Dienstag, 19. Juli 2016

Die Selbstschutzrhetorik von Brad Warner
und dem Zenmonki (103 kg)

Auf der Antaiji-Webseite habe ich mir in den letzten Jahren ab und zu einen Clip vom Zenmonki angesehen, der offensichtlich mal dort Zazen gemacht hat, als Spezialist für Akupunktur und Familientherapie in Australien praktiziert (und von seinem Arbeitgeber seltsamerweise unter seinem Mönchsnamen Dr. Seikan Čech vorgestellt wird), mit einem Zendôjô in Melbourne verbunden ist und seit einiger Zeit wohl intensiv die Welt bereist und an unterschiedlichen Orten Zazen macht. Eine kleine Spitze gegen diese Art Showsitzen, die er gern auch an ästhetisch ansprechenden Orten betreibt und filmisch ganz gut aufbereitet, hab ich mir im Blog schon einmal erlaubt. Nun stieß ich auf sein Youtube-Konto, schaute mir fünf weitere Clips an, die interessant zu sein schienen, und habe dann bei vier davon kritische Kommentare hinterlassen. Zenmonkis Reaktion darauf macht vielleicht klar, was schief laufen kann, wenn man es mit dem Zazen übertreibt. Der Antaiji-Tourist "bel", der sich auch "Shoko Nosen" oder "Reiner Bilsing" nennt, schrieb im Forum Buddhaland am 14. Juli Folgendes zum Zenmonki (und sprach dabei m. E. auch über sich selbst): "Es war ganz sicher seine Intention, wie toll er Zazen sitzen kann, und ein anderer nicht und was das "bringt"." 
   In einem der Clips trinkt Zenmonki Urin und empfiehlt dies anderen. Meine Geschichte, wie ich durch öffentliches Trinken von Urin (aus einem Bierglas, dessen alkoholischen Inhalt ich zuvor getrunken hatte) einen Freund von seinem Fetisch des Anpissenlassens heilen wollte, könnt ihr im Kommentar lesen. Daneben habe ich auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse verwiesen. Schon stärker brachte mich sein Gehampel im nächsten Clip auf, wo er gerade eine Zahnarztpraxis besucht und sich ohne Betäubung eine Füllung hatte machen lassen. Ohne dass wir Genaueres zum Schaden seines Zahnes zu hören bekamen, überschrieb er das Ganze mit "Schmerz muss nicht wehtun", weder chronischer noch akuter. Ich will hier vorausschicken, dass ich mit Akupunktur Erfahrungen machte und die Ergebnisse deutscher Krankenkassen unterstütze, dass es in den meisten Fällen egal ist, wo man hinsticht, es also bestenfalls um Placebo-Effekte geht (oder eben nur um seltene Einzelfälle, die z. B. bei Migräne profitieren, oder dem, was sie dafür halten). Deshalb funktionierte die Akupunktur bei mir auch nicht. 
   Bezeichnend sind hier Zenmonkis Antworten. Obwohl der Clip wie eine kleine Prahlerei wirkt (Seht her, ich kann das Bohren ohne Spritze aushalten!) wirft er mir gleich vor, ich wolle wohl in einen Wettstreit treten. Was er mir dann rät - meine Meinung als "personal model" zu erkennen -, hätte er mal lieber selbst besser herausgearbeitet. Das Problem ist nämlich, dass er in Robe diese Sachen von sich gibt und damit einen anderen Autoritätsanspruch vorgibt oder beansprucht als ich. Das halte ich für hinterhältig. Es ist einer der Gründe, warum ich der Robe so skeptisch gegenüber stehe. Den Zuschauern fällt es womöglich schwerer zu erkennen, was der Zenmonki ihm da eigentlich auftischt.
   Dann schlug es dem Fass den Boden aus, als Zenmonki sich zu Lob und Tadel von Barack Obama bemüßigt fühlte, aber auch zum Sprechen mit den eigenen Krebszellen riet. Ich konnte es nicht fassen, dass all seine Jahre in Zazen und ein gewisser Einfluss, der von einem eher bodenständigen Kodo Sawaki zumindest indirekt hätte ausgehen können, ihn nicht nur zu seiner Zurschaustellung des Zazen brachte, sondern auch noch zu esoterischen Anleihen wie bei dem von ihm erwähnten Lipton. Zenmonkis Antwort: Ob ich eine Referenzfigur bräuchte (nein, aber einer in Robe schon, sonst sollte er sie ausziehen, denn die Robe gibt's nur über Referenz), ob ich in einem Raum ohne Zentrum existieren könne (fragt er mich, wo er so ein Gedöns um sein Sitzen macht). Wenn es um medizinische Erkenntnisse geht, habe ich jedenfalls eine Allergie gegen Zen-Heilschwafler, die in anderen Bereichen amüsant sein mögen.

Eine ähnliche Rhetorik benutzte zuletzt auch wieder Brad Warner, aber einen eigenen Beitrag erspare ich mir diesmal. Hier könnte man ihn selbst zitieren: "Indem man eine Handlung jeden Tag wiederholt, verändert man sich auf subtile Weise." Deshalb hat Brad wohl zuletzt auch die Kommentarfunktion lahmgelegt. 
   In Beiträgen zur Frage, ob Zazen einen moralisch vervollkommnen könne und wie jeder eine Meinung zum Tod des Gorillas Harambe hätte, verfällt er nämlich in den gleichen Zen-Duktus wie der Zenmonki. Gebote würden dann erfüllt, wenn man Zazen macht (also nicht durch aktives Tun, weshalb ihm zu Harambe auch nicht viel einfällt), man würde durch Zazen zu einer Person, die die Gebote nicht brechen könne. Und vor allem meint er: "Es sind deine Gebote." Womit er sich grundlegend täuscht, denn man muss nicht alles annehmen, was andere toll finden. Aus diesem Grund macht es auch Sinn, diejenigen, die solche Gebote zu ihren machten, daraufhin anzuschauen. Mit dem Hinweis, dass es doch "ihre" Gebote (die der anderen) seien ("they only ever apply to you, never to other people") will sich Brad genauso vor Kritik schützen wie der Zenmonki, wenn der die eigenen verengten Blickwinkel auf andere ausdehnt ("eng" ist für ihn offenbar, wenn man nicht seinen Urin trinkt oder mit seinen Krebszellen zu reden bereit ist, während für mich eine Verengung des Denkens eintritt, sobald man nicht mehr mit klarem Kopf medizinische Präferenzen abwägen kann). Eine bestimmte Zenrhetorik dient hier Brad und Seikan dazu, sich nicht mehr dem eigenen Tun kritisch stellen zu müssen. Deshalb sollte man nochmal über die Frage nachdenken, die Brad stellt: "Was wäre denn aus all diesen Spinnern wohl geworden, wenn sie kein Zazen gemacht hätten?" 

  

Sonntag, 17. Juli 2016

Wie Erdogan sich selbst putschte ...
oder: Verschwörungstheorien

"Gott segne dich! Die eigene Schuld beim Nachbarn suchen. Diese Lehre beherrscht Europa. Heute aber habe ich erfahren müssen, dass sie auch unter Moslems und Türken ihre Anhänger hat." *

Wer in Thailand lebt, versteht ganz gut, wie ein richtiger Militärputsch abzulaufen hat, und sieht, wenn etwas daran "unstimmig" ist.

Wer mit strategischen Kriegsratgebern vertraut ist, kennt auch den Trick, einen Coup gegen sich selbst zu inszenieren, um dann nach Wunsch den Staatsapparat zu säubern. Erdogan hat - so der momentane Stand - gerade den Austausch von knapp dreitausend (!) Richtern und Staatsanwälten in seinem Land angekündigt und etwa ebenso viele Soldaten festnehmen lassen. Mit den Worten eines Macho hat er bereits angedeutet, dass diese ganz übel bestraft würden. In seiner relativ schlechten Show, bei der auf ihn angeblich erst ein Angriff gestartet wurde, als der Coup längst auf allen Nachrichtenkanälen lief (und er sein Hotel verlassen hatte) und der Schuldige gleich ausgemacht war (ein Prediger in den USA, dessen Auslieferung er bei der Gelegenheit verlangte, der aber seine Beteiligung sofort dementierte), wurde ich allerdings einen Gedanken nicht los, den ich einmal zu Michael Schumacher geäußert hatte: Dieser Mann wirkt auf mich todgeweiht. Ich sehe natürlich keine Ski-Abfahrtsläufe vor mir, wenn ich so etwas sage. Aber eben eine Todessehnsucht.

Verschwörungstheorie? Na klar. Und hier z.B. wird sie diskutiert.

Einen Tag zuvor hatte ich das Glück, als offenbar einer der ersten ein Video zu sehen, das zu diesem Zeitpunkt erst 82 Zugriffe hatte und die Festnahme eines Mannes an der Rückseite genau des Truckes zeigt, der durch die Menschenmenge in Nizza gepflügt war. Was danach geschah, könnt Ihr in den Kommentaren zum unteren Video nachlesen (das ich allerdings von jemand anderem eingestellt gesehen hatte und in dieser Form nun nicht mehr finde). Nachrichtenagenturen und Zeitungen rissen sich geradezu um die Veröffentlichungsgenehmigung. Die "Daily Mail" fragte, wer denn dieser mysteriöse Mann sei.

Interessant ist, wie lange die einschlägigen Terrororganisationen sich nicht zu dem Attentäter bekannten, bis ihnen dämmerte, dass sie die Sache des schon einmal als Straßenrowdy Aufgefallenen besser für sich reklamieren sollten. Denn was wäre, wenn einer aus eigenem Antrieb mehr Schaden anrichtete, einen höheren "body count" erzeugte als der gewöhnliche IS-Terrorist oder russische Kampfjet, der Syrien bombadiert? Hmm. Das würde wohl selbst die islamistischen Spinner beunruhigen, denn es könnte ja gut sein, dass nun einfach jeder daherkommen und mit seinem Auto in eine Menschenmenge fahren kann, die aus IS-Getreuen besteht. 

Verschwörungstheorie? Na klar. Und hier wird sie diskutiert.

"Versöhnung? Auch dies ist nur ein leeres Wort der Weltklugen. Auf Erden gibt es keine Versöhnung. Wir leben hier im Zerfall und in der Selbstbehauptung." *

(* Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh)



Die letzten drei Tage waren wirklich seltsam. Denn nach Nizza und Istanbul wurde mir die nächste Verschwörungstheorie vermeldet, an der die Welt jedoch kein Interesse haben dürfte (ich spukte mal wieder in einem Forum herum, ohne wirklich da zu sein ...). Ich kann sonst nicht viel dazu sagen, da mein staatlich kontrollierter Provider seit Monaten offenbar den Zugang zu "Buddhaland" gesperrt hat (Verschwörungstheorie? Na klar. Hier in Thailand wird gerade im Buddhismus aufgeräumt, eine bessere Erklärung habe ich nicht.) Erinnert euch einfach daran, dass ich diese Paranoia der Forumsmoderatoren, einiger beleidigter Userinnen und eines geistig und moralisch beschränkten "Affen" vorausgesagt habe. Ich werde dank eines Screenshots ein Zitat aus der betreffenden Diskussion beim nächsten regulären Update verwenden können.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Die arme Chan Khong,
der reiche Thich Nhat Hanh
und die Glücksuchenden in Plum Village

Arrghh! Was tue ich nicht alles, um weiter die Poser im Mönchsgewand zu entlarven. Kürzlich sah ich mir eine vierteilige Doku auf Youtube an, die ich unten verlinkt habe. Darin werden Thich Nhat Hanh, seine Lebensgefährtin Chan Khong und Plum Village abgefeiert. Hier ein paar der üblichen Phrasen, nach denen ich erst mal wieder mein Otowaxol auspackte und kräftig die Lauscher durchspülte.

Anhänger Phap Lin, ehemaliger Mathe-Student an einer renommierten Uni, will nun musizierend "allen Menschen in der Welt helfen". Anhänger Phap Dung, [ehemals?] prominenter Architekt (ja, Klüngeln gehört zum Handwerk) gibt sich ganz dem "Unternehmen des Glücks" (enterprise of hapiness), das von Thich Nhat Hanh (Thay) gegründet wurde, hin. Dieses Unternehmen befähigt angeblich Menschen, "anderen zu helfen, das Glück zu suchen". 

Wie der Herr, so's Gescherr. "Wenn dieser Körper nicht mehr da ist, setze ich meine Arbeit durch sie fort", droht uns Thay mit Hinblick auf seine Getreuen. In einer Gesellschaft von Asketen (merke, der Buddha selbst hat die Askese als den falschen Weg verworfen und einen "mittleren" Weg gepredigt), werde Konsum nur angestrebt, "um das Leiden zu vergessen, um das Leiden nicht zu konfrontieren". Hmm, ein bisschen mehr Vergnügen in Plum Village, und es gäbe vielleicht nicht mehr so viel zu konfrontieren, wie Dichnarrthan glaubt. 

Da TNH nach seinem Schlaganfall filmisch nicht mehr so viel her macht, wird Mistress, pardon, Sister Chan Khong zum eigentlichen Star dieser Doku. Sie hat sich einfach mal ein paar Sachen vom Autogenen Training abgeschaut, und "nach all den Jahren bei Thay drei Dinge erlangt: "ein guter Buddhist sein praktizieren, die Praxis genießen ..." und ... und ... Waren wohl doch nur zwei Sachen (ab Min. 12:45 in Teil 4).

Gegen Ende sorgte diese unfreiwillige Komik für Entschädigung. Ab Min. 17 kann man, wenn man sich ein paar Tipps von Jack Nasher geholt oder online bei Paul Ekman geübt hat (keine Bange, mit Letzterem hab ich auch noch ein Hühnchen zu rupfen), Cao Ngoc Phuong (so ihr bürgerlicher Name) beim Schwindeln ertappen, wenn sie sagt: "Ich lebe ein armes, demütiges Leben. Ich habe kein Geld. Ich habe keins ,,,", dabei aber den Kopf schüttelt, was auf das Gegenteil hindeutet, wie wir gelernt haben. Ein paar Phrasen zum "Hier und Jetzt" wiederholt die Alte dann auch noch, obwohl sie's ebenso mit dem Später hat und offensichtlich an Wiedergeburt glaubt. In Plum Village ist schließlich alles möglich, da werden sogar "Vikare, Priester, Muslime" vorstellig, und "alle transformiert", auch psychisch Kranke. Fragt sich nur, zu was.

Irgendwie tut sie mir leid (nein, das ist gelogen). Denn wenn man bei Thich Nhat Hanhs Verlag Parallax Press auf seine Lehre verweist und eine kostenlose Lizenz für eines seiner Bücher haben will, bekommt man nicht mal eine Antwort. Ich würde mir an Sisters Stelle noch mal genau anschauen, wer all die Buchverträge unterschrieben hat und wo die weltweiten Einnahmen hingingen.

Die Filmemacher zeigten jedenfalls ihren Sinn für Ironie, indem sie beim Einblenden chinesischer Schriftzeichen diese einfach in Rauch aufgehen lassen.

Dienstag, 5. Juli 2016

Ole Nydahl über ertrinkende Flüchtlinge ...
und der Preis für Monolog, Inkontingenz und Unruhe

Im unten stehenden Video hört und sieht man ab etwa Minute 19:40 folgenden Dialog:

"Frage: Was sagen Sie ihren Schülern zu den Terroranschlägen wie jüngst in Brüssel?

Ole Nydahl: Ja ich denke das ist ... ja das ist im Koran drin. Das ist alles drin, also das, was man tun soll und ... das alles, also man kriegt einen Befehl von ganz oben, von irgendeinem Allah oder so was einem und dann hört ... dann verstärkt man sich da drin, nicht ... Ungläubige zu töten und alles was da ist und dann am Ende, ja was haben wir dann ... dann haben wir na, dann haben wir Brüssel, nicht? Und Paris und alles ... Großes Problem das wir uns da angehalst haben, nicht? Leute hätten einfach nur das Koran sehen, lesen müssen und verstehen müssen, dass das wirklich für uns, als für Alle gilt  ... gegeben wurde. Und dann hätte man vielleicht nicht so viele über die Grenze geholt, nicht? Oder aus dem Wasser geholt sogar (lacht)." 

Ich fragte mich, ob man dem Ollen wohl für eine solche Aussage seinen "UNESCO-Preis", wie vollmundig die Schlagzeile auf seiner Webseite nahelegt, wieder aberkennen könnte. Der "erstmals vergebene Preis für Dialog, Koexistenz und Frieden der UNESCO-Assoziation für interkulturellen Dialog", wie dann später präzisiert wird, der ihm und seiner verstorbenen Frau Hannah "für ihren Beitrag zur Förderung von Meinungsfreiheit, Mitgefühl, Frieden und Güte verliehen" wurde, ist jedoch gar "kein UNESCO-Preis. Er wurde von einem Verein verliehen, der der UNESCO-Kommission in Malaga nahe steht, aber eigenständig agiert." 

Fettsatz und Unterstreichung von mir, die Aussage stammt jedoch von der Pressestelle der deutschen UNESCO-Kommission. 

Dieser olle Aufschneider. Von mir gibt's dann für den folgenden Schwachsinn noch den "UNESCO-Preis für Monolog, Inkontingenz und Unruhe". Herzlichen Glückwunsch!

Mittwoch, 29. Juni 2016

Warum Buddhisten keine Vegetarier sein müssen

Ein Leser fragte mich neulich, warum ich - bei meiner Empathie für Menschenaffen - so spitz auf buddhistische Vegetarier reagiere. Ich nehme das zum Anlass, meine Position ausführlicher als vor ein paar Jahren darzustellen.
   Zunächst geht es mir nicht um gesundheitliche oder ökologische Aspekte, wie ich hier schon einmal schrieb. Auch ich senke meinen Cholesterinspiegel, wenn ich auf tierische Produkte verzichte, beanspruche weniger Anbaufläche und verursache weniger CO2-Ausstoß, sollten meine Nahrungsmittel überwiegend vegetarisch sein. Mir geht es allein um die unzureichende ethische Begründung von Buddhisten, und ich ergänze noch, die mangelnde Logik prominenter Philosophen wie Peter Singer. Ich will darstellen, warum gerade der Buddhismus sich eignet, die verzerrte Sicht aufs Leiden zu korrigieren.

1) Es gibt eine Regel, kein Leben zu nehmen. Im Ordenskodex für Mönche wird klar, dass menschliches Leben über tierischem steht. Ein weiterer Hinweis sind die Essensvorschriften für Mönche. Zehn Arten von Fleisch werden verboten, darunter Tiere, die kulturell bedingt in Süd(ost)asien schon lange einen besonderen Schutz genießen (wie Elefanten), oder solche, die man vermenschelt hat (wie Hunde). Diese Vorschriften zeigen, dass Vegetarismus für Buddhisten nicht angedacht ist, da Essensspenden von Rind, Schwein, Huhn oder Fisch (oder auch von Insekten) weiterhin verzehrt werden können. Für Laien gelten diese Einschränkungen sowieso nicht. 

Fazit 1: Die Regel zum Abstehen vom Töten wird im Palikanon nicht so ausgelegt, dass man die Nachfrage nach Fleisch verringert, indem man überhaupt keines mehr isst. Fleischgenuss wird als normal angesehen. Allerdings wird zwischen Tieren ein Unterschied gemacht, die üblicherweise fürs Essen Gezüchteten können weiterhin sogar von Mönchen vertilgt werden.

2) Oft wird auf Textstellen verwiesen, die den Metzger für sein schlechtes Karma bedauern. Wir neigen dazu, das auf unsere Zeit zu projizieren, aber früher schlachteten sehr viele Menschen ihr Vieh selbst. Im Grunde waren sie also alle Metzger, herausgehoben wird aber der Berufsstand, der besonders viel schlachtet oder mit Tieren handelt. 

Fazit 2: Schlachten in Maßen ist kein besonderes Thema im Buddhismus, was wohl auch daran liegt, dass die Mönche sonst der Gefahr mancher Mangelernährung ausgesetzt gewesen wären, wenn gar kein gespendetes Fleisch mehr in ihren Topf gewandert wäre.

3) Wie Peter Singer argumentieren viele Buddhisten mit der Verpflichtung, Leiden von Tieren zu vermeiden. Übersehen wird dabei, dass jedes Wesen nur einmal stirbt und das Leiden des Sterbens nicht vermeidbar ist. Allerdings kann man Unterschiede in der Dauer des Leidens - von der Erkenntnis, sterben zu müssen, bis zum Tod - feststellen. Im Buddhismus wird nicht schlüssig gezeigt, dass ein Tier die Ursachen des Leidens aufheben könne, denn dazu würde ja auch Einsicht in die vier Wahrheiten gehören, das Beseitigen von Unwissenheit und das Praktizieren des achtfachen Pfades. 

Fazit 3: Es ist Tieren bei der logischen Anwendung des buddhistischen Heilsweges nicht möglich, ihr Leiden aufzuheben.

Welche Leiden hebt aber nun der Mensch auf? Es ist weder das Sterben an sich, das er mit dem Tier teilt, noch sind es körperliche Schmerzen per se. Was er ändern kann, ist das "Leiden am Leiden", er kann sich mental z. B. so üben, dass er dem Tod - zumindest scheinbar - gelassen ins Auge sieht. Dies ist Tieren so auch nicht möglich, da sie adrenalingesteuerte Fluchtreaktionen zeigen, wenn sie Gefahr wittern. Das Äquivalent zum coolen Zenmeister, der ein Gedicht schreibt und sich dann sozusagen selbst für immer schlafen legt, wäre ein Tier, das keine Zeit hat, lange zu leiden und diese natürlichen Reaktionen zu zeigen, die im Übrigen auch ein Mensch zeigen würde. (Über die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, für das unabwendbare Sterben, das meist konkret nur einen sehr geringen Teil der Lebenszeit wirklich Kummer macht, ein jahrelanges Training auf sich zu nehmen, habe ich hier schon einmal gesprochen - ich glaube das nicht, lediglich eine Anwendung dieser Angstfreiheit während der Lebensspanne vor dem Sterben - wie z. B. von den Samurai gelehrt - macht Sinn). 

Peter Singer ist Anhänger des (Präferenz-)Utilitarismus, der eine Handlung als richtig ansieht, wenn sie ebenso viel oder mehr Glück für die Beteiligten bringt als etwaige Alternativen. Ja, Singer spricht wirklich von "Glück". Das ist im Grunde schon ein Fehler, denn das Glück von Menschen bemisst sich subjektiv, und wenn die meisten Menschen auf einer Glücksskala einen Absturz erleben, weil sie kein Fleisch mehr auf dem Tisch haben, hat Singer sich damit selbst ins Knie geschossen. Für die Tiere wiederum existiert wohl gar keine "Glücks"kategorie. Für Tiere existieren Hunger oder Nicht-Hunger, Krankheit oder Nicht-Krankheit als wesentliche Kriterien ihres Wohlbefindens. Der Tod ist keine Kategorie, der sie - wie uns Menschen - darauf brächte, sich mal jahrelang in die Berge zurückzuziehen, um sich darauf vorzubereiten. Wenn Tiere das vielleicht tun, dann um tatsächlich zu sterben. Mein Eindruck ist, dass Singer - im Gegensatz zu mir - nie länger auf einem Bauernhof und mit (Schlacht)Tieren gelebt hat. Er will Handlungen nach den "Folgen" (Konsequentialismus) beurteilen, nicht nach den Motiven (siehe auch den kürzlichen Beitrag zum "effektiven Altruismus" hier in diesem Blog). Moralisch richtig würde also, was die besten Konsequenzen für alle hat.

Wenn man Singer weiterdenkt, bedeutet dies, dass kaum noch Kühe und Schweine und Hühner zur Welt kämen, weil sie niemand nur zum Spaß versorgen wird. Singer stellt damit Nicht-Leben über das Leben, es ist moralisch richtiger, etwas nicht ins Leben zu lassen, wenn es später gegessen wird. Diese Idee ist für mich absurd und noch so eine Kopfgeburt, da die ganze Natur und auch das Tierleben auf dem Prinzip "Fressen und Gefressenwerden" beruht. Unsere Tierhaltung zwecks Nahrungsversorgung ist lediglich eine Fortsetzung dieses Prinzips, an dessen Ende wir als Menschen das Glück haben, selbst kaum von jemandem gefressen zu werden. 

Gehen wir mehr in die Tiefe. Singer meint, es ginge um Intressenabwägung, jedes Tier habe als elementarstes Interesse, Schmerz zu vermeiden. Hier stimme ich ihm zu, weswegen Tierhaltung entsprechend zu gestalten ist. Im Hinblick auf das Töten (oder: Sterben) bedeutet es lediglich, dass es möglichst schmerzfrei sein sollte. Wir Verbraucher müssten das mit höheren Preisen bezahlen. Sehr wahrscheinlich würde das den Fleischkonsum verringern. Im gleichen Sinn kann ich Singers Kritik an manchen Tierversuchen nachvollziehen.

Fazit 4: Leiden von Tieren ist nur im Hinblick auf Schmerzen und Angst zu verringern. Darum muss man aber nicht für Vegetarismus, sondern für eine andere Art der Tierhaltung plädieren, die vor allem mehr Auslauf und Platz für die Tiere berücksichtigt. 

Ich bin noch mit einer solchen Tierhaltung groß geworden. Singer rät deshalb dazu, kein Fleisch zu kaufen, wenn man nicht wüsste, von welchem Betrieb es käme, also keines aus irgendeiner Massentierhaltung. Ein riesiger Stall voller Kühe, die an Melkmaschinen angeschlossen sind, ist freilich noch kein Grund für Boykott, wenn man sich solche Betriebe mal selbst anschaut und nicht nur verfettete Hühner mit kaputten Beinen vor Augen hat. Massentierhaltung ist also auch vertretbar, wenn sie auf Schmerzvermeidung achtet, sie ist nicht an sich verwerflich. Ich glaube, da hat Singer eine eher romantische Vorstellung vom Landleben. Um die Massentierhaltung an sich zu verringern, ist es wohl am besten, man mindert die Überpopulation der Menschheit mit ihren Bedürfnissen. Ein weiterer Weg könnte der Verzehr von Insekten statt Säugetieren sein, da ihre Züchtung und Haltung offenbar klimafreundlicher ausfällt.