Mittwoch, 21. September 2016

Zitate aus der TV-Serie Kung Fu (II)

   Meister Po: Sei du selbst und fürchte dich nicht, in den Augen anderer nackt dazustehen. Wisse aber, dass andere sich oft so verkleiden, dass sie Einfaches nicht verstehen können. Der Staub der Wahrheit wirbelt umher und sucht sich seine eigenen Ritzen zum Eindringen. Ein Baum, der im Wald fällt, macht kein Geräusch, wenn man keine Ohren hat zu hören. Und doch fällt er.

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   Meister Khan: Wenn ein Zimmermann beim Hausbau einen Nagel einschlägt und er sich verbiegt, verliert der Zimmermann dann das Vertrauen in alle Nägel und hört auf, Häuser zu bauen?

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   Meister Po: Zur Vollkommenheit muss ein Mensch Mitempfinden und Weisheit gleichermaßen entwickeln.

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    Meister Khan: Ignoriere die beleidigende Zunge. Ducke dich vor dem provozierenden Schlag. Renne vor dem Angriff der Starken weg. Das Wildschwein rennt vor dem Tiger davon, da es weiß, dass jedes Wesen, das von der Natur mit tödlicher Stärke versehen wurde, das andere töten könnte. So rettet es durch Wegrennen sein eigenes Leben und das des Tigers. Das ist keine Feigheit. Es ist die Liebe zum Leben.

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   Meister Khan: Wir haben dich unterrichtet, junger Mann, weil du bereits wusstest.

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    Meister Khan: Schau dir die Welt an, in der du lebst, und diesen Fischteich. Da sind zwölf Fische, zwölf Welten.
   Der junge Caine: Aber nur ein Teich.
   Meister Khan: Viele. Der eine, den du siehst, der, den ich sehe, und die Welt jedes einzelnen Fisches. Sieh dich selbst nicht als Zentrum des Universums.

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   Meister Po: Wo ist das Böse: In der Ratte, deren Natur es ist, Reis zu stehlen? Oder in der Katze, deren Natur es ist, die Ratte zu töten?
   Caine: Die Ratte stiehlt. Aber für sie ist die Katze das Böse.
   Meister Po: Und für die Katze ist es die Ratte.
   Caine: Meister, einer von beiden muss doch böse sein.
   Meister Po: Die Ratte stiehlt nicht, die Katze tötet nicht. Regen fällt, der Fluss fließt, ein Berg verweilt. Alles handelt nach seiner Natur.
   Caine: Dann gibt es also nichts Böses für Menschen? Kann jeder sich sagen, was er tue, sei gut, zumindest für ihn selbst?
   Meister Po: Ein Mensch kann sich viel einreden, aber besteht sein Universum denn nur aus ihm selbst?

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   Meister Khan: Wer überzeugend von Frieden sprechen will, darf sich nicht bewaffnen. Wer überzeugend von Frieden sprechen will, darf aber auch nicht schwach sein. Darum machen wir jeden Finger zum Dolch, jeden Arm zum Speer und jede offene Hand zur Axt oder zum Schwert.

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   Meister Po: Grashüpfer, als ich ein Junge war, bin ich einmal in ein tiefes Loch gefallen, habe mir etwas gebrochen und konnte nicht mehr heraus. Ich hätte dort sterben können, aber ein Fremder kam vorbei und rettete mich. Er sagte, es sei seine Pflicht: Für die Hilfe, die er einmal erfahren hatte, müsse er im Gegenzug zehn anderen helfen, die wiederum zehn anderen helfen würden, so dass die guten Taten sich wie die Wellen verbreiten würden, die ein Stein macht, den man in einen Teich wirft. Ich war einer von seinen zehn, und du bist nun einer von meinen geworden. Ich gebe diese Verpflichtung an dich weiter.

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   Caine: Meister Po, ich habe eine schöne Frau kennengelernt, aber wie weiß ich, ob es wahre Liebe ist?
   Meister Po: Selbst wenn du verliebt bist, kann nichts deinen Weg ändern, denn der steht schon geschrieben. Ist es wahre Liebe, wird sie unbezwingbar sein wie der Wind, der durch die Berge zieht, oder die Sonne, die auf die Pflanzen scheint. Wenn es wahre Liebe ist, werden die Menschen sie schon von Weitem erkennen, und sie wird unantastbar sein. Wahre Liebe ist wie die Natur, niemand kann sie leugnen.


                                               [Tsai Ming Liangs "No No Sleep" aus der Walker-Serie]

Mittwoch, 14. September 2016

Zitate aus der TV-Serie Kung Fu (I)

Das wollte ich schon lange mal machen: Die besten Zitate aus der alten TV-Serie "Kung Fu" zusammenstellen, mit den Meistern Khan und Po aus dem Shaolin-Kloster, in dem der junge "Grashüpfer" (Caine) das Zen, den Taoismus und das Kung Fu kennenlernte. Als ich klein war, spielte ich das mit zwei Schulkameraden in den Schulhofpausen nach, ich war der Grashüpfer, die anderen meine Lehrer. Ich frage mich, was aus den beiden geworden ist ... Da ich die DVDs nicht zur Hand hatte, musste ich die Originalzitate von Websites selbst übersetzen.

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   Caine: Meister, unsere Körper haben viele Bedürfnisse: Hunger, Durst, Liebe. Sollen wir versuchen, sie zu befriedigen?
   Meister Khan: Nimm sie einfach zur Kenntnis, und Befriedigung wird folgen. Eine Wahrheit zu unterdrücken bedeutet, ihr unerträgliche Macht zu verleihen.

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   Meister Khan: Alles Leben ist heilig. So wird auch die Vereinigung von Mann und Frau geachtet. Ohne sie gibt es kein Leben, aber aus solch einer Vereinigung kann Leben entstehen.
   Der kleine Caine: Muss man Leben also immer verteidigen?
   Meister Khan: Der Dorn verteidigt die Rose. Er verletzt nur den, der die Blüte der Pflanze stehlen will.

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   Meister Khan: Begegne Üblem mit Stärke - aber bestärke das Gute im Menschen durch Vertrauen. So sind wir auf das Üble vorbereitet, ermutigen aber das Gute. 
   Der kleine Caine: Ist das Gute unser Lohn fürs Vertrauen?
   Meister Khan: Wenn wir nach einem Ideal streben, suchen wir nicht nach Belohnung. Doch Vertrauen bringt manchmal eine große Belohnung ein, die sogar das Gute übertrifft.
   Der kleine Caine: Was übertrifft denn das Gute?
   Meister Khan: Die Liebe.

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   Meister Po: Vollkommene Weisheit ist ungeplant. Vollkommenes Leben ist keine Garantie für einen friedlichen Tod. Lerne zuerst zu leben. Lerne zweitens, nicht zu töten. Lerne drittens, mit dem Tod zu leben. Lerne viertens zu sterben ... 
   Um Liebe zu verstehen, sei wie der Gebirgsbach, der, obwohl taub, seine Melodie für andere singt. Spür den Schmerz von zu viel Zärtlichkeit. Wache morgens mit beflügeltem Herzen auf und danke für einen weiteren Tag der Liebe.

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   Meister Po: Der nichtunterscheidende Geist ist wie die Wurzel eines Baumes - er nimmt alles in sich auf, was er berührt, sogar das Gift, das ihn töten könnte.

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   Meister Khan: Vielleicht ist die richtige Schlussfolgerung, nicht so einfach zu Schlussfolgerungen zu kommen.

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   Meister Khan: Was hat dir Angst gemacht?
   Der junge Caine: (aus der Meditation kommend) Ich habe die Stille gehört, Meister.
   Meister Khan: Du hast Einssein erlebt. (Er befragt ihn nach der Seidenraupe.)
   Der junge Caine: Die Seidenraupe stirbt, die Motte lebt, und doch sind sie nicht zwei verschiedene Wesen, sondern ein und dasselbe.
   Meister Khan: Mit dem Menschen ist es genauso. Seine falschen Ansichten müssen sterben, damit er die Freude des Weges kennenlernen kann. Was du in der Stille gespürt hast, ist real. Etwas in dir stirbt. Man nennt es: Unwissenheit.

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   Caine: Der Körper ist der Pfeil, der Geist der Bogen. Du musst lernen, die Stärke des Geistes zu nutzen.

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   Meister Po: Wer kann sich selbst gut genug kennen, um für alle zu sprechen? Wer ist so tief in sich verwurzelt, dass er alle hören kann? Der Weise sagt: 'Forme Lehm zu einem Gefäß, baue Türen und Fenster in ein Zimmer ein: Es ist doch die Leere, die die Dinge nützlich macht.' Wir sollten also auf die Leere zwischen uns hören.

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   Meister Khan: Alle Lebewesen sind eins mit der Natur. Kein Leben ist unbedeutend. Wenn wir bereit zum Lernen sind, können alle uns ihre Tugenden beibringen. Vom Kranich lernen wir Grazie und Selbstbeherrschung. Die Schlange lehrt uns Geschmeidigkeit und rhythmische Ausdauer. Die Gottesanbeterin lehrt uns Schnelligkeit und Geduld. Vom Tiger lernen wir Zähigkeit und Kraft. Und vom Drachen, auf dem Wind zu reiten. Leben erhält Leben, alle Lebewesen brauchen Nahrung. Doch durch Weisheit lernt der Körper, sich auf Wegen zu erhalten, die allen zu leben erlauben.

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   Meister Khan: Meide, statt zu kontrollieren. Kontrolliere, statt zu verletzen. Verletze, statt zu verstümmeln. Verstümmle, statt zu töten. Denn alles Leben ist wertvoll, keines kann ersetzt werden. 

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   Caine: Ich suche nicht nach Antworten, ich versuche, die Fragen zu verstehen. 

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   [Die folgenden Zitate stammen wohl vom Caine aus der neueren Serie "Kung Fu - The Legend Continues", der ich ansonsten nicht viel abgewinnen konnte.]

   Der mutige Kämpfer meidet Gewalt. Der talentierte Soldat meidet Wut. Der große Krieger kämpft nicht wegen Nichtigkeiten.

   Wenn ein Auge aufs Ziel gerichtet ist, hast du nur eines, um nach dem Weg zu suchen.

    Ich kann hinter die Augen sehen. Und das ist manchmal eine bedauerliche Gabe.

   Wenn jemand etwas Übles sieht und nichts dagegen tut, wie kann er sich da noch als Mensch bezeichnen? 

   Wahre Einsicht kann nicht durch spezielles Wissen, durch Sieg oder Niederlage oder durch Dogmen erlangt werden. Sie geschieht nur durch das Erleuchten des eigenen inneren Selbst. Mit anderen Worten: Es ist egal, wer gewinnt und wer verliert.


        
         [Endtitel von Dohee-ya (A Girl at my Door) von July Jung; Music performed by Han Hee Jeong]

Mittwoch, 7. September 2016

Brad Warner-Bullshit: Wiedergeburt

果報を求めたり間違うた理屈を言うている者は皆外道である。ヤレ死んでも 未来 ないとか、ヤレあるとか、卑しくも独断の混じった学理を唱える者はみな外道である
"Wer nach Belohnung sucht oder von irregeleiteten Theorien spricht, ist ein gedo (Nicht-Buddhist). Besteht er darauf, auch nur auf geringste Weise theoretische Lehren mit persönlichem Dogmatismus zu vermischen, zum Beispiel mit der Behauptung, dass es nach dem Tod zukünftiges Leben gäbe oder nicht gäbe (!), ist er ein Nicht-Buddhist." 

Das ist von Kôdô Sawaki und stammt aus seinen Kommentaren zum Shôdôka. Ich habe die Stelle im Buch anders übersetzt, hier ist sie etwas wörtlicher, wie sie mir Okumura Shohaku freundlicherweise vorlegte. In meiner englischen Vorlage war die Stelle "oder nicht" in Klammern, und ich wollte sicher gehen, dass sie von Sawaki stammt. Interessanterweise hat Okumura nämlich diese Ansicht übernommen, es gäbe hinsichtlich eines Lebens nach dem Tode weder eine bejahende noch verneinende Antwort. Und nun fand ich diese Ansicht auch bei Brad Warner. Also gehen wir's an, und schauen wir, warum Brad falsch liegt, wenn er behauptet, sowohl der Buddha als auch Dôgen hätten nicht an Wiedergeburt geglaubt.

Die Ansicht, dass der Buddha das Thema "Leben nach dem Tod" mit Schweigen beantwortete oder für unpassend hielt, wird immer wieder in Foren oder Blogs vertreten. Tatsächlich ist der Palikanon hier - wie so oft - widersprüchlich, in der Gesamtheit der Aussagen muss man diese Ansicht m. E. jedoch verwerfen. Zwar meint der Buddha, die Wirkungen des Karma genau auszutüfteln würde einen verrückt machen (ummada, A. II, 80, alle folgenden Referenzen beziehen sich auf die Ausgabe der Pali Text Society, mein Dank geht an Bhante Dhammika). Andererseits bestätigt er, dass Erwachte kurz vor ihrem Erwachen Kenntnis ihrer früherer Leben erlangen könnten (pubbe nivasanussati, D.I,81). Buddha erklärt auch, dass gandhabba, der Zustand eines Bewusstseins zwischen Leben und Tod, die Voraussetzung für die Empfängnis sei (M.I,265). Dies geschähe für die meisten Menschen unbewusst (asampajana), für einige spirituell Hochentwickelte bewusst (D.III,103). Jedenfalls trenne sich das Bewusstsein beim Tod vom Körper (acetana, M.I,296), bis es ins befruchtete Ei eindringe (D.III,103; S.V,370), wo es einen Ruheort (patiññthà) fände (D.II,63).

Es gibt nach dem Buddha einen Zustand, "wo man gestorben (den Körper abgelegt hat), aber noch nicht wiedergeboren ist" (S.IV,400), außer für den, der Nirwana erlangt hat (S.IV,73): Für einen Erwachten existiert demnach "kein hier, kein dort, kein dazwischen". Mit anderen Worten, für den Erwachten gibt es auch kein Leben nach dem Tod, und wer erwacht ist, kann ganz im Sinne Buddhas die Frage nach einem Leben nach dem Tode verneinen. Genauer könnte er sagen, dass es für den Erwachten keines gäbe, sondern nur für den Unerwachten, und für diesen wie oben die Zwischenstadien beschreiben und die Möglichkeit, selbst im "Zwischenzustand" noch Erleuchtung erlangen zu können (antaraparinibbayi, S.V,69). 

Um das Problem zu umgehen, dass bei einer Lehre des Nicht-Selbst nichts wiedergeboren werden kann, wurde häufig das Billardspiel als Analogie herangezogen. Eine Kugel stößt an eine weitere, und während die erste zum Liegen kommt, setzt sich ihre Energie in der zweiten fort. Es muss dabei jedoch eingeräumt werden, dass dies in etwa den Vorstellungen entspricht, die sich selbst völlig Ungläubige noch vom "Weiterleben" eines Menschen im Diesseits machen, indem sie nämlich feststellen, dass die Gedanken und Werke einer Person über seinen Tod hinaus Wirkungen entfalten können. Im Grunde taugt eine solche vereinfachte Vorstellung jedenfalls nicht mehr dazu, irgendwelche Folgen schlechten Handelns "selbst" bei einer Wiedergeburt (punabbhava, D.II,15) erleben zu müssen. Das gerade kann ja nach der Nicht-Selbst-Lehre nicht sein. Was also da "von Schoß zu Schoß" (Sn.278) geht, aber besser nicht mehr weiterwirken sollte, ist einer recht schizophrenen Sicht aufs Leben geschuldet. Zum einen soll das Menschenleben nämlich ein großes Glück sein, da es die Möglichkeit bietet, Buddhas Lehre kennen zu lernen und zu erwachen, zum anderen ist dieses Leben offenbar so scheiße, dass man alles dransetzen soll, kein neues auszulösen oder irgendwie daran beteiligt zu sein. (Das Bodhisattva-Ideal, nach dem man sein Nirwana hintanstellen soll, bis alle Menschen "gerettet" sind, lasse ich hier mal außen vor, weil es die Dinge noch mehr kompliziert - wenn jemand dies wörtlich nähme, könnte er ja gar nicht anders, als an irgendeine zumindest billardmäßige Wiedergeburt zu glauben). Im siebten Buch des Khuddaka Nikaya, dem Petavatthu, geht diese Sache noch weiter: Unmoralisches Treiben lässt Menschen als Geister wiederkehren. Es ist kein Wunder, dass auch Dôgen darauf hereinfiel, und dass sich sogar Kôdô Sawaki einer Unentschiedenheit zur Frage des Lebens nach dem Tode anschloss ...

Der dritte Abschnitt karmischer Vergeltung ist der nach zwei aufeinander folgenden Leben. Er mag drei, vier oder sogar hunderttausend Jahre auftauchen, nachdem das Karma eingeleitet wurde. Bodhisattvas empfangen Vergeltung [für ihre Übung] in ihrem dritten Leben. (...)

Der Ehrwürdige Shishibodai und der Patriarch Eka waren ohne Zweifel die Opfer von Morden durch die Hände böser Menschen. Weil sie aber weder in ihrem endgültigen Körper waren noch davon abgehalten wurden, die Periode des Chû-in zu betreten [durch eine der fünf falschen Handlungen], gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie in ihrem nächsten Leben keine karmische Vergeltung empfingen. (...)
  
Chôsa fuhr mit den folgenden Versen fort:

„In Wirklichkeit existiert keine zeitbedingte Existenz,
es existiert keine zeitbedingte Nicht-Existenz,
Erleuchtung und karmische Vergeltung haben nur eine wahre Natur.“

Chôsa war einer von Nansen Fugans[1] langjährigen und herausragenden Schülern. Obwohl sein Verständnis vieler Aspekte des Dharma fraglos fehlerfrei war, zeigte seine Erklärung Kogetsu gegenüber, dass er den Sinn bösen Karmas nicht verstanden hatte.

Das sind Ausschnitte aus Dôgens Shôbôgenzô-Kapitel "Sanjigô" (Karmische Vergeltung in drei Zeitabschnitten). Sie deuten an, worin das Widerstreben vieler Sôtô-Anhänger gegen klare Aussagen zum Nachtodlichen seine Ursache haben könnte. Es wäre besser, man würde Dôgens mangelndes Verständnis in diesem Kapitel hinterfragen. Oder seiner Wiedergeburt, wo auch immer sie sei, erklären, inwiefern Chôsa den Geist des alten Chan begriff, der Dôgen hier offenbar entschlüpfte ;-)

                             



   [1] Nan-ch’uan P’u-yuan (748–835).

Mittwoch, 31. August 2016

Kôdô Sawaki: Zen ist für nix gut

Der Mönch fragte Gako Oshô: „Warum macht Ihr Zazen?“, und Gako erwiderte: „Du weißt bloß, dass es kein Zen in der Welt der Begierde gibt. Du weißt nicht, dass es im Zen keine Welt der Begierde gibt.“

Kôdô Sawakis Kommentare zum Shôdôka von Yôka Daishi sind nun unter dem Titel ZEN IST FÜR NIX GUT erhältlich. Das Buch hat 368 Seiten, kostet 19,90 € und dürfte inhaltlich wieder den ein oder anderen überraschen. Hier ein paar weitere Auszüge:

Ich begriff, dass das, was ich von der Astronomie verstanden hatte, wie man es Kindern erklärt, eine Täuschung war, eine willkürliche Vereinfachung, ein Konstrukt aus Konzepten und in der Summe Ketzerei. Sie hatten versucht, dem Grenzenlosen Grenzen zu geben. Es ist Ketzerei, nicht zu akzeptieren, dass das Grenzenlose unvergleichbar ist, ob es nun unendlich groß oder unendlich klein ist.

In unserer Tradition hat man von Anfang an gesagt: „Es gibt kein ewiges Verletzen der Gebote“, was bedeutet, dass es keine Gebote gibt, die wir je verletzen könnten. Wenn man sagte, wir sollten kein Leben töten, wurde das als rigide betrachtet, denn selbst ein Insekt zu töten wäre dann ein Verbrechen. Als die Zeit kam, saure Milch unter dem Mikroskop zu betrachten, entdeckte man mit Schrecken, dass die Flüssigkeit vor Bazillen wimmelte, und rief aus: „O, ich habe Lebewesen getrunken! Sie sind in meinem Magen gelandet. Ich habe eine Sünde begangen und werde die Strafe empfangen. Namu Amida Butsu …“ Man weigerte sich fortan, Milchprodukte zu sich zu nehmen, selbst wenn es einem guttat. Vom Standpunkt des Lebens ist unser gesamtes Universum ein lebender Organismus. Alles ist Leben. Selbst die Sonne und der Mond leben. Du und ich sterben in jedem Augenblick. Wer den Tod versteht, erwacht zum Ungeborenen.
   Wer zum Ungeborenen erwacht, hat nicht das Gefühl, geboren worden, und folglich auch nicht das Gefühl, am Leben zu sein. Wenn das Leben weder einen Anfangs- noch einen Endpunkt hat, wird es unmöglich, selbst wenn jemand es wollte, dem großen Leben des Universums Schaden zuzufügen.
   Die Gebote müssen aus unserer Tiefe hervorbrechen, denn dort lebt das Geheimnis Buddhas.
   … Wenn der Geist während des Zazen völlig in sich gesammelt ist, entdeckt er das Geheimnis … Buddhas, und dass darin das Verletzen oder Nicht-Verletzen der Gebote keine Bedeutung hat. 

Mittwoch, 24. August 2016

Wie ich eine Frau anrief, um mit ihr Sex zu haben,
und man mir sagte, sie sei tot

Thailand ist nach Studien nicht nur das asiatische Land, in dem am frühesten mit dem Sex begonnen wird, sondern auch das ehebrecherischste weltweit. Weit mehr als die Hälfte der Verheirateten gaben an, schon mindestens ein Mal fremd gegangen zu sein. Was letztere These angeht, so bekommt man eine Ahnung davon, wenn man weiß, wie viele der käuflich verfügbaren Frauen einen festen (meist einheimischen) Partner haben. Was die erste These angeht, so hat sie kürzlich eine Frau unterstrichen, die zur Abwechslung von ihrem Bar-Alltag nachts mal am Strand stand, mit mir aufs Zimmer ging und beim üblichen Smalltalk sagte, sie sei 22 und habe zwei Kinder im Alter von 9 und 3 Jahren. Sie hatte also spätestens mit 13 ihren ersten Sex und brachte in diesem Alter ihr erstes Kind zur Welt! Als ich das so laut vor mich hinformulierte, lachte sie und sagte, sie wolle das nicht vertiefen. Ich bereitete mich darauf vor, dass sie vielleicht keinen Spaß beim Sex haben würde, aber das Gegenteil war der Fall. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass ich eine solche Geschichte höre und erlebe, aber immer wieder besser, als davon nur auf Papier (oder meinem E-Reader) zu lesen.

Vor einigen Wochen rief ich Wan an, sie tauchte in diesem Blog auf einem handgeschriebenen Zettel schon einmal auf, wo ich meine Hauptgespielinnen aus ein, zwei Jahren aufgelistet hatte. Wenn ich zurückdenke an die Zeit seit 2008, als ich sie kennenlernte, ist sie wohl diejenige Frau, mit der ich am zweithäufigsten Sex in meinem Leben hätte, und das hätte sie noch getoppt, wenn ich sie nicht ein paar Jahre aus den Augen verloren hätte. Ich liebte insbesondere ihr langes schwarzes Haar, ihr süßes Gesicht, ihre Stimme, ihren zarten Körper. Ein paar Mal hatte ich versucht, sie auf kleinere Reisen mitzunehmen, an denen sie erst Interesse bekundete, dann aber stets absagte. So blieb es bei sexuellen Begegnungen und der obligatorischen Pizza zu ihrem Geburtstag. Einmal hatte sie ihren langjährigen Partner verlassen und war in einer anderen Wohnung untergekommen. Immer wieder mal sagte sie mir, dass sie sich trennen wolle. 
   Mitte Juni rief ich sie an, um einen Termin auszumachen. Ihr Freund war dran, und ich meinte zu verstehen: "Wan bai leo" (Wan ist schon fort.) Das konnte einiges bedeuten, da es aber schmerzvoll klang, vermutete ich, dass sie nicht zum Einkaufen fort war, sondern ihn - zumindest vorübergehend - verlassen hatte. Erst eine Woche später, als er wieder am Telefon war, verstand ich, was er mir wohl schon davor hatte sagen wollen: "Wan dai leo." Wan ist gestorben. 
   Ich war vor den Kopf gestoßen. Er sagte, er sei im Tempel, ob ich kommen wolle, sie sei dort im Sarg aufgebahrt und würde am folgenden Tag verbrannt. Ich bin sofort hin, mit meinem letzten schwarzen T-Shirt am Leib. Vor dem aufgebahrtem, verschlossenem Sarg stand ein Schwarzweißfoto, das sie so zeigte, wie ich sie gesehen hatte, mit einem Engelsgesicht. Sie starb nach einem einwöchigem Krankenhausaufenthalt infolge eines Darmverschlusses. Da ich offen mit ihrem Freund umging, der - wie sich herausstellte - seit seiner Kindheit mit ihr zusammen war, wurden wir in kurzer Zeit selbst schon fast Freunde, was seiner toleranten und entgegenkommenden Art zu verdanken ist. Natürlich gingen auf Wans Handy noch andere Anrufe ein, er wusste aber nur von mir und wenigen anderen Stammkunden, einen bat ich dann auf Englisch, auch zu kommen. Er fuhr in seinem Auto und in besseren Klamotten auf den Tempelhof, aber am nächsten Tag ließ er sich nicht mehr blicken, als die Einäscherung stattfand. Die ganze Zeit über hatte er so getan, Wan aus einem Restaurant gekannt zu haben. Als er weg war, sagte mir ihr Freund, er wisse doch genau, dass seine Beziehung zu ihr so wie meine abgelaufen war.
   Da stand ich, nun in meinem einzigen guten weißen Hemd (in Asien geht auch Weiß als Trauerfarbe durch), das ich für alle offiziellen Anlässe im Schrank hatte, sah, wie kurz bevor das Feuer per Knopfdruck in Gang gesetzt wurde, kleine Päckchen, in denen sich Klimpergeld befand, herabgeworfen und von herbeigeeilten Kindern aufgesammelt wurden, und all die anderen Dinge, die zum Ritual gehörten und weniger überraschend waren. 
   Vor der Einäscherung war der Sarg geöffnet worden. Sie lag dort mit offenem Mund, es sah nicht schön aus, die Haare wirkten kürzer geschnitten, alles etwas lieblos gemacht. Zu allem Überfluss musste aus irgendeinem Grund die Vorderseite des Sarges, die zuerst in den Ofen ging und an der ihr Kopf lag, abgerissen werden, und weil das nicht gelang, schlug jemand kurzerhand ein paar Mal mit der Axt zu. Meine Güte, was für Sitten! Im Ofen scheint sogar eine Kamera zu sein, mit der man das Ganze noch verfolgen kann. Nun gut, ich hatte sowas noch nie gesehen. 
   Statt einer Geldspende beschloss ich, eine Wandnische, die für die Asche der Toten in der Tempelmauer zur Verfügung steht, zu "kaufen", und mit der dazugehörigen Namenstafel (inklusive Foto) versiegeln zu lassen. Wans Freund, der ihre Asche ansonsten im Meer verstreut hätte, war von der Idee angetan, aber ihn hätte das ein Monatsgehalt gekostet (6000 Baht für die Nische, angeblich unbegrenzt, 2000 für die Platte, also zusammen rund 200 Euro). Die Platte war nach einer Woche nicht fertig, wie vom Abt Tamu versprochen, also wurde ich dort erneut vorstellig, begab mich artig in den Weibersitz mit untergeschlagenen Beinen, machte meinen Wai (die typische Verbeugung mit zusammengelegten Handflächen) und sprach ihn ohne Umschweife und die üblichen Floskeln mit "Tamu" an, woraufhin er mir sagte, er habe es vergessen. In der Woche drauf, als die Tafel fertig war, hatte Wans Schwester die Asche an sich genommen, und der Einbau der Gedenktafel in die Nische verzögerte sich erneut. Denn ohne (hinter der Gedenktafel unsichtbare) Asche kommt eine solche Andachtsnische den Thais sinnlos vor.
   Wans Gedenkstein macht für mich jedoch in jedem Fall Sinn. Sie hatte vor etwa 13-16 Jahren zwei Töchter zur Welt gebracht, die offenbar bei ihrem leiblichen Vater leben. Keiner von den dreien kam zur Einäscherung. Ich könnte mir vorstellen, dass sie das irgendwann bereuen, und dann gibt es wenigstens einen Platz, wo sie ihrer sinnvoll gedenken können.
   Nach der Einäscherung nahm mich Wans Freund auf seinem alten Motorrad mit in seine Siedlung. Sie hatten zu dritt in einem Zimmer für 1.700 Baht (knapp 45 Euro) Kaltmiete gelebt, gegenüber waren die Wohnungen der kambodschanischen Wanderarbeiter, nochmal 10 Euro günstiger. Er selbst arbeitet als Bademeister in einem Hotel. Ein Transsexueller, den ich am Tag zuvor noch für eine scharfe junge Frau gehalten hatte, zog den obligatorischen weißen Faden quer vor die Häusserreihen, auch ein paar Kambodschaner reihten sich ein, um sich ihren Faden ums Handgelenk machen zu lassen (für meinen musste die Mutter von Wans Freund ran, weil nur sie älter war als ich). Man brachte Barbecue-Spieße vom Straßenstand bei, die nur die Hälfte von dem kosteten, was sie auf der anderen Seite Pattayas, wo sich die Touristen tummeln, dafür verlangen. Mir war nicht klar, wie arm Wan gewesen war. Sie hat sich nie beklagt, offenbar auch in ihrer letzten Lebenswoche im Krankenhaus nicht, wo man es noch mit einem künstlichen Darmausgang versucht hatte.
   Wie es der Zufall so will, hatte ich eine Weile später eine Namensvetterin von Wan zu Besuch, die ich noch nicht lange kenne. Und als ich ihr die Geschichte brühwarm erzähle, sagt sie mir, dass sie im selben Tempel ein paar Tage vor Wans Totenfeier ihren Bruder eingeäschert hatte (ohne diese brutale Axtprozedur). Er war ebenfalls noch recht jung gestorben (Wan war erst 33), aber sehr langsam und elend an Krebs, der aus seinem Hals wucherte. Sie hatte ihn am Ende mit ihrer Schwester zu Hause gepflegt, sie fanden ihn in einer Blutlache. Ich fragte sie nach seiner Nische. Er hatte keine. Das machte mich etwas wütend. Denn diese Wan hatte mir erzählt, dass sie regelmäßig 70.000 Baht monatlich (mehr als ich zum Leben brauche) von zwei Verehrern aus dem Ausland  überwiesen bekäme. Für sie wäre also eine solche Andachtsnische auf gerade mal knapp ein Zehntel ihres momentanen (arbeitsfreien) Monatsgehaltes bekommen. Einen Grund konnte sie mir nicht nennen, aber ich meinte zu ihr, wäre das ein paar Tage später passiert, hätte ich seine Asche mit in die andere Nische getan und den Gedenkstein erweitert. Das ist natürlich Quatsch, die beiden Toten hatten ja gar nichts miteinander zu tun. Ich kann aber gar nicht sagen, wie mich all dieses widersprüchliche Getue anwidert, wo einerseits vor Geisterhäuschen geopfert wird (gerade hatte mir eine andere Frau Bilder von ihrer Geisteraustreibung in ihrem Heimatdorf geschickt, sie trug dabei ein weißes Stirnband und weiße Kleidung, "because I live with a ghost ..."), andererseits aber keine 10 % eines Monatseinkommens zum Gedenken an den eigenen Bruder ausgegeben werden können. Wenn man zynisch ist, könnte man sagen: Kein Wunder, dass die Geister (der Toten) dann mal jemanden heimsuchen wollen ...   



[Ich habe mir lange überlegt, ein Foto des Gedenksteins hier einzustellen. Schließlich kam es mir zu indiskret vor. Ich könnte auch etliche Facebook-Seiten von jungen Frauen verlinken, die sich hier zumindest durch Prostitution etwas dazuverdienen, wenn nicht ausschließlich davon leben. Doch auf diesen Seiten sind in der Mehrheit der Fälle keine Kunden präsent, sondern ihre thailändischen Lebenspartner oder Freunde und Freundinnen. Ihre Facebook-Seiten wollen einen gewissen Eindruck von "Normalität" vermitteln und können keine Bekenntnisse leisten, wie es zuweilen dieser Blog tut. Es gibt Ausnahmen. So fand ich vor einigen Monaten den überraschenden Hinweis eines Franzosen bei einer 19-Jährigen, die mir am Strand noch weiß machen wollte, sie sei nicht käuflich (bis sie kürzlich in meinem Hotel mit einem Ausländer für eine Nacht einlief). Dieser Hinweis lautete: "Meine angebliche Facebook-Freundin xx hat sich neulich in der Disco yy mein Smartphone geliehen und nicht mehr zurückgegeben. Ich lasse ihr 48 Stunden Zeit, dies zu tun, ehe ich zur Polizei gehe." Das war ein Hauch ungeschönter Realität, der dort mehrere Tage lang - wohlgemerkt auf ihrer eigenen Seite - zu lesen war. Nirgendwo wird deutlicher als hier, welches Wunschbild die Menschen gern von sich auf Facebook zeichnen, und wie leicht dieses zerstört werden kann. Ich würde dennoch zu gerne auf die ein oder andere Frau verlinken, wegen ihres Humors und der grotesken und witzigen Filmchen, die sie versammelt ...]