mir "mit der Zeit" immer leichter zu werden. Nicht nur haben wir das Märchen durchschaut, dass da jemand sein müsse; wir haben aus der ernüchternden Erkenntnis des Gegenteils einen Vorteil ausgedehnterer Freiheit gemacht.
   Was nicht leichter wird ist hingegen, gute Freudenmädchen zu finden (nur die schlechten zu meiden wird einfacher). Insofern sollte ich mir womöglich ein Beispiel an Sacks nehmen und öfter mal schwimmen gehen.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Rinzai Roku (Neuübersetzung)

"Linji döste in der Mönchshalle. Huang-po sah ihn und schlug mit seinem Stock auf die Plattform. Linji hob den Kopf. Als er Huang-po erkannte, döste er weiter."

Eine neue Übersetzung des Linji Yulu (Rinzai Roku) war nötig. Zum wiederholten Mal hatte ich den O. W. Barth Verlag auf einen Titel aufmerksam gemacht, den er vor Jahren mal aufgelegt, dann aber offenbar vergessen hatte und den die Zen-Gemeinde braucht. Ich hätte ihn selbst neu aufgelegt. In der Regel führt ein solches "Aufstöbern" dann aber doch zu den gewünschten Aktivitäten des anderen Verlags und er nimmt die Sache in die Hand. 

Bei genauerer Durchsicht gefielen mir jedoch die redundanten Kommentare von Soko Morinaga in dieser Fassung nicht, und ich beschloss, zeitgleich eine eigene Übersetzung herauszubringen. Linji ist relativ selbsterklärend. 

(Aus der Einleitung) "Linjis Stil ist durch eine gewisse Rohheit in der Sprache und im Handeln gekennzeichnet. Bekannt wurde seine Methode der „Drei Geheimnisvollen Tore“: Das 1. Tor lautet „Geheimnis in Essenz“ und zieht buddhistische Philosophie, etwa Yogacara, zur Erklärung von Phänomenen heran. Das 2. Tor lautet Geheimnis im Wort“ und benutzt das Hua Tou (jap. wato), um konzeptionelles Denken von Schülern zu entwirren. Dabei handelt es sich in der Regel um kurze Sätze, die zum Gegenstand der Meditation werden, wie „Was ist dies?“, „Wer bin ich?“. Diese Methode wurde später von Dahui Zonggao (1089–1163) ausgearbeitet.  Das 3. Tor lautet „Geheimnis im Geheimnis“ und verwendet non-verbale Kommunikation, Hiebe und Schreie zum gleichen Zweck."  

Neu im Buchhandel! (Das Ebook gibt es noch ein paar Wochen zum ermäßigten Preis.)

Freitag, 20. Februar 2015

Kindergarten "Buddhaland"

Gerade wurde mir aus dem Forum Buddhaland aus einem nur für registrierte User sichtbaren Bereich ("Anregungen und Kritik") folgender Beitrag des Moderators "Ji'un Ken" (Alf Bartholdy) zugespielt:

"Guido Keller hat sich meiner Meinung nach nur seinem Hang zur Selbstdarstellung verschrieben. Einen Hang der Selbstdarstellung, bei dem es mir schwerfällt, ihn nicht als krank zu bezeichnen. Obwohl er hier gesperrt ist, setzt er alles daran, hier immer wieder zu schreiben. Er verschleiert seine Identität mit immer neuen Nicks und benutzt Tornetzwerke oder Ähnliches, um seine IP zu verschleiern.
   Ich kann ihn nicht mehr ernst nehmen und ich bedauere das. Ansonsten habe ich nicht vor, mit dir weiter über Guido zu diskutieren."

(Thread "Werbung im Buddhaland", 22.01.2015, 19:07)

Daran ist Etliches falsch. Ich war meines Wissens nie unter meinem bürgerlichen Namen angemeldet und kann darum auch nicht als solcher gesperrt sein - sondern nur mein jeweiliger Username. Von "Verschleierung" kann auch keine Rede sein, weil die Moderatoren schon Beiträge gelöscht haben, in denen User mit bürgerlichem Namen angesprochen wurden - das wird im Buddhaland in der Regel nicht gewünscht und ist keine Voraussetzung für die Anmeldung. Der Regelfall ist also o. g. "Verschleierung", was leider häufig zu dem üblichen anonymen Geschwafel von Feiglingen führt. - Die Nutzung des Tor-Netzwerkes - die ich dem Moderator übrigens selbst mitteilte, sonst  hätte er sie gar nicht bemerkt - ist zeitweilig  nötig, wenn ich in einem Land mit Internet-Zensur schreibe. 

Zu diesem Moderator ist Folgendes zu sagen. Er hat meine Usernamen oder "Avatare" - m. E. sobald er merkte, dass ich dahinter steckte bzw. es selbst offenbarte - mehrfach unter Verletzung der dortigen Forumsregeln gesperrt. Nach diesen Regeln ist zuvor eine Verwarnung nötig, dann könne eine zeitweilige Sperre von - nach seinen Angaben - sieben Tagen erfolgen, dann eine Sperre von - nach seinen Angaben - einem Jahr (eine Regel, an die er sich schon bei anderen Usern nicht hält, wie deren vorzeitige "Wiederkehr" zeigt). In keinem der genannten Fälle hat sich der Moderator an diese Regel gehalten, entweder folgte die Sperre ohne Ankündigung oder Begründung, oder sie erfolgte für einen anderen Zeitraum (wahrscheinlich gleich unbefristet). Ji'un Ken ist offenbar kommunikationsgestört, da er die Diskussion zu seinen Regelverstößen verweigert.

Die Regeln in einem Forum gelten für beide Seiten, User wie Betreiber oder Moderatoren. Werden regelwidrige Entscheidungen getroffen, sind diese als nichtig zu betrachten.

In einem Fall hat Ji'un Ken allerdings mit meinem "Avatar" (Aliasnamen) über das Forum Kontakt aufgenommen und sehr bald von seiner Vergangenheit erzählt. Bereits nach einigem Austausch hat sich darin für mich ein eklatanter Widerspruch in seiner Darstellung dieser Vergangenheit gezeigt. Er schien das Ganze - meiner Ansicht nach - vor sich her zu tragen, um damit möglicherweise etwas zu entschuldigen. 

Auffällig ist, wie empfindlich er auf das Thema "Sexualität" im Forum reagiert. Zuweilen hat er seine Moderatorenfunktion offenbar nicht mehr im Griff. Ich schrieb an anderer Stelle, dass er darum und aus oben genannten Gründen sich nicht als Moderator eignen würde. Sein Gehabe wurde noch verschärft, nachdem ich die Linie, in der er praktiziert (Oi Saidan), hier und im Forum kritisiert hatte. 

In dem jedem der angeblich fast 3.000 Registrierten zugänglichen Forum hat er nun kürzlich die Userin "stiller_raum", wegen der ich das Forum erst vor ein paar Monaten abmahnte (was zur Löschung von zwei Beiträgen dieser Userin führte) regelrecht ermuntert, ihre Verleumdungen und Hasstiraden fortzuführen: "Ich lese mit und trage den Kinderkram mit Fassung. Aber schreibt ruhig weiter, wenn es euch beruhigt und evtl. dem Aggressionsabbau dient. Mir soll es recht sein." (21.01.2015, 12:01) Im Grunde hätte hier zumindest die Forumsregel der rechten Rede zu seinem Einschreiten führen müssen. Die genannte Userin hat auch hier im Blog u. a. zum Thema "Jack Kornfield" anonyme Beiträge hinterlassen und sich, wie vorhergesagt, als Stalkerin erwiesen, die immer wieder irgendwo leicht durchschaubare Lügen über mich, diesen Blog oder den Verlag verbreitet. [Freilich hat sie auch die Zugriffszahlen hier erhöht und mich auf die Idee gebracht, an dieser Stelle mehr für die von mir publizierten Bücher zu werben ;-)]

Wie Ihr wisst, halte ich mich in meinem Blog an meine eigenen Regeln. Darum nun hier meine Antwort auf Ji'un Kens obige, im Buddhaland-Forum geäußerten Sätze:

Alf Bartholdy hat sich meiner Meinung nach im Buddhaland einem Hang zur Zensur verschrieben. Einem Hang zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit, bei dem es mir schwer fällt, ihn nicht als krank zu bezeichnen. Eine "biographische Belastung" (meine Worte) benutzte er mir gegenüber wie einen Hang zur Selbstdarstellung. Obwohl er meines Erachtens als Moderator unfähig ist, setzt er einiges daran, es zu bleiben. Diskussionen, die den Bereich der Sexualität streifen, unterdrückt er gerne (wenn ihm die die darin geäußerten Ansichten nicht passen). Er verschleiert seine Identität mit einem Namen, der wohl der Ordination einer fragwürdigen Sippschaft entstammt, und benutzt Ausreden, um seine mangelnde Forenkompetenz in Hinsicht auf Regeleinhaltung zu verdecken.

Ich kann ihn nicht mehr ernst nehmen und ich bedauere das.

Trotz Ji'un Kens m. E. unreifer Einstellung zu sexuellen Themen im Buddhaland hatte er mir einmal einen Text aus dem tantrischen Buddhismus zugestellt, der u. a. beinhaltete, sich den Samen des Lehrers in den Mund tröpfeln zu lassen! Als ich mich darüber amüsierte, schien ihn meine Haltung zu dem Text nervös zu machen und zu verärgern. Diese Anekdote mag wichtig sein, falls man meint, Ji'un Ken käme vor allem vom Zen. Dann bedenke man folgende Auffälligkeit:


Bestimmte User (z. B. "Losang Lamo", "Tashili", "Tara4U", "keks"**, "stiller_raum")** gehören offensichtlich zu der Anhängerschaft des tantrischen Buddhismus eines Lama Ole Nydahl ("Diamantweg"), die - wie ein ehemaliger Moderator namens "malsehn" im Buddhaland einst schrieb - sofort sich auf jeden einschießt, der Oles Unsinn bloßstellt, und entsprechende Threads zum Erliegen zu bringen trachtet. Da vergleiche man mal die Gelassenheit von Anhängern anderer Lehrer. Über meine Lieblinge könnt ihr lästern, so viel ihr wollt, ich würde mir trotzdem nicht die Mühe einer Intrige und Meinungsunterdrückung in einem Forum machen. Das zeigt nur, wes Geistes Kind diese Anonymen sind, und bestärkt mich in meiner Kritik. 

Es sieht auch nicht so aus, als würde der Administrator des Forums, Axel Jung, eine bedeutend andere Linie als sein Moderator vertreten, obwohl  Jung in seinem Blog u. a. der Aktfotografie frönt. Denn er steht in Verbindung mit "Zensho Kopp", den ich nicht nur hier in meinem Blog entlarvt habe, sondern einst auch im "Buddhaland" - noch vor Ji'un Kens Zeit als Moderator. Das hatte damals zu meiner allerersten regelwidrigen Sperre geführt.

Nachtrag: Mehr über Ole Nydahl und sein "Doppelleben" findet sich hier. Und weitere Erfahrungsberichte hier ("das scheint eine total verdrehte und sich geschlossene welt zu sein.").

[Update 24.2.]

* Einige der Genannten (darunter auch solche, die meinen, sie würden keine Blogs lesen) haben in besagtem Forum auf diesen Beitrag mehr oder weniger angepisst reagiert, eine redet sogar immer noch von "Schläferprofilen" und glaubt, man könne solche schon früh erkennen. Was sie mit "Schläfer" meint, bleibt unklar. User mit mehreren hundert Beiträgen? Schlafwandler? Dann spricht sie wohl auch von sich selbst. Die Wortwahl verrät den Geist des Denunzianten. Den Traum der Machtlosen. Und wie ist es tatsächlich?

Nur wenn ich das so will. Und ich will das fast immer. Aber das kapieren bis jetzt weder die verdrehten Nydahl-Tussen noch ein wirrer Bilsing, Verzeihung, Bilsig.  

       
Wieso sollte auch jemand, der Schwachsinn in Foren verzapft, je persönlich dafür einstehen? Am Ende liest es noch der Arbeitgeber oder der buddhistische Lehrer. Dafür hat man ja seinen Avatar. Aber wie lustig, die Leute identifizieren sich dann doch damit und fühlen sich angesprochen. Selbst Zen-Übende klammern sich da plötzlich krampfhaft an eine künstliche Identität. Bloß nicht zu weit gehen und aus einem Forum fliegen. Absurd.

Was aber, wenn ich es nicht will?  
Tausend Teuro für jeden, der mir meine "Schläferprofile" nennt. 
Dämliches Geschwätz!   


** Beitrag von "keks" vom 16.2., 20:26, zu den jhana im Forum "Buddhistische Praxis" (Konzentrationsmeditation): "8. ist vergleichbar mit Nahtoderfahrung was dann wiederrum auch vertieft werden kann. Bei Nahtoderfahrung gibt es wiederrum 8 ? oder 9 ? Punkte - Tunnel, verstorbene Bekannte, Lebensrückschau, alles zu wissen noch bevor man fragte etc. Interessanterweise deckungsgleich mit Buddhas Erfahrungen. Bei geübten Praktizierenden rechnet man im Schnitt 20 Minuten pro Stufe." (Vgl. das Geschwurbel von Nydahl.)

[Update 25.2.]

Leider kann ich nicht direkt auf diesen Teil des Forums verlinken.
Sie versuchen das Rätsel zu knacken, sind aber irgendwie drollig hilflos.

Jiun Ken: "Macht euch keine Sorgen um ihn. Er ist hier schon wieder unterwegs und versucht seine Diskussionsthemen an den Mann oder die Frau zu bringen."

Ich war nie weg. Das ist der Vorteil von Vierfach-Accounts, und das kommt davon, wenn man unter den registrierten Benutzern Hunderte von Fake-Anmeldungen zulässt, um seine Mitgliederzahl aufzuhübschen. Es sind ja auch nur "Doppelaccounts" verboten.
 
Um Rechtsbrüche, wie dort bereits geschehen (siehe Abmahnung) und von Jiun Ken ggf. befördert, weiter im Auge zu behalten, ist zumindest ein vollwertiger Account mit Leseberechtigung der zugangsbeschränkten Foren leider vonnöten. Ansonsten sollte man meinen, dass in einem Diskussionsforum jeder seine Themen anbringt und es dafür da ist. Das sieht Jiun Ken aber bekanntlich anders.

"Tara4U" meint, dass alle Beiträge, die ihr gegen den Strich gehen, von einem "Troll" stammen müssten, und merkt gar nicht, dass sie damit selbst einer wird. Offenbar hält sie das Buddhaland, in dem sie gern im Chat sinnlose Smilies postet (deshalb hier die Anspielungen), und ihre unreflektierte Abwehrhaltung für "bedeutender" als diesen Blog und meint auch ein Rezept zu kennen, wie man stille User aus der Reserve locken kann. Wie gesagt, die obige Wette gilt. Sie darf sich damit trösten, dass ihre Beiträge hier öfter gelesen werden als im Buddhaland.

"wir wissen alle, wes Geistes Kind er ist"
Zu mehr als nebulösen Andeutungen reicht es nicht. Mal unter diesem, mal unter anderem Namen.
Ich weiß, wes Geistes Kind eine Tara ist: des Faschismus.

"Wichtig ist, nicht meinen sich in irgend einer Weise rechtfertigen zu muessen" (siehe Ole)
"Ich füttere dich nicht mehr"

Rülps!

Montag, 9. Februar 2015

Hinrichtungsvideos der IS oder:
Wie weit darf Karikatur gehen?

In der Vergangenheit suchte ich zwei Mal nach Videos von Enthauptungen durch Anhänger des "Islamischen Staates" (IS). Da ich nicht so zügig fündig wurde, wie ich dachte, gab ich die Suche jedoch bald auf. Ich verstand, dass viele Provider diese Videos alsbald zu löschen trachteten. Kürzlich aber fand ich recht schnell den Film über die Verbrennung des jordanischen Piloten. Als ehemaliger Student der Filmwissenschaften staunte ich nicht schlecht über die Gestaltung dieses sadistischen Mordes mit den Mitteln des fiktiven Hollywood-Kinos. Da wurden digitale Grafiken wie in einem SF-Thriller mit Tom Cruise eingeblendet, die den Standort von Personen verrieten. Da wurde durch schnelle Schnitte auf den an den Gitterstäben seines Käfigs rüttelnden Gefangenen noch einmal kurz auf dessen Angst und vergeblichen Protest verwiesen. Der Soundtrack kleisterte das Ganze zu einem der widerlichsten Filmchen zu, die ich je sah. Was die tumben IS-ler nicht verstanden: Indem sie einen zu Allah betenden Muslim und sein Gesicht zeigten und richteten, machten die Vermummten sich selbst zu Karikaturen, wie sie ein französischer Zeichner nicht besser hinbekäme.

Diesmal haben sich die Mörder und Regisseure jedoch verschätzt. Es ist wohl der - auf uns seltsam wirkenden - Affinität zum Schächten (Aufschlitzen von Tierkehlen) in der muslimischen Welt zu verdanken, dass es erst der Verbrennung eines lebendigen Menschen bedurfte, um das Fass endgültig zum Überlaufen zu bringen: Enthaupten wird in der muslimischen Welt offenbar als weniger grausam angesehen denn Verbrennen. Jordaniens Regierung ließ im Gegenzug unverzüglich die Frau, die der IS vorgeblich freipressen wollte, und einen weiteren Terroristen hinrichten, Muslime gingen in Massen auf die Straßen und protestierten, der jordanische König kündigte die Ausrottung des IS an. Nicht nur ist damit der entscheidende Schulterschluss mit der westlichen Welt im Kampf gegen islamischen Fundamentalismus in die Wege geleitet. Es war ein Muslim, der die drastischsten Maßnahmen ergriff und - durchaus verstrickt in die uns bekannte nahöstliche Rache-Rhetorik - das einzig richtige Ziel vorgab.

In deutschen Talkshows muss man sich dagegen die Blödeleien eines Jürgen Todenhöfers anhören, der sich vor vermummten angeblichen IS-Kämpfern und neben einem unvermummten Deppen filmen lässt, wie dieser seinen stupiden Sermon von der (für ihn nicht erkennbar: aussichtslosen) Welteroberung von sich gibt. Dieser Depp ist dicker als die Person, die wir als Henker oft auf Bildern sehen und die das Feuer am Jordanier entzündete. Todenhöfer sieht Bombardierungen der IS wegen des Kollateralschadens als falsch an, obwohl jede militante Bewegung, die erobern will, notgedrungen in Gebiete vordringen muss und dabei recht effektiv ins Visier genommen werden kann. Dies ist ja bereits geschehen. Todenhöfer setzt Hoffnung auf ehemalige Unterstützer von Saddam Hussein und will Schiiten und Sunniten offenbar in Kröpfchen und Töpfchen stecken. Über die Komplexität und Vielseitigkeit des Islam scheint er nicht genügend informiert zu sein, sonst würde er nicht solch naive Hoffnungen hegen. Dass der IS Sadisten, Vergewaltiger und Serienkiller anzieht (die meisten IS-Anhänger wären m. E. von sich aus gar nicht in der Lage, jemandem den Kopf abzuschneiden) und permanent beweist, dass seine Ideologie (und Religion) nur vorgeschoben ist, um "das Böse" im Menschen frei ausleben zu können (da wird ein Gefangenenaustausch gefordert, und noch ehe eine Antwort der Gegenseite abgewartet ist, die eigene Geisel getötet), unterschlägt dieser weltreisende Journalist. Und er schafft es nicht, einen Vollidioten genau so zu nennen, wenigstens aus sicherer Entfernung in Deutschland, nachdem er diesem gerade eine minutenlange Fernsehansprache gewährte. Umso erbärmlicher, wenn man dann noch zusehen muss, wie ihm deutsche Politiker lauschen, die wohl insgeheim meinen, Zurückhaltung im Ukraine-Konflikt müsse mit Zurückhaltung im Kampf gegen die IS einhergehen. Tatsächlich wünschen sich die USA längst, dass europäische Staaten wie Deutschland, die die Mittel dazu hätten, endlich selbst größere Verantwortung in internationalen Auswüchsen solcher Barbarei übernähmen. 

Nach längerer Bedenkzeit bin ich zum Schluss gekommen, dass nicht nur Todenhöfers Ansicht falsch ist, sondern auch die derjenigen, die meinen, man müsse das religiöse Selbstverständnis der IS-Kämpfer als solches ernst nehmen. Stattdessen sollte der IS als ein mafiöser Mob angesehen werden, unter dessen islamistischer Fassade sich in erster Linie Geistesgestörte und Sadisten tummeln. Es ist demnach relativ unerheblich, diese Gruppe dem Islam zuzuordnen. Wenn in dieser Hinsicht jemand für Klarheit sorgen will, dann sind es hoffentlich Muslime selbst. Indem man dem IS das Recht auf seine verzerrende Selbstdefinition abspricht, schützt man den Islam und seine (vernünftigen, moderaten) Anhänger auch vor den nahe liegenden Ressentiments. Was man ernst nehmen muss, ist die Todesverachtung vieler IS-Kämpfer, weil man dieser nur adäquat mit einer vergleichbaren Einstellung begegnen kann. Von Journalisten, die die Gelegenheit nutzten und sich inmitten von IS-Kämpfern mit diesen in die Luft jagten, hat wohl noch keiner gehört? Entweder sie machen als Nicht-Muslime Interview-Deals mit unteren Kommando-Ebenen, oder sie lassen sich von den oberen abschlachten.

Die Angelegenheit stellt sich komplexer dar, wenn der Otto Normalmuslim auf der Straße zu Mohammed-Karikaturen befragt wird. Überraschend oft sind Muslime wütend darüber, zeigen gelegentlich sogar Verständnis für Vergeltungsmaßnahmen. Ein Gelehrter der arabischen Welt forderte gar, man müsse auf jede mögliche Beleidigung in Form von Satire, Karikatur usw. verzichten, weil damit immer eine Minderheit im Westen verächtlich gemacht wurde, die es zu schützen gelte. Aha. Wenn Muslime also in Zukunft in der Mehrheit wären, würde Charlie Hebdo plötzlich salonfähig? 

Abgesehen von dem grundsätzlichen Problem, dass es der Muslim selbst ist, der die Karikatur erst - in seinem Geiste - erschafft, da er sich ja kein Bild von Mohammed machen soll und ihn deshalb auch in keinem Abbild erkennen dürfte (er trägt also die Verantwortung für die Karikatur immer auch selbst), ist das obige Argument unsinnig. Das "heilige" Buch des aufgeklärten Westlers ist sein Grundgesetz, sind die Menschenrechte. Wenn dort der Meinungsfreiheit ein großer Spielraum gewährt wird, ist diese Regel ebenso "heilig" wie dem Muslim die Ansicht, dass Jesus nur ein Prophet sei. Und die Karikatur ist Ausdruck dieser Regel, so wie der Koran Ausdruck einer Weltanschauung ist. Würde nun in muslimischen Ländern ein gleicher derart geforderter Schutz von Minderheiten vollzogen, dann müssten die entsprechenden Passagen aus dem Koran verschwinden, die Jesus den Status eines fleischgewordenen Sohnes Gottes absprechen. Denn das ist selbstverständlich eine Beleidigung des christlichen Glaubens. Wer also eine solche Rücksichtnahme - und letztlich Zensur - fordert, der hat nicht einmal begriffen, dass sein eigenes heiliges Werk nicht maßgeblicher sein kann als das der anderen. Und das wirkt wirklich - vorsintflutlich. Wenn also der hoffentlich gemeinsame Kampf gegen die Irren in der Schutzweste des Islam gewonnen ist, wird es eines langen Gedankenaustausches bedürfen, in dem vermittelt werden muss, warum die Werte eines aufgeklärten säkularen Staates denen eines religiösen Glaubens übergeordnet sein sollten. Das mussten hierzulande auch diejenigen schon schmerzhaft erfahren, die auf ihrer persönlichen Lesart eines wörtlichen Verständnisses der Bibel oder des Palikanon beharren. Dies gilt für alle "Gläubigen".

Donnerstag, 29. Januar 2015

Ryôkan: Ich spiele auf dem Buddha-Weg

Ryôkan!
Schön, dass du wie ein Narr bist, 
denn dann ist dein Weg unermesslich. 
Frei und leicht den Dingen ihren Lauf lassen –  
wer könnte das begreifen? 
Darum vermache ich dir diesen Stab aus wilder Glyzinie. 
Wann immer du ihn gegen eine Wand lehnst, 
möge er dir den Frieden eines Mittagsschlummers bringen.

[Bestätigung durch Meister Tainin Kokusen (1722–1791)]

                                                                 
  Dinge, die mich stören:

Zu viel reden
Zu schnell reden
Laute Rede
Rohe Rede, wenn andere schon schlafen
Selbstgespräche
Überflüssige Bemerkungen
Blumige Rede
Menschen, die nicht dazulernen
Menschen mit zwei Gesichtern
Menschen, die unterbrechen, wenn andere noch reden
Unpassende Bemerkungen
Andere belehren, weil sie in Zorn geraten
Über Dinge reden, die andere verschweigen wollen
Den Narren mimen
Schleimen
...
Kinder beschwindeln
Kinder neunmalklug machen
...
[Aus einer von Ryôkans "Listen"] 



Samstag, 24. Januar 2015

Im Angesicht des Teufels ...

Ich dachte mir, ich kann den Blog ja auch weiter für kurze Zwischenmeldungen nutzen, so im Sinne von "What's up?". Oder: "X-Files". Für mehr ist keine Zeit. Es erscheint gerade ein Buch nach dem anderen, wie Ihr auf meiner Verlagswebsite sehen könnt, in diesen Wochen die Klassiker Ryôkan, Huangpo und Linji, und dann ein paar Überraschungen. Ein Hinweis in einem buddhistischen Forum, ich solle doch endlich mal für meine Bücher in diesem Blog werben, sei damit gern aufgenommen ;-) 

Der folgende Nachschlag muss einfach sein, wo ich doch gerade noch über das "Karma" schrieb, und wie man dafür offen bleiben sollte. Dieser Tage lief ich einem der Lehrer, von denen der Asso-Blog abrät, Arm in Arm mit einem anderen Mann in Pattaya (Thailand) über den Weg. Als er mich ansah, wirkte das, als würde er dem leibhaftigen Teufel ins Gesicht schauen, und er drückte sich erschrocken an seinen Begleiter ran. 

Im Nachhinein fragte ich mich, ob ich vielleicht in das ausgemergelte Gesicht eines HIV-Infizierten gesehen hatte. 

Ein kurzer Anruf in einem französischen Hospital und ein bisschen Charme machte auch die dortige Lage klar, die Updates dieser Pflaumengemeinschaft waren mir einfach zu spärlich. Und ein weiterer der genannten Lehrer erfährt nun intern Widerstand von einer kleinen Gruppe, die mal genauer wissen will, ob er sie nicht zeitlebens ausnutzte und sich oder seinen "Verein" dadurch bereicherte. Revolution! Der Lehrer bat offenbar zwei seiner beschränkteren Anhängerinnen, eine "Schmutzkampagne" gegen diesen Blog(ger) hier loszutreten, die mich momentan amüsiert. Ich weiß, im Unterbewusstsein gefällt denen nicht, dass der Blog eigentlich pausiert. Es klingt wie ein Hilfeschrei: "Schreib doch bitte weiter! Von selbst kommen wir nicht drauf!"

Tja.

Macht damit, was Ihr wollt. Viele der im Lauf der letzten Jahre hier besonders Kritisierten sind inzwischen mehr oder weniger "erledigt". Irgendwann bin ich's auch. Und das Karma sollte man schon deshalb nicht wegreden, weil es einen verdammt schwarzen Humor hat ...

Der einzige auf meiner Liste, der sich als wahrer Freund erwies, ist  der Dalai Lama ;-) Deshalb gibt's auch ein Buch zu seinem Besuch in Basel und Kopenhagen.

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Lied von der Freude am Weg

"Schaut Meister Te-shan an: Sobald er einen Mönch kommen sieht, 
vertreibt er ihn mit seinem Stock."

Mit den folgenden von mir übersetzten Versen geht dieser Blog in eine unbestimmte Pause. neue Phase unregelmäßiger Updates. Zum Ende des Jahres ein paar Worte von Nanyue Mingzan (jap. Nangaku Myôsan), der im 8. Jahrhundert lebte und auch "Der faule Zan" genannt wurde ...

樂道歌   Ledao ge (jap. Rakudô-ka)

Heiter und sorgenfrei, nichts muss sich ändern.
Unbeschwert – was braucht’s da noch Worte?
Der wahre Herzgeist ist nicht zerstreut.
Wer müsste da weltliche Sorgen beenden?
Die Vergangenheit ist schon vergangen,
die Zukunft unvorstellbar.
Sorglos und gelassen sitzend,
wer sollte mich da schon besuchen kommen?
An den äußeren Dingen arbeiten zu wollen,
das ist eine Narretei!

Was den Proviant angeht – nicht ein Korn.
Wird dir ein Mahl angeboten, schlinge es runter.
Die Weltlichen sind voller sinnloser Sorgen,
jagen etwas hinterher, was sie nie bekommen.

Ich sehne mich weder nach Himmelsgefilden
noch nach den Segen dieser Welt.
Hungrig, esse ich.
Müde, schlafe ich.
Narren verlachen mich,
doch Weise verstehen:
Das heißt nicht, dumm zu sein,
sondern was wir von Natur aus sind.

Wenn du gehen musst, geh,
wenn du bleiben musst, bleib.
Über den Schultern eine zerschlissene Robe,
unten die nackten Füße.
Gerede und noch mehr Gerede
führt stets zu Fehlern.
Wenn du andere retten willst,
arbeite erst mal an deiner eigenen Rettung.

Such nicht voreilig nach dem wahren Buddha,
denn den kann man nicht finden.
Muss man die wunderbare Buddha-Natur
etwa mäßigen oder verfeinern?
Herzgeist ist unbeschwerter Geist,
dieses Gesicht – das Gesicht bei der Geburt.
Selbst wenn man den Karma-Felsen rollt,
verändert es sich nicht.

Unbeschwert meint genau das:
Kein Grund mehr, Worte zu studieren.
Ist die Wurzel des täuschenden Selbst verschwunden,
ergibt sich alles nach seiner Art von selbst.

Statt sich von diesem und jenem aufreiben zu lassen,
mach einfach im Wald ein gleichmütiges Nickerchen.
Hebe deinen Kopf, schon steht da die Sonne am Himmel.
Schnorre was zu essen, und runter damit!

Willst du tolle Ergebnisse erzielen,
wirst du nur in tiefere Ignoranz verfallen.
Versuchst du es zu greifen, ist es unfassbar.
Lass gehen, und da ist es!

Ich habe nur ein Wort.
Mit diesem sind alle Ideen und Beziehungen vergangen.
Schlaue Erklärungen reichen da nicht ran,
nur der Herzgeist erfasst es.

Dieses eine Wort,
unmittelbar und direkt zum Ausdruck gebracht,
ist kleiner als klein,
ursprünglich ohne Ort und Ziel,
von Anfang an vollständig
und nicht etwa mühsam zusammengeflickt.

Wer sich in weltlichen Sorgen verliert,
ist weit von der Stille der Berge entfernt,
wo Kiefern das Sonnenlicht abfangen
und grüne Flüsse immer weiter fließen.
Unter Glyzinienranken leg ich mich nieder,
bette mein Haupt auf einem weichen Stein.
Die Wolken der Berge sind mein Vorhang,
der Nachtmond mein Kleiderhaken.
Für den Kaiser steh ich nicht auf,
warum sollte ich ihn beneiden?
Nicht einmal Geburt-und-Tod interessieren mich,
was könnte ich da noch betrauern?

Der Mond im Wasser hat keine feste Form.
Ich bin genau so.
Jedes Ding ist genau das, was es ist.
Ursprünglich ungeboren
sitze ich heiter und sorglos.

Der Frühling kommt, das Gras wird von selbst grün.




video by Paul Leeming (Visceral Psyche)
edited by Mark Johansson

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Das Karma und die Liebe

"Es gibt Fälle, da die Ereignisse einander entsprechen; wie will man da behaupten, dass es keine geistigen Kräfte gebe? Es gibt Fälle, da die Ereignisse einander nicht entsprechen; wie will man da behaupten, dass es geistige Kräfte gebe?" 

 (Zhuangzi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland)

Dies soll, passend zur Weihnachtszeit, ein Beitrag über die Liebe werden ... und warum Karma als Wort für etwas "auf mystische Weise Verbindendes, dessen Ursachen unklar bleiben", seine Berechtigung im Leben von Menschen haben mag - bis wir eine gute Erklärung oder ein besseres Wort dafür finden. 
   Landläufigen Vorstellungen zum Gruppenkarma, zu verdientem Unglück durch Naturkatastrophen etc. hat Bhante Dhammika schon in seinem Blog (auf Englisch) die widerlegenden Stellen aus dem Palikanon entgegengehalten. Ich selbst möchte mich Spekulationen über frühere Leben enthalten, da sie religionsphilosophisch für mich keinen Sinn machen. Über das im buddhistischen Dogma aufgrund der Ursache-Wirkung-Logik überbetonte Denken als Karma, also Folgen fürs eigene Schicksal im Sinne einer moralischen Wertung schaffend, habe ich mich hier oft kritisch ausgelassen: Zu viele unserer Gedanken bleiben tatsächlich folgenlos, während unsere Taten drastische Folgen zeitigen können, selbst wenn wir gar keine diesbezüglichen Absichten hegten. Dennoch gibt es einen Grund für mich, meine eigentlich als transzendent (also - noch - jenseits des Erklärbaren) empfundene spirituelle Erfahrung ("Einsicht in die Natur des Seins") im späten Jugendalter später in anderem, wenig plausiblem, "mystischem" Geschehen gespiegelt zu sehen. Ich ziehe als Beispiel ein Liebesereignis heran, das ich einst im Blog des Unbuddhisten andeutete. Er wies mich kürzlich darauf hin, dass ich dort "vollmundig" Beispiele für Transzendenz (ich denke, das meinte er) angekündigt hatte, und ich erinnere mich, dass ich dies mit einer eher akademischen Sicht aufs Karma garnieren wollte, die mir von hier aus nun schwerfällt, da ich das Material nicht bei mir habe. Es ist andererseits auch nicht wichtig, da man diese Vorkommnisse nennen kann, wie man will, und sie nicht nötig sind, um sich mit Teilen der buddhistischen Lehre anzufreunden oder auch Praxiselemente wie die Meditation zu üben. Sie können jedoch den Blick aufs Leben verändern. Wie sie ihn verändern, das ist eine Frage der Interpretation und Einordnung des Geschehens.
    Vor vielen Jahren ließ ich zu, dass mich Gefühle für eine Frau überkamen, die mir von Anfang an so bewusst waren wie die Unwahrscheinlichkeit einer gelebten Zweisamkeit mit dieser Frau. Es handelte sich im Grunde um eine klassische "amour fou". Mehrere Jahre lang hatten wir sporadisch Sex, ich dachte jeden Tag an sie, schrieb ihr desöfteren zur Erinnerung SMS oder rief kurz an. Dass sie mir falsche Hoffnungen machte, kann ich nicht behaupten. Ich liebte sie, und im Gegensatz zu unerfüllten Liebesgeschichten aus meiner Vergangenheit, in denen es keinen Sex gab, genoss ich die Tatsache, dass er in diesem Fall möglich war. Eines Tages, als sie andeutete, dass es so nicht mehr weiterging, sagte ich ihr unter Tränen, dass ich sie nicht mehr treffen würde. Die sexuelle Beziehung ließ sich nicht in eine echte Partnerschaft wandeln und genügte mir nicht mehr. Ich zog einen Schlussstrich. Bis hierhin ist die Geschichte, die ich natürlich etwas vereinfacht habe, leicht nachzuvollziehen. Was war über die Jahre Seltsames geschehen?
    Zunächst ist mir bekannt, was Statistiker und Experten auf diesem Gebiet zur Wahrscheinlichkeit menschlicher Begegnungen und dem Eintreten absurdester Konstellationen sagen: Irgendwo und irgendwann und irgendwem MUSS dies und das geschehen, selbst wenn es an sich unwahrscheinlich ist. Der Mathematiker David Hand hat dazu kürzlich ein aufschlussreiches Buch publiziert: The Improbability Principle ("Das Unwahrscheinlichkeits-Prinzip"). In meinem Fall allerdings häuften sich unsere "zufälligen" Begegnungen so, dass selbst dieses Prinzip keine sinnvolle Erklärung mehr darstellt. Es gab einen Zusammenhang der Tiefe und Intensität meiner Gefühle für und Gedanken an diese Frau und der Tatsache, dass sich ungeplant unsere Wege kreuzten. Dies hatte zur Folge, dass ich zunächst bei ihr gewisse Ängste bemerkte, ich könnte sie vielleicht verfolgen (auch wenn sie dies nicht aussprach), wobei ich nach einiger Zeit selbst diesen Gedanken hatte, nämlich dass sie es vielleicht auf diese Treffen angelegt hatte. Doch das machte ebenfalls keinen Sinn, da ich oft Orte aufsuchte, ohne jemandem davon zu erzählen.
    So geschah es also nicht nur, dass sie, als ich sie einmal vermisste, plötzlich an einer Ampel neben mir hielt; dass sie aus demselben Zug stieg, mit dem ich vom Mannheimer Filmfest nach Frankfurt fuhr, wo ich stets an sie gedacht hatte; dass sie mir im Auslandsurlaub in einem Kaufhaus übern Weg lief; oder bei einem Straßenfest vor einem Museum stand, als ich das dortige Klo aufsuchte (zuvor hatte ich sie wochenlang vermisst und vergeblich versucht zu erreichen). Die bezeichnendsten Erlebnisse geschahen einmal nach einem aufwühlenden Gespräch, das im Grunde eine Trennung bedeutet hätte. Schlaflos geblieben, lief ich am folgenden Tag zu einer Postfiliale, die ich sonst nie aufsuchte, nur um mich zu bewegen und nicht zuhause zu sein. Prompt traf ich sie an einer Haltestelle an, in einem Viertel, wo ich eigentlich nichts verloren hatte.
   An einem anderen Tag sah ich mir Nalin Pans Film "Valley of Flowers" an. Darin geht es um eine quasi unsterbliche Liebesgeschichte, die dazu führt, dass sich die Liebenden über etliche Reinkarnationen stets neu begegnen. In einer anderen Verfassung hätte ich den Kitsch darin entdeckt, nun aber rannen mir fast den ganzen Film über die Tränen übers Gesicht. Innerlich aufgewühlt ging ich danach zur Bahnhaltestelle, und siehe da, eine Tante meiner Geliebten sah mich und versuchte diese am Telefon, für mich hörbar, zu überzeugen, mit mir zu reden. Wieder geschah dies unmittelbar nach einem an Intensität von Liebesgefühlen und -gedanken nicht zu übertreffendem Ereignis. Ich könnte noch mehr Beispiele ähnlicher Art nennen.
   Nun wird man von Wissenschaftlern wie David Hand, Psychologen und den eigenen Freunden hören, dass man eine Person, an die man dauernd denkt, natürlich auch eher registriert und weniger leicht in der Öffentlichkeit übersieht. Ich habe mich damit abgefunden, dass diese Menschen nur von relativ isolierbaren Geschehnissen ausgehen, jedoch nie eine solche Häufung am eigenen Leib erfahren haben. Den meisten Verliebten genügen schon wenige "Zufälle", um an "Schicksal" zu glauben.
   Als es zur eigentlichen Trennung kam, habe ich nun praktiziert, was ich als Zenbuddhist gelernt habe und was schlicht "Karma abschneiden" heißt. Meine buddhistische Deutung des Geschehens sah so aus, dass mich mit der Frau ein starker Faden verband. Das Durchtrennen dieses Fadens, das Abschneiden dieses Karmas, musste folglich diese Art der Begegnungen gegen Null herunterschrauben, wenn ich damit sozusagen den Gegenbeweis antreten wollte, dass diese Treffen nicht zufällig, sondern steuerbar seien. Dazu musste ich das üben, was wir Loslassen nennen, also die emotional-gedankliche Bindung an diese Frau, auf die ich mich bewusst und mit allen Freuden und Leiden eingelassen hatte, aufgeben.
    Ich will nicht behaupten, dass dies leicht war. Doch ich habe im Bekanntenkreis einen guten Vergleich, wie so etwas laufen kann, wenn man nicht über diese Fähigkeit zum Loslassen verfügt. Einer meiner Kumpel hatte sich in einer nicht unähnlichen Konstellation zum Stalker entwickelt. Unterdessen bemerkte das die Frau, er wiederum wusste, dass ihr das nicht gefiel, sah aber keine bessere Alternative für sich. Dieses klammernde Verhalten habe ich mehr als einmal in meinem Bekanntenkreis beobachtet, und es hat für mich nichts Anziehendes.
    Was aber soll nun meine Geschichte besagen? In Bezug auf das Eingangszitat des Taoisten Zhuangzi will ich zeigen, dass diese von mir als transzendente Erfahrung bezeichnete Liebesgeschichte zwei Seiten hat. Transzendenz im Sinne einer letztlich nicht weiter erklärbaren geistigen (weil durch Gedanken/Gefühle intensivierten und zu physischer Anziehung an diversen Orten führenden) Verbindung zweier Menschen hat nicht nur etwas Faszinierend-Beglückendes, sie enthält auch ein großes Leidenspotential. Transzendenz - und so sehe ich auch eine transzendente spirituelle Erfahrung als den Lebensweg und die Sicht aufs Leben entscheidend verändernd - kann deshalb nicht, wie auch in der buddhistischen Szene üblich, für das Glück eines Menschen stehen oder für andere "positiv" besetzte Kategorien. Was Transzendenz für mich heißt, ist die Existenz von Kräften, die ich mir zunutze machen, die ich anzapfen kann, die mir aber von sich aus wertfrei entgegentreten, die mir nichts versprechen, denen ich quasi egal bin, aber die mir nicht egal sein müssen, der ich das Auge habe, sie zu erkennen. Will ich mich ihnen entziehen, dann kann ich dies mithilfe der Techniken, die im Zen dazu führen, dass eine Gedankenkette (wie sie sich bei anhaftender Liebe ja regelmäßig aufbaut) abgebrochen wird. Der Abbruch der Gedanken führt zur Wirkungslosigkeit jener Kräfte. Je besser die diesbezüglichen Gedanken einfach vorüberziehen können, ohne dass man damit die üblichen Zweifel, Hoffnungen, Ängste verknüpft, desto geringer werden selbst die fulminantesten Kräfte des Schicksals, Zufalls oder Karmas, das Menschen aneinander bindet.
   David Hand hat keine Erklärung für die Häufung solcher Begegnungen, für die magnetische Anziehungskraft zweier Menschen, die sich nicht verabreden oder sogar bewusst aus dem Weg gehen wollen. Ich kenne niemand, der eine plausible Erklärung dafür hätte. Ich habe freilich erfahren, dass  Zen mir Rüstzeug mit auf den Weg gab, um mich a) auf das Erlebnis einzulassen (statt es zu meiden), b) damit fertig zu werden (statt daran zu zerbrechen oder etwa zum Stalker zu werden). Nicht zuletzt ist es darum für mich nach wie vor wichtig, offen für das zu sein, was im Buddhismus gegenseitige Bedingtheit heißt, was im Bild von "Indras Netz" und der mystischen Verbindung all unserer Leben verdeutlicht wird, und was in Gedanken sich so formen kann, dass es sichtbar äußere Wirkungen zeigt, ohne dass diese genau das bringen, was man sich wünscht, aber auch ohne dass sie Glück (Belohnung) oder Unglück (Bestrafung) nach sich zögen. Karma, so wie ich es hier erlebt habe, ist also, wenn man recht damit umzugehen weiß, wertneutral. Beim Karma und bei der gegenseitigen Bedingtheit handelt es sich nicht nur um einen - zumindest in wesentlichen Teilaspekten - vom Individuum aufhebbaren Einfluss, sondern um etwas von an sich leerer Substanz, das mit einer bestimmten Art zu denken steht und fällt. Es ist nicht entscheidend, dass man aufgrund eines bestimmten Gedankens Freud oder Leid erfährt. Sondern: Es handelt sich um eine Art schöpferisches Potential, eine zusätzliche Quelle, die man anzapfen mag, wenn man meint, sein Leben dadurch bereichern zu können. Dies geht in beide Richtungen - im Zulassen einer Verstricktheit wie in deren Auflösung.


Cosplayerin in Bangkok 2014

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Transzendenz
... und Eso-Bullshit aus der Thich Nhat Hanh Sekte


"Wer es wirklich hat, lebt wie ein gewöhnlicher Mensch." 

(Meister Yün-men)


Im Vorgriff auf einen persönlichen Beitrag, der nächste Woche folgt, möchte ich den Ausdruck "Transzendenz" einmal näher beleuchten. Im Allgemeinen gilt als transzendent ("übersteigend"), was außerhalb möglicher Erfahrung oder außerhalb üblicher Sinneswahrnehmung liegt. Das Transzendente richtet sich gewöhnlich zum "Göttlichen" oder etwas "jenseits einer Grenze" hin; sein Gegenstück, das Immanente, bezeichnet das im Endlichen Vorhandene, das "ohne Rückgriff auf Transzendentes Erklärbare". Der Soziologe Niklas Luhmann wies auf das Paradox hin, dass Transzendenz immer nur aus der Perspektive der Immanenz betrachtet werden könne; Transzendenz komme einem Bedürfnis der Sinngebung nach und sei als Kommunikation "immer dann religiös (...), wenn sie Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet". Dies werde ich nächste Woche bewusst tun, wenn auch nur andeutungsweise, denn ich betrachte den "transzendentalen Anschein" [meine Wortwahl] bestimmter Ideen als vorläufig, da sie im Lauf der Zeit in den Bereich der immanenten, rational überzeugenden Erklärungen geholt werden könnten. 
   Außerdem gibt es im Zen eine weitere Vorstellung des Transzendenten, die ich anhand eines Essays von Professor Eshin Nishimura, Zen-Priester und früherer Präsident der buddhistischen Hanazono-Universität in Kioto, erläutern möchte. Er trägt den Titel "Gewahrsein und Transzendenz im Zen" und erschien in: Ninshiki to choetsa 認識と超越, hg. v. Inagaki Fujimaro (Tokio 1981).

Metaphysische Spekulation gelte im Zen als mônen môzô (妄念妄想), täuschendes Denken. Wenn das diskursive Denken an ein Ende kommt und "Erwachen" geschehe, werde tatsächlich der Sinnesbereich erweitert. Es handele sich um einen fortlaufenden Prozess (!) des Erwachens (悟る satoru), nicht einen fixen (悟り satori). Während der eine gelebte persönliche Erfahrung beschreibe, würde der andere zu einer objektivierten "Wahrheit". Die Erfahrung der Zen-Transzendenz würde den Menschen in seiner gegenwärtigen Erfahrungswelt tief in die eigenen Sinne, also die physischen Aspekte des Selbst, verwurzeln, ohne dass er sich zuerst auf ideelle Konzepte verlassen müsse. Das Menschsein würde gewissermaßen transzendiert, nur um es dann in der eigenen konkreten Situation erst zu vervollkommnen. 
   Die Weisheit des Erwachens transzendiere Heiliges und Profanes, Nirwana und Samsara, und in der Übung der Versenkung würden phänomenale Erscheinungen und "Wahrheit" integriert. Erwachen finde damit nur in der Gegenwart statt, als Gewahrsein oder "wahres Verständnis der Soheit der Realität" (如実智見 nyojitsu chiken); Soheit sei äquivalent zu wahrer Leere (真空 shinku) zu verstehen. Die eigentliche Transzendenz kenne zwei Stufen: vom Glauben zur Authentifizierung, von der Spekulation zur gelebten Anwendung (Praxis). Man bewege sich darum nicht auf etwas Objekthaftes wie Leere hin, sondern erfahre subjektiv das Wirken dieser Leere.

Dies also möchte ich an Heilig Abend mit einer Ereigniskette illustrieren, bei der diese Leere in mir wirkte, Erwartungen und Ideen naturgemäß zuwiderlief, einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bestätigte und doch das Märchen von "gutem" wie "schlechtem" Karma abtat. Indem die Leere als Ist-Zustand angenommen wurde, der wertfrei Leben begründet, wurde ein fortlaufender Erkenntnisprozess vertieft, in dem sich ein befreiend wirkendes Reaktionsspektrum anbot. Hakuin beschrieb dies in Bezug auf Ma-tsus Lehre einmal als "Potential des Handelns". Anderswo heißt dies wohl: immanente Transzendenz.




(Foto: Keller/Werbung für Brust-OPs in Pattaya. 
Vorher oder nachher - welche sind nun schöner?)

***
Und da es ganz gut zu diesem Beitrag passt, weil es den Unterschied der von mir als hilfreich empfundenen Transzendenz zu dem, was Aberglauben ist, verdeutlicht, nun die Auflösung zu meinem Aufruf vom 12. November, eine Weile nur noch Fleisch zu essen.
    Nachdem die Plumvillage-Seite vermeldet hatte, dass Thich Nhat Hanh (TNH) mit einer Hirnblutung in ein Hospital Bordeaux' eingeliefert worden war, bat man von dort, einen Tag pro Woche auf Fleischgenuss zu verzichten und die so gewonnenen Energien gen Bordeaux zu lenken. Um diesem Bullshit, der noch einmal den absolut flachen Erkenntnisstand der TNH-Sekte belegt, zu konterkarieren, rief ich also zum Fleischgenuss auf. Denn was folgt daraus?
   a) TNH stirbt, dann müsste ein Abergläubiger denken, dass Fleischgenuss mehr wirksame Energie erzeugt als Vegetarismus.
  b) TNH wird wieder einigermaßen hergestellt, dann könnte man dennoch behaupten, es habe an den Energien infolge des Fleischgenusses gelegen (zumal dieser Aufruf ja erst nach dem offenbar bis dahin nutzlosen zum fleischfreien Tag erfolgte). 
    Wie auch immer, aus dieser billigen Nummer lasse ich sie nicht mehr raus. 
   Und wo bleibt da das Mitgefühl? DAS ist Ausdruck des Mitgefühls. Zen heißt Illusionen nehmen. Möge noch der letzte Verblendete aus dem Plumvillage-Umfeld endlich aufwachen! 
   Zu der alten Strategie der Sekte gehört natürlich auch, irgendwelche wundersamen Fähigkeiten dem Meister zu unterstellen. So behaupteten TNHs Ärzte angeblich, sie würden "einem Wunder beiwohnen", was seinen Zustand angeht (mir jedoch berichtete ein Arzt, alle von Plumvillage geschilderten Vorgänge seien völlig "gewöhnlich"). Diesen Wundergläubigen sei gesagt, dass es tatsächlich der heilige Autor des Herzsutras sein könnte, der TNH gerade in die Dämmerung verbannt, weil der Nicht-Zen-Meister kürzlich meinte, dieser Autor sei unfähig gewesen, sich klar genug auszudrücken, und daraufhin seine eigene Version des Herzsutras veröffentlichte. Nennt man so etwas bei Euch etwa nicht Karma? 
   Unterdessen erdreistete sich TNHs Frau Chan Khong, diesen vor dem Vatikan nicht nur als "Zen-Meister" zu bezeichnen (womit jeder Verdacht ausgeräumt ist, diese Bezeichnung würde nur von außen an ihn herangetragen), sondern auch eine nichtssagende Ansprache zum Menschenhandel zu halten, die schnell in das übliche Gesülze abdriftete ("joy", "healing", "nourishment", "happiness"). Davor vergaß sie aber nicht den üblichen Fehler, auf die Bemerkung hin, Kontemplation müsse von Handeln begleitet werden, dieses Handeln mit religiöser Praxis gleichzusetzen. 

Eine Bemerkung legte am Ende noch nahe, weshalb eine Gemeinschaft wie Plumvillage so wichtig sei (und ihre Strategien, Menschen Geld und Eigeninitiative abzusaugen). TNH sprach durch Chan Khong davon, dass man die Arbeit des Mitempfindens und Verständnisses nicht als "lone warrior", als einsamer Krieger, verrichten solle. Seit Gründung meines Verlages habe ich hingegen darauf Wert gelegt, die Botschaft der Samurai und der alten Zen-Haudegen zu verbreiten, dass du selbst es bist, der den Unterschied macht, und dass diese Überzeugung wesentlich ist. 

Heute hat das Freudenmädchen, von dem ich hier schon berichtete und dessen kleinen Hausstand ich noch beherberge, beschlossen, sich aus ihrer Sexarbeit zunächst zurückzuziehen und ihr inzwischen drittes Kind bei ihrer Mutter auf dem Land groß werden zu lassen und nicht zur Adoption in die USA wegzugeben. Von dort aus betreibt eine von vier in Thailand dafür zugelassenen Organisationen ein weltweites Geschäft mit milliardenschweren Umsätzen. Diese Organisation behauptet tatsächlich, dass amerikanischen Paaren für ein zu adoptierendes Kind zwölftausend Dollar allein wegen der anfallenden Kosten in Thailand abzuknöpfen seien (das Doppelte kommt mit allen anderen Kosten in den USA zusammen, ohne Flüge u. ä.). Doch ratet mal, wer die letzten zwei Monate das Babi Mild bezahlte ...

Auch so erledigt sich Menschenhandel.