Mittwoch, 1. Juni 2016

Effektiver Altruismus und
Kôdô Sawaki über Spendenfreudigkeit

"Wenn wir das Universum nicht mit einem Blick erfassen, weinen und lachen wir. Ist unsere Sicht umfassend, dann gibt es weder Anziehung noch Ablehnung: Die Dinge sind, wie sie sind, das ist alles. Dies ist nur dies, das ist nur das. Und doch können wir nicht begreifen, dass Sozialarbeit, deren Zweck es ist, Gutes zu tun, den Begünstigten vielleicht nicht glücklich macht. Tatsächlich vergrößern wir die Demütigung eines Armen, indem wir ihm Geld geben, und lassen ihn unbefriedigter als zuvor zurück. Ich sage immer, dass man bei den Armen betteln gehen sollte. Der Bedürftige denkt sich dann: „Die können mich immer noch um etwas bitten“, und sogleich entdeckt er seine Würde als Mensch wieder. Darum bettelte Shâkyamuni unter den Elendsten der Elenden um Almosen. Wenn jemand gibt, dann ist er nicht arm. Der Beweis ist, dass ein Reicher es ablehnt, Almosen zu empfangen, da es sein wichtigstes Attribut verletzen würde, seinen finanziellen Status, ohne den er nicht mehr existieren kann. Er hasst es, als Geschenk seinen liebsten Besitz zu bekommen, nämlich Geld. Mit diesem Beispiel haben wir die Essenz des Universums erfasst. Ein solch heller Blick ist nicht erklärbar. Er bedeutet, das Auge zu haben."

Bei meinem ersten Kambodscha-Aufenthalt gab es eine Menge zu tun. Die Armut, die ich sah, war erschütternd. Ich beschloss, mich insbesondere um die Familie eines jungen Mädchens zu kümmern, das mich beeindruckt hatte, weil sie mir - eigentlich Schals und Flöten an Touristen verkaufend - auf meinen genervten Einwurf, ich bräuchte ein Auto, bei meiner Rückkehr aus einem alten Tempel ein Auto besorgt hatte und weinte, als ich ihr sagte, das sei ein Scherz gewesen. Ich war bei der Geburt ihrer jüngsten Schwester dabei (zusammen mit einem japanischen Filmteam) und machte ihren geschwächten zweijährigen Bruder, der nicht laufen konnte, zum ersten Patienten eines Kinderhospitals, mit all der Aufmerksamkeit, die das mit sich brachte. In den Folgejahren brachte ich bei meinen Besuchen natürlich Geschenke mit. Da meine finanzielle Situation - nach deutschen Verhältnissen - eher angespannt war, sagte ich der inzwischen erwachsen gewordenen Bekannten, das nächste Mal würde ich vielleicht mit leeren Händen kommen. Mir war nicht entgangen, dass ich mit meiner Spendenfreudigkeit auch Erwartungen und entsprechend sehnsüchtige Blicke erzeugt hatte. Da antwortete sie: "Das macht nichts. Wir werden dann dich unterstützen." Zwei Jahre später kam ich zum südostasiatischen Neujahr dort an, und ganz verschiedene Menschen aus dem Dorf versorgten mich jeden Tag mit mehr Klebreis und Banane (im Bambusrohr), als ich essen konnte. 

Im Lauf der Zeit habe ich mir folglich selbst Gedanken über das richtige Geben gemacht. Ein Patentrezept habe ich nicht, aber durch meine eigenen Recherchen zu Hilfsorganisationen, die insbesondere in Kambodscha tätig sind, gebe ich heute der ernüchterten Rat, gar nichts zu spenden, insbesondere nicht an solche, die vorgeben, Kinder zu schützen (was nicht nur für kleine, sondern auch für bekannte  und "geprüfte" NGOs wie Save the Children, Plan International, World Vision usf. gilt, einzig bei den SOS-Kinderdörfern bin ich optimistischer gestimmt). Vor allem religiös motivierte Helfer richten viel Schaden an, da sie die Einheimischen regelmäßig mit ihren beschränkten Vorstellungen belästigen. Selbst nicht dezidiert religiöse Vereine neigen aber zur Indoktrination, und in den Ungebildeten finden sie oft leichte Beute. Viel Geld kommt nicht an, und selbst die angeblich notwendigen Verwaltungskosten sind im Grunde immer zu hoch. 

Als ich in einem historischen Bericht zum Wiederaufbau Kambodschas nach der Zeit der Roten Khmer sogar das Eingeständnis eins OXFAM-Mitarbeiters las, man habe Reisspenden an Konsorten wie Hun Sen zugestimmt, weil sonst niemandem geholfen worden wäre (die Clique um Hun Sen hatte gefordert, über die Verteilung selbst zu bestimmen, sonst gäbe es gar keine; danach wurde ein Großteil dieser Spenden Kadern und Beamten, der üblichen Sippschaft eben, zugeleitet und nicht den Armen, die hungerten, und das half, die heutigen Machtverhältnisse im Land zu begründen), wurde mir der zynische Teil einer pragmatischen Hilfsbereitschaft klar. Das Motto ist hier offenbar: Besser es kommt was bei den Armen an, als gar nichts - auch wenn wir damit korrupte Diktatoren stützen. Solchen NGOs fehlt es in meinen Augen an Rückgrat und klaren Ansagen. Ich bringe darum auch keine Kleider und Bücher mehr in OXFAM-Shops, wie ich es früher machte. 

UNICEF kann ich nicht unterstützen, seit sie Journalisten in den Hochzeiten der Boulevard-Hysterie über Kinderprostitution Videokassetten zur Verfügung stellten, in denen  unkommentierte Filmausschnitte das Problem nahelegten, aber nicht beweisen konnten: So wurde etwa ein geschminktes philippinisches Mädchen auf einer Fähre gezeigt (vermutlich sogar ohne deren Einverständnis), damit der Journalist dann seine Texte darüber sprechen konnte. Suggestives Bildmaterial sollte hier die eigene Recherche ersetzen. Wie ich in diesem Blog schon schrieb, war bei Nachrecherchen zu Beiträgen quer durch die deutschen TV-Sender festzustellen, dass die dort angesprochenen Sachverhalte nicht stimmten und dass das Ausmaß des Problems übertrieben wurde, um die Bemühungen von Interessengruppen (auch bei der UNICEF) zur allgemeinen Anbebung des Begriffes "Kindheit" auf 18 Jahre zu unterstützen und Gelder für den Schutz von Kindern mit möglichst schockhaften Bildern (die von Werbeagenturen produziert wurden) und erfundenen statistischen Behauptungen zu ihrer Ausbeutung einzuwerben.

Auf die Schwächen einer utilitaristischen Denkweise habe ich schon einmal mit Hinblick auf die lückenhafte Logik des Tierschützers Peter Singer hingewiesen (das Thema Tierschutz und Vegetarismus will ich demnächst noch ausführlicher beleuchten). Kürzlich stellte die Frage "Wie kann meine Hilfe am meisten Menschen nutzen?" der junge Philosophie-Professor William McAskill in seinem Buch "Gutes Besser tun" (Ullstein 2016) über "Effektiven Altruismus". Man könnte McAskill als Fallstudie fürs "Helfersyndrom" lesen, geht es ihm doch um die Optimierung unseres Helfens im Sinne eines durchgeplanten Lebens inklusive Ausbildung und Beruf. Ich kann mich aber zunächst mit vielen seiner Vorschläge anfreunden. Da werden Hilfsorganisationen daraufhin abgeklopft, wie viele Menschen wie sehr von ihnen profitieren, und ein metrisches Äquivalent zur Bemessung namens QALY (1 QALY bedeutet ein zusätzliches, gesundes Lebensjahr) eingeführt, mit dessen Hilfe man z. B. feststellen kann, dass ein für einen besonders Armen gespendeter Dollar hundert Mal mehr nutzen kann als wenn man den Dollar einem Mitglied der Wohlstandsgesellschaften gäbe (was freilich dazu führen müsste, dass Bettlern auf deutschen Straßen das Geld zugunsten von Spenden an Arme in Drittweltländern entzogen würde ...). QALY macht auch deutlich, wie umgerechnet auf jedes Todesopfer 333.000 Dollar beim letzten großen japanischen Erdbeben eingeworben wurden, für Armut-relevante Themen jedoch nur 15.000 Dollar. Von daher leitet der Autor ab, dass bei Naturkatastrophen eher nicht gespendet werden solle, da sie - je nach medialer Aufmerksamkeit, versteht sich - unverhältnismäßig besser unterstützt würden als ebenso wichtige Anliegen.

Insgesamt geht es McAskill um Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität der Unterstützten. Dabei solle man moralisch, aber nicht emotional handeln. Hier sehe ich die ersten beiden Probleme. Zum einen ist jede Hilfe, die nicht zuerst die Überbevölkerung auf der Erde bekämpft, nicht die effektivste. Zuallerst müssten Maßnahmen zur Eindämmung dieser Überbevölkerung ergriffen werden, da man mit der Verteilung von Malarianetzen und Entwurmung (drei der von McAskill bevorzugten Hilfsorganisationen tun genau dies) immer auch an den Symptomen herumdoktort statt an den Ursachen: Gäbe es nicht so viele Menschen, gäbe es auch nicht so viele Arme. 

Zum anderen bedeuten uns nicht alle Menschen das Gleiche, und gerade wenn wir persönliche Beziehungen zu Armen aufbauen, können wir ihnen das Selbstwertgefühl (von dem auch Sawaki oben spricht) geben, das beim anonymen Helfen zu wenig bedacht wird. Ich habe beobachtet, wie mein Helfen Erwartungshaltungen weckt und zu Nichtstun führen kann. Besser ist, wenn der Bespendete auch einmal etwas tun kann, seine Gastfreundschaft zeigen, ein Mahl zubereiten, eine Leistung auf dem Gebiet erbringen, das er beherrscht. Da viele von uns in arme Länder reisen, besteht die Möglichkeit, dass wir von selbst auf die Dinge kommen, die auch McAskill vornehmlich unterstützt: Entwurmen, Malariaschutz, Ausgleich von Mangelernährung.

Abgesehen davon ist doch auffällig, wie McAskill, der selbst diverse Organisationen in seinem Sinne betreibt, dazu rät, das eigene Geld aus der Hand zu geben. Ich bin ganz anderer Ansicht. Man sollte alles dafür tun, dass man die Kontrolle darüber, wo die Spenden hingehen, selbst behält. Dass es McAskill und Co. um die Deutungshoheit in diesem Bereich geht, wird klar, wenn sie auf die Großspender hinweisen, die 10 bis 50 % oder sogar mehr ihres Einkommens weggeben (der Durchschnitt liegt ansonsten bei 2 %). Die meisten von uns würden nach diesem Modell nur relativ wenig ausrichten, wenn sie von ihren kargen Einkommen noch etwas entbehren. Ich selbst habe Armen Moskitonetze und Entwurmungsmittel in einem Land gekauft, wo die größte Dichte an Hilfsorganisationen herrscht(e), nämlich in Kambodscha. Mit anderen Worten, all diese Großspender und ihre Organisationen kommen offenbar nicht dorthin, wo ich hinkomme - und das waren keinesfalls abgelegene Orte. Deshalb ist leicht zu erahnen, wie wenig von ihrem Geld dort angelangt, wo es angelangen sollte. Zumal auch McAskill groteske Summen nennt, die man mit ein bisschen Recherche um ein Vielfaches unterbieten kann, etwa die Kosten für Handpumpen. 

Natürlich kann man als Einzelner auch viel falsch machen. Ich habe einmal die Pfützen vor der Hütte einer malariaerkrankten Familie beseitigen wollen, indem ich in ihrem Dorf Rohre für den Abfluss der Wasserlachen rund um den Brunnen verlegen ließ. Die Rohre führten leicht abhängig zu einem Bach, so die Idee. Als ich ein, zwei Jahre später wiederkam, waren die Rohre hinter der Hütte der Bekannten aufgeschichtet, also wieder ausgegraben worden. Das Gefälle hatte nicht genügt, ein Rückstau hatte sich gebildet und zu stinkenden Rückständen geführt. Hier hätte die Hilfe von Experten meinen Fehler wohl vermeiden helfen. 

McAskill macht viele intelligente Bemerkungen, er beschreibt die bekannte "moralische Lizenz", die dazu führt, dass Menschen, die etwas Gutes getan haben, oft in der Zukunft weniger Gutes tun und sich darauf ausruhen (ein Problem, das sich m. E. auch im Buddhismus beobachten lässt, wo diejenigen, die Gelübde ablegen und sich zum Guten verpflichten, damit schon meinen, den wesentlichen Teil getan zu haben). Manche Menschen würden eher gut aussehen und sich gut fühlen wollen, als wirkliches Interesse daran haben, Gutes zu tun. Der Autor räumt auch mit Vorurteilen auf. So würden nur 10 % des CO2-Abdruckes von Nahrungsmitteln durch den Transport zustandekommen, aber 80 % durch die Produktion, so dass ein von Weitem eingeführtes Nahrungsmittel weniger schädlich sein könne als ein lokal hergestelltes (hier schlägt der Autor Spenden an Cool Earth vor, die indirekt dazu beitragen, Regenwald zu erhalten). Außerdem kämen z.B. nur 11 % des Preisaufschlages für Fairtrade-Kaffee in den Herstellungsländern an. Auch diese Details machen das Buch empfehlenswert (zu einem weiteren seiner Hauptanliegen, dem Vegetarismus, später mehr, denn er lehnt in dieser Reihenfolge alles ab: Rindfleisch-Eier-Hühnerfleisch-Schwein-Fisch). Auch die so genannten "Sweatshops", Fabriken, in denen unter oft fragwürdigen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, verteidigt McAskill: Die Einheimischen wollten dort arbeiten, weil der Lohn besser sei als anderswo.

Das größte Problem ist für mich gar nicht, dass nicht genug Geld für die Verteilung etwa von Moskitonetzen und Entwurmungsmitteln in den Zielländern vorhanden wäre, sondern wie Entwicklungshilfe versickert und die oft korrupten Regime in den ärmeren Ländern dadurch gestützt werden, dass man ihnen die Fürsorge für ihr Volk abnimmt, anstatt zuerst diese Regierungen zu beseitigen. Das wäre, wenn man schon rational-moralisch argumentieren will, oberstes Gebot. Insofern scheitert Effektiver Altruismus an seinen eigenen moralischen Grenzen, die dafür offensichtlich keine Lösung bieten.

* Kôdô Sawaki: Das Lied des Erwachens. Kommentare zu Yôka Daishis Shôdôka. Ab 20. Juni im Handel.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Kôdô Sawaki über Samurai und das Shôdôka

Der Weg der Unabhängigkeit

Miyamoto Musashi ist der Autor des Dôkukôdô, eines Verhaltenskodex für Krieger. Der Titel wurde einem Vers im Shôdôka entlehnt: „Stets alleine gehend, alleine wandernd“. Die Krieger erhalten eine militärische Ausbildung, doch bushidô reicht weiter als das Waffentraining. Es handelt sich um einen Kodex, der auf der Loyalität zu Gleichgesinnten und zum Zen beruht. Wenn wir das so genannte „Zen der Samurai“ studieren, erkennen wir, dass ihr Verständnis des Buddha-Weges erstaunlich akkurat und tiefgründig ist.

1. Richte dich nicht gegen die Sitten deiner Zeit.
2. Such nicht nach Vergnügen.
3. Bleib bei allen Dingen neutral.
4. Mach dir nicht viel aus dir selbst, aber viel aus anderen.
5. Halte dich dein Leben lang von Leidenschaften fern.
6. Was geschehen ist, ist geschehen; bedaure es nicht.
7. In guten wie in schlechten Zeiten beneide niemanden.
8. Wohin auch immer dein Weg dich führt, nimm ohne Trauer Abschied.
9. Tadele weder andere noch dich selbst.
10. Hafte in deinem Herzen an nichts an.
11. Begehre nichts.
12. Strebe nicht nach einer Unterkunft für dich selbst.
13. Strebe nicht nach exquisitem Essen.
14. Sammle keine alten Dinge, um sie verkaufen zu können.
15. Praktiziere keine asketischen Riten.
16. Hafte an nichts außer deinen Waffen.
17. Solange du den Weg praktizierst, fürchte den Tod nicht.
18. Erstrebe keinen Reichtum fürs Alter.
19. Ehre Götter und Buddhas, aber bitte sie um nichts.
20. Gib dein Leben auf, aber nicht deine Ehre.
21. Weiche nie vom Weg des Kriegers ab.

Am 12. Tag des 5. Monats im 2. Jahr der Ära Shôhô
Shinmen Musashi, für Fürst Terao Magonojo

   „Such nicht nach Vergnügen“ – weil die Suche nach Vergnügen zu den menschlichen Illusionen gehört. „Mach dir nicht viel aus dir selbst, aber viel aus anderen“ – normalerweise sollte man sich nicht so leicht nehmen, aber für die alten Krieger galt, dass sie in einer ausweglosen Situation das Recht hatten, durch seppuku Selbstmord zu begehen. Mit dem Dolch in der Hand dachten sie über die Situation nach, und wenn nichts zu machen war, zack!, stachen sie den Dolch in ihren Bauch. So ist das, wenn man sich wenig aus sich und viel aus anderen macht. Heutzutage opfern wir die anderen, nicht uns selbst. Wir denken nur an uns und daran, wie wir unsere Taschen füllen können. Wer Fehlschläge erlebt, beschwert sich über sein Schicksal, schleppt seine Klagen mit sich rum und macht sich davon. So einer macht sich viel aus sich und wenig aus anderen.
   Der sechste Punkt ist amüsant: „Was geschehen ist, ist geschehen; bedaure es nicht.“ Die alten Krieger hatten ein gutes Gespür. Musashi starb im Jahre 1645, eine Woche, nachdem er das Dôkukôdô verfasst hatte, dessen Manuskript in Kumamoto erhalten ist.
   Eines Tages suchte mich ein Mann mit blutunterlaufenen Augen auf, der äußerst nervös wirkte. Er sagte mir, er habe Angst, die wichtigste Beamtenprüfung nicht zu schaffen. Ich vermutete, dass er Zazen machen wollte, um seine Depression zu kurieren, also erwiderte ich: „Wenn du es nicht schaffst, dann weil es bessere Kandidaten gab; darüber solltest du dich freuen. Wenn du bestehst, dann weil du besser als die anderen bist; das sollte dich bekümmern, weil es in unserem Land so viele durchschnittliche Leute gibt.“ Meine Antwort überraschte ihn. Es ist besser, wenn du dir sagst: „Wenn ich durch die Prüfung falle, dann weil es bessere Kandidaten gibt als mich. Genau wie es im Sprichwort heißt: ‚Der alte Fluss trocknet nicht aus. Sogar verdreckt glitzert er noch golden.‘ Es gibt also noch eine Menge wertvoller Menschen in Japan, das ist gut und darüber freue ich mich.“ So sollte man denken, aber das begreifen nur wenige. Was geschehen ist, ist geschehen, doch die Mehrheit suhlt sich im Bedauern.
   Der siebte Punkt lautet: „In guten wie in schlechten Zeiten beneide niemandem.“ Die Krieger waren nicht eifersüchtig auf andere. Heutzutage beneidet jeder seinen Nachbarn. Das Dôkukôdô ist zwar kurz, aber es trifft mit jedem Satz den Kern.

Kôdô Sawaki: Das Lied des Erwachens. Kommentare zum Shôdôka.  
Angkor Verlag 2016. Ab 20. Juni im Handel.


[Sein Lehrer Jinen hat eine Facebook-Seite.]

Mittwoch, 18. Mai 2016

Zwei schwächere Bücher von bekannten Buddhisten

Ich möchte heute auf zwei Titel eingehen, die mir letztlich einen etwas unergiebigen Eindruck machten. Der erste heißt Training in Compassion (Shambala 2013) und besteht aus Reflektionen des Zen-Lehrers Norman Fischer zu der Praxis des Lojong. Fischers Zenreden sind mir eher angenehm aufgefallen, schon öfter hat er den Dialog mit anderen religiösen Überlieferungen gesucht. In diesen Kommentaren tritt mir jedoch ein etwas verwirrter Autor entgegen, der zum Beispiel meint, mit 50 Jahren habe man das Gefühl, 95 Prozent seiner Lebenszeit bereits hinter sich zu haben, denn die Zeit würde sich subjektiv beschleunigen. Diese Aussage von einem bestätigten Lehrer in der Tradition Shunryu Suzukis befremdet mich. Ich kann aus eigener Erfahrung mit 51 Jahren sagen, dass dem ganz und gar nicht so ist. Die Erfahrung der "Unendlichkeit" von Zeit (und Raum - was wissenschaftlich fragwürdig ist), wie sie von vielen Zenübenden und anderen spirituellen Menschen gemacht wird, führt meines Erachtens in der Folge zu einem solch starken Bewusstsein der Gegenwart, dass Fischers Annahme nicht dadurch gedeckt ist.
   In der Folge macht Fischer dann den üblichen Fehler, sich in einer Art Zensprech zu ergehen, der keinen echten Sinn ergibt. So meint er etwa, da alles vergehe, sei auch jedes noch so schwierige Problem bereits gelöst, selbst wenn es gerade erst im Entstehen begriffen ist. Wir alle wissen doch, dass dies für einige Probleme nicht gilt (nehmen wir zum Beispiel eine Krebswucherung) und nicht gelten sollte, und dass der Grund für einen solch billigen Trost, der alle Schwierigkeiten im Leben gleichschaltet, sogar in obiger falscher Auffassung der Zeit liegen könnte - denn wenn sie schneller verginge, wäre ja auch bald jedes Problem - gewissermaßen von selbst, per Vergänglichkeit - erledigt. Ich habe zwar nichts gegen einen gewissen Zynismus, aber hier fehlt es ja an jedwedem Humor, so dass man Fischer unterstellen muss, er meine das ernst. Genau wie die Plattitüde, wir könnten attraktive Objekte nicht (er)halten und unerwünschte Objekte nicht meiden. Tatsächlich tun wir jeden Tag genau das, wenn wir etwa unseren schönen Partner umgarnen und unsere Partnerschaft pflegen und das nicht essen, was uns nicht schmeckt. Meines Erachtens gelingt das vielen Menschen recht gut und bedarf nicht mal einer besonderen spirituellen Übung. Aber wenn man sein Augenmerk weniger auf die Gegenwart richtet als auf den Tod, wie Fischer, kommt man auf andere Prioritäten: "Obwohl wir spirituelle Praxis während unseres Lebens und für unser Leben betreiben, tun wir dies, weil wir sterben, und um Tod, Trauer und Verlust verstehen und bewältigen zu können." 
   Dieser Satz wäre noch nicht gar so übertrieben (geht er doch von der falschen Rangfolge aus, nämlich dass die Bewältigung des Todesphänomens wichtiger sei als die des Lebens, womit er im Übrigen auch Dôgen in die Quere kommt, der die einzelnen Zustände im Shôbôgenzô voneinander trennte), würde ihm nicht schon bald das abgedroschene "Es gibt keine Dinge wie 'Leben' und 'Tod'" folgen. Nun ja, möchte man da folgerichtig erwidern, wozu dann also das ganze Getue um deren Bewältigung, wo sie doch gar nicht existieren? Die Antwort findet Fischer natürlich wieder im Sammelsurium buddhistischer Phrasen: "Nutze die zwecklose Aktivität nicht für den Zweck, deinen Geist von deinem Leiden und dem der Welt abzulenken." Auch hier ist er ein Gefangener des modernen Sôtô-Zen-Duktus, der schlicht nicht sagen will: Wenn du dich ganz zweckhaft und zielgerichtet deinem Leiden und dem Leiden anderer stellst, wirst du es begreifen und lindern können. Dass Norman Fischer in all diese rhetorischen Fallen tappt, hat mich doch ein wenig überrascht.

Charles S. Prebish ist vielen als Buddhologe bekannt ("two Buddhism theory") und hat schätzenswerte Arbeit geleistet. Kaum in Rente, fühlte er sich zu einer Autobiographie namens An American Buddhist Life. Memoirs of a Modern Dharma Pioneer (Sumeru Press Inc. 2011) bemüßigt. Der Titel deutet schon an, dass Prebish nicht nur Akademiker, sondern auch praktizierender Buddhist ("scholar-practitioner") ist: "Zu den Gelübden zu werden war eine Erfahrung von 24 Stunden pro Tag. Mit anderen Worten, ich machte nur zwischendurch Sitzmeditation, wenn es nötig war, arbeitete aber eifrig daran, Lügen, Stehlen, Töten, das Verneben meines Geistes durch Rauschmittel und sexuelle Fehltritte zu meiden". Er lernte von Bope Vinita, bekam von "Schwester Palmö" seinen Bodhisattva-Namen und berichtet u.a. von einem eher banalen Erlebnis bei Chögyam Trungpa, der, als er einen Raum betritt, beim darin befindlichen Prebish einen plötzlichen Brechreiz auslöst, der genauso schnell wieder verschwindet, als Trungpa den Raum verlässt - was den Autor jedoch verwirrte.
   Ein Foto von Prebishs gerade fünf Minuten altem Sohn Rob habe diesen wie einen kleinen Tibeter mit schwarzem Haar und langen Ohrläppchen gezeigt, der seine Hände zu einem Mudra geformt hatte; als man aber den Prebishs ihren Neugeborenen dann mit nach Hause gab, wären Haarfarbe und Ohrläppchen drastisch verändert gewesen. Später freilich hätte sich dem Kind bei Spaziergängen furchtlos Rotwild genähert und eine einbeinige Ente sei aus dem Wasser gekommen und ihm in den Schoß gehüpft. Auch Trungpa ahnte beim Anblick eines Photos des Kleinen, dass es sich bei ihm um einen Tulku handeln könne. Rob wurde später freilich ein erfolgreicher Ringer. Obwohl ich Prebish für seine Kritik etwa an Thich Nhat Hanh und Helen Tworkov (der Gründerin des buddhistischen Magazins Tricycle), vor allem aber für sein "Journal of Buddhist Ethics" (das er 1994 mit Damien Keown begründete) schätze, deutet sich hier eine esoterische Neigung in ihm an, die ich bei Akademikern nicht gutheißen kann.
   Am Ende seiner Autobiografie empfiehlt Prebish noch, einige jüngere Akademiker und Buddhisten im Auge zu behalten, z.B. Brooke Schedneck und Danny Fisher. An einer Stelle dieses Werkes, das sich trotz aller Demut zu wichtig nimmt, greift Prebish seinem aktuellen Buch vor (mehr dazu im untenstehenden Clip). Er korrigiert da die alte Zenlehrerin Jiyu-Kennett und deutet an, dass ein Hundeleben dem Buddhisten als Vorbild taugen könnte: "Die alte Rôshi war verrückt. Sie verstand gar nichts vom Buddhismus. Lebendig zu sein bedeutete genau dies: wie ein alter Hund zu leben, der in der Sonne liegt. Wenn du durstig bist, hol dir was zu trinken. Wenn du hungrig bist, hol dir einen Happen zu essen. Wenn du kacken musst, geh aufs Klo. Und wenn du ein bisschen Aufmerksamkeit brauchst, kuschel dich einfach an deine Partnerin."


Mittwoch, 11. Mai 2016

7 Tipps, um den eigenen Geist offener zu gestalten

"Das Kennzeichen einer erstklassigen Intelligenz ist die Fähigkeit, zwei gegenteilige Ansichten zur gleichen Zeit im Geist aufrecht zu erhalten und dabei immer noch zu funktionieren." 

[E. L. Doctorow: Creationists. Random House 2006]

Im Anschluss an den letzten Beitrag möchte ich gemeinsam mit den Autoren noch auf eine Methode des amerikanischen Geheimdienstes hinweisen, die für die Schulung des eigenen Geistes hin zu Offenheit und Verständnis gegenüber anderen empfohlen wird. Diese Offenheit ist auch, wie wir letzte Woche lernten, Kennzeichen eines "erwachten" Geistes. 

1. Identifiziere deine eigenen Ansichten und erkenne, dass sie auf Vorurteilen beruhen.

2. Vervollkommne deine Fähigkeit, alternative Standpunkte einzunehmen.

3. Gehe nicht davon aus, dass die andere Person so denken oder handeln wird wie du.

4. Stell dir vor, dass die Ansicht, die du gegenwärtig vertrittst, falsch ist, und entwickle dann Argumente dafür, warum dies so sein könnte. Dies hilft dir, die Grenzen deiner eigenen Anschauungen zu erkennen.

5. Probiere die Anschauungen anderer Menschen aus, indem du tatsächlich nach ihnen handelst.

6. Spiel des Teufels Advokat, indem du den Standpunkt der Minderheit annimmst. Dies hilft dir zu erkennen, wie alternative Sichtweisen die Welt in einem anderen Licht erscheinen lassen.

7. Interagiere mit Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Glaubenssätze.

[siehe R. Heuer: "Psychology of Intelligence Analysis". CIA 1999]

 

Mittwoch, 4. Mai 2016

Wie Erleuchtung das Hirn verändert, wie man sie erkennt - und wie man sie beschleunigen kann

Nun also zum brandneuen Augenöffner über die Erleuchtung: "How Enlightenment Changes Your Brain" (Hay House UK 2016). Die Autoren: Dr. Newberg forscht u. a. zu integrativer Medizin an der Thomas Jefferson Universität. Mark Waldman ist u. a. "NeuroCoach", wobei er hirnbasierte Strategien lehrt, die er aus Studien über Achtsamkeit und Bewusstseinstraining übernimmt. 
   Das momentan nur auf Englisch erhaltene Werk fasst auf gut verständliche Weise zahlreiche, in Fußnoten erwähnte Studien zusammen, die sich insbesondere mit den Veränderungen im menschlichen Hirn beschäftigen, wenn jemand sich meditativen Praktiken widmet und/oder von Erleuchtungserfahrungen berichtet. Dabei werden verschiedene Religionen berücksichtigt wie auch agnostische Zugänge zum Erwachen. Die Erkenntnisse münden in praktischen Vorschlägen, wie der Übende und sein Hirn in einen Zustand versetzt werden können, der Erleuchtung hervorrufen kann. So tragen die Autoren auf erfrischende Weise zur Entmystifizierung und Entideologisierung dieses Prozesses bei.
   Die beiden Autoren hatten bereits in ihrem Werk "Born to Believe" gezeigt, dass wir uns zwar nützliche, aber unzutreffende Vorstellungen über uns und die Welt und Wirklichkeit machten, wobei wir aber davon ausgingen, dass wir diese korrekt wahrnähmen. Einer der Autoren berichtet von seinem intensivsten Erlebnis, bei dem er selbst sich "auf einem Ozean Unendlichen Zweifels treiben sah" und schließlich herausfand, "dass die einzige Gewissheit Zweifel sei." Alles, was er tun konnte, war, sich diesem Erlebnis hinzugeben, dass die Züge dessen annahm, was von zahlreichen Menschen als Erleuchtung beschrieben wurde: eine Schwächung des Selbst, das Gefühl des Einsseins und der Verbundenheit von allem, der Hingabe bei gleichzeitiger Klarheit, dass eine tiefere Einsicht oder Weisheit, also eine neue Sicht erlangt wurde, ein sehr emotionales, außerordentlich intensives, angenehmes und erhebendes Erlebnis. Die Autoren unterscheiden in kleine "e"-Einblicke und das große "E"-Erwachen. Da sich letztlich aber jedes dieser Erlebnisse etwas von den anderen unterscheide, trüge es immer auch einen persönlichen Zug. Die kleinen Erfahrungen, häufig im Gebet und der Meditation gemacht, würden unser Wohlbefinden und unsere Kooperationsfähigkeit mit anderen sowie unsere Empathie verbessern. Die bewusste Suche nach dem großen Erwachen könne nicht nur das eigene Leiden, sondern auch das der anderen in der Welt erleichtern; dabei würde man von einer Erfahrung des Erwachens zu einem Zustand des Erwachens übergehen. Es gäbe geschlechtsspezifische Unterschiede: Während Männer eher die Welt/das Universum und das Bewusstsein in den Fokus rücken, sind es bei Frauen Liebe, Beziehungen und die Kinder. Bei beiden Geschlechtern stieg nach dem Erwachen das Interesse an spirituellen Dingen, ließ aber an religiösen Belangen etwas nach. Die Erleuchtung würde zwar als wirklicher erlebt als andere Erfahrungen, unser Leiden bzw. die Gründe dafür würden jedoch in der Folge als weniger wirklich wahrgenommen. Für diesen Weg zur Erleuchtung hätten wir Menschen eine biologische Veranlagung.
   Die Hirnscans unterscheiden sich bei diesen Erfahrungen insofern, als zunächst eine Steigerung der Aktivität in den Regionen der Frontal- und Parietallappen vonstatten geht, beim großen Erwachen jedoch eine radikale Abnahme dieser Aktivität nachweisbar ist. Diese kann von einem Menschen bewusst herbeigeführt werden, etwa mithilfe von Gedanken und Absichten, Bewegung, Tönen und der Atmung. Selbstreflektive Beobachtung und Achtsamkeit könnten das Hirn auf die Erfahrung der Erleuchtung vorbereiten, der höchsten und lebensveränderndsten Bewusstseinsstufe (nach einem sechsstufigen Modell der Autoren). Die Folgen des Erwachens seien: größere Offenheit gegenüber anderen, kein Anhaften an vergangenen Fehlern, geringere Sorge bei der Lösung anstehender Probleme, stärkeres Gefühl von Frieden, Glück und Zufriedenheit. 
   Interessant ist, dass Studien zu Franziskanernonnen und Buddhisten ergaben, sie würden ca. eine Stunde benötigen, um die neurologischen Veränderungen der "kleinen" Erweckungserlebnisse zu bewirken, während etwa "Pfingstler" ("Pentecostals"), die z. B. in Ekstase in Zungen reden, und "Schreibmedien" (siehe Psychografie) dies schneller erreichten. Die Hirnareale, die durch intensives Gebet und kontemplative Mediation angeregt würden, seien die gleichen, die für das Unterscheiden von Gut und Schlecht, Güte und Gier, Liebe und Hass zuständig seien.
   Die Autoren fassen in diesem Zusammenhang auch andere esoterisch anmutende Praktiken wissenschaftlich zusammen, so habe sich zum Beispiel gezeigt, dass Menschen, die daran glauben, dass ihnen Gebete anderer helfen, schneller gesundeten. In weiteren Untersuchungen wurde die menschliche Fähigkeit zur Vorausahnung belegt. Überraschenderweise zeigte sich tendenziell bei Empfängern von aus der Ferne gegebenem "Segen" eine erhöhte Aktivität des Thalamus. Dieser Aspekt fasziniert mich selbst, wie ich hier schon schrieb, seit ich eine statistisch sehr unwahrscheinliche Häufung von Begegnungen mit einer geliebten Frau erlebte, auf die sich meine Gedanken lange Zeit in Liebe konzentriert hatten.* Erst vor ein paar Tagen kaufte ich in einem anderen Fall einen Schutzhelm für ein Kind, und als ich abends nach Hause kam, teilte mir die Bekannte, für dessen Kind ich ihn gekauft hatte und die ein paar Hundert Kilometer von mir entfernt war, mit, dass sie just zur gleichen Zeit mit ihrem jüngsten Kind und ihrer Mutter in einen Motorradunfall verwickelt war (der glimpflich ausging). Dieses spekulative Feld unserer Wahrnehmung, das auf der einen Seite zum Wahnsinn neigt und zuweilen auf quälende Weise nutzlos bleibt, erscheint mir als eines der viel versprechendsten Forschungsgebiete der Neurologie: Wie stark können wir über Distanzen hinweg mit geliebten Menschen verbunden sein, und wie sehr können wir deren Schicksal voraussehen und dies fruchtbar machen?
   Die Autoren geben praktische Hinweise und behaupten auch, dass sowohl sich wiederholende Bewegungen oder Töne wie auch eine spezielle Haltung - so lange sie angenehm seien ! - eine günstige rituelle Praxis darstellten. Sie berücksichtigen das Shaktipat der Hindus ebenso wie das Dikr der Sufis und die Meditation auf den Sound Om. Entscheidend sei, dass das "beobachtende Selbst" in einem Teil des Hirns stattfände, das nicht mit den sorgenvollen Gedanken im rechten Frontallappen verbunden sei, aber auch nicht mit den optimistischen des linken Frontallappens. Mehr "Achtsamkeit" im Alltag bedeute auch mehr Selbstvertrauen und eine verbesserte Fähigkeit, mit emotionalen Problemen fertig zu werden. Die "neurowissenschaftliche Wahrheit" der Autoren kommt uns bekannt vor: Unsere Wahrnehmung der Dinge sei nichts als eine Illusion, die im Parietallappen entstünde und in den Sprachzentren des Frontallappens einen Namen bekäme, unsere Gedanken und Gefühle seien also nur Gebilde in unserem Geist, Erinnerungen, die aus der Vergangenheit stammten und auf die Gegenwart projiziert würden. Darum müsse das gewöhnliche Bewusstsein, das vom Frontallappen regiert würde, unterbrochen werden, damit das eigene Glaubens- und Wertesystem zusammenbrechen und ein neues entstehen kann. 

Natürlich hat zumindest einer der Autoren auch ein kostenpflichtiges Programm aus diesen Erkenntnissen entwickelt. Man muss ihm aber seine umfassende Auswertung des wissenschaftlichen Materials zugestehen, das schließlich auch viele im Lauf der letzten Jahre hier und anderswo von mir geäußerte Empfehlungen untermauert.

- Es ist angebrachter, sich in rhythmischen Bewegungsmustern der Erleuchtung zu nähern, also etwa in spirituell betriebener Kampfkunst, als im regungslosen Sitzen, und/oder die "Achtsamkeit des beobachtenden Selbst" bei Alltagstätigkeiten einzuüben.

- Es ist viel versprechender, die Erleuchtung bewusst anzustreben und zu wollen, als sich diesem Anspruch zu verweigern.

- Es gibt sichtbare Veränderungen in der Lebensperspektive und Lebensführung von Menschen, die Erleuchtung erfahren haben (oder das von sich glauben).

Dies alles erklärt m. E. auch ganz gut, warum so viele User auf buddhistischen Plattformen keine Entwicklung in ihrer Praxis durchzumachen scheinen und keine Erleuchtung erfahren (es fehlt ihnen an bewusster Zielgerichtetheit und einer angemesseneren Methode) und sich eher vor Andersdenkenden abschotten und nicht im Reinen mit sich wirken.


[* "Die Freude, jemanden wiederzufinden, dem man schon einmal begegnet ist, dem man immer wieder begegnet ist, ewiglich, in einer unendlichen Zahl früherer Inkarnationen. Glaubt man nicht daran, ist es ein Mysterium." 
Michel Houllebecq: Gestalt des letzten Ufers. Dumont 2014]